Federkissen

Kehrseite 2 Das hätte ich natürlich nie tun sollen: gerade beim Fliegen noch in die Zeitung schauen, quasi als Abschied von der Erde. Aber da stand schwarz auf ...

Das hätte ich natürlich nie tun sollen: gerade beim Fliegen noch in die Zeitung schauen, quasi als Abschied von der Erde. Aber da stand schwarz auf weiß gedruckt: "Die Angst, in Pflegeheimen schlecht behandelt zu werden, treibt viele alte Leute in den Freitod. Das berichtet der Focus unter Berufung auf eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité."

Ich erinnerte mich an Herrn Peester in Amsterdam.

Wie Peester die Leere in der Kneipe ausgefüllt hatte, wusste auch schon keiner mehr. Für ihn war es eine Verzweigung innerhalb des schon umrandeten Espenblattes, das ich kurz gegen das Sonnenlicht halten durfte - lang genug, um zu sehen, dass sein ganzes Leben von dieser tapferen Zähigkeit durchdrungen war. Nimm allein schon die Tatsache, dass er sich mit 93 aus dem Pflegeheim zu kämpfen wusste. Das konnte nie aus einer plötzlichen Aufregung gekommen sein, so etwas entspross einem disziplinierten Durchsetzungsvermögen - dieser Geist hatte noch so viel Fahrtwind, dass die Hilfeverleiher samt Direktion wohl nachgeben mussten.

Nun also in der Luft, nach einigen Jahren als Krankenpfleger, genügend Geld in der Tasche für eine Reise quer durch Amerika - wir sind über dem Meer; wir nippen an den Wolken wie es Peester in dieser Kneipe an seinem Schnaps tat.

Ich schaue mir die Augen aus.

Sind es Wolken oder ist es Schnee? Fliegen wir vielleicht über Island? Ich hätte mich wohl besser auf die Welt-Karte vorbereiten sollen. Der deutsche Junge hinter mir hat auch keine Ahnung. Begierig schauen wir durch unsere Bullaugenfenster.

Wir fliegen über eine Ausstellung: Schneepuppen verschiedener Größe, Blumenkohl ohne Strunk, aufrecht oder am Kopf hängend, bizarre Rasierseifenkleckse und Bäche aus Luft. Hochhäuserwolken sehe ich unter mir. Aber die gigantischen Vulkane schlagen alles. Als ich zwischen Pilzen ein fliehendes Reh entdecke, bin ich des Schauens müde.

Hausieren ging er nicht mit seinem Geheimnis, es war für Einzelne bestimmt. Herr Peester war stolz, und das musste seine Rettung gewesen sein.

"Manchmal schmeißt er seinen Plastikurinsack durchs Zimmer..! Wenn er dich nicht mag, wirft er dir den Sack an den Kopf."

Herr Peester lag im Bett, mit offenen Augen. Das Katz- und Mausspiel musste schon begonnen haben, als ich seine Tür aufschloss, beim Drehen meines Schlüssels im Schloss, und weiter, als ich durch seinen Flur ging, einen kahlen, langen Gang mit nur einem leeren eisernen Kleiderhaken.

Das Entleeren des Urinsacks verlief ohne Komplikationen.

Es dauerte nicht lange und unser Herr saß in seinem Stuhl, zäh und stark wie der Stock in seiner Hand.

Was ist hinter deinen Augen, denke ich, in deinem kahlen - abgenagt durch Zeit, würde man fast sagen - in deinem kahlen Taubenkopf?

"Eine Tasse Tee, Herr Peester ...?"

"Ja, gel...", kam langsam krächzend heraus.

Während ich in der Küche Tee machte, hörte ich ihn drinnen in der Anrichteschublade wühlen, erstaunlich schnell.

Lag da eine Art Gefahr auf der Lauer?

Gegenüber einem murmelnden Peester saß ich und trank Tee, bis ich die Geistesgegenwart aufkommen fühlte, ihn freundlich zu fragen, was er sagte, ihn drängte, bis er spürte, dass ich tatsächlich zuhören wollte, und aus seinem Mund brachen Wörter.

Was ist ein Wort mehr als ein wie Herbstblätter zusammen gerechter Haufen von Buchstaben, sah ich ihn denken, bis er zu seiner Überraschung spürte, dass sie genährt durch Atem und dank der Stimmbänder zum Leben erwachten, so wie Wolken, kurz.

Die Wörter von Peester, von einem Berg hinunter rollende Steine: "Aber das Pferd, gel, das war todkrank. Und ich hatte schon einige Male zu Veenstering gesagt, das Pferd kann nicht mehr. Bis ich eines Tages in Veensterings Zimmer hineinging und sagte, wenn das kranke Pferd noch länger zieht, geh ich weg, dann kündige ich. - Peester, Kerl, sei vernünftig. Ich bin der Herr über das Tier. - Entweder das alte Tier zieht nicht mehr, oder ich hau den Hut drauf. - Peester, nütz doch dein Gehirn. Ich kann dir Gehaltszuschlag geben, aber das Biest bleibt vor der Karre! - Dann bin ich weggegangen, und nie mehr zurückgekommen."

Peester hat gesprochen, und ich habe atemlos zugehört. Auf dem Weg nach der Wäscherei, schleppend, und wieder zurück, drängte sich die Vorstellung auf, wie Peester in der Kneipe und sonst wo - er musste darauf wenigstens einige Zeit arbeitslos gewesen sein - versucht hatte, diese Erfahrung mitzuteilen - aber nie das richtige Gehör fand.

In der Wohnung lag Peester wieder zu Bett, ich hatte ihn zugedeckt. Dämmerung kam vom Garten ins Zimmer. Seine Augen waren geöffnet, Wachsamkeit strahlte von innen. Er wob im ganzen Zimmer, in der ganzen Wohnung sein starkes, kokonsanftes Netz; sein Fangnetz für den Fall aus dem Leben, sein Trampolin für die Umkehrung. Ich ließ ihn allein, ließ die Tür ins Schloss fallen, gab die Schlüssel ab.

Durch das Mikrophon wird mitgeteilt auf welche Zeit wir unsere Uhren umstellen müssen. Ob wir die Zeit herein gelegt haben oder die Uhr uns ein Bein gestellt hat, macht nichts: Die Barriere ist durchbrochen. Es ist jetzt so und so spät. Mir kommen alle Wolken, die unter uns ziehen, wie Schaum vor dem Maul eines müden Pferdes vor.


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00:00 01.10.2004

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