Die Welt als Hintergrundgeräusch

Kino In der französischen Komödie „Schmetterlinge im Ohr“ stellt sich ein Best Ager seiner Schwerhörigkeit, aber nur zaghaft den damit einhergehenden Lebenseinsichten
Gut hören und sich gut verstehen sind nicht dasselbe: Claire (Sandrine Kiberlain) und Antoine (Pascal Elbé)
Gut hören und sich gut verstehen sind nicht dasselbe: Claire (Sandrine Kiberlain) und Antoine (Pascal Elbé)

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Antoine (Pascal Elbé) ist Anfang 50, lebt in Paris und arbeitet als Geschichtslehrer. Und er ist ein Verdrängungskünstler. Dass er seinen Wecker nicht hört, seine Musikanlage beim Verlassen der Wohnung einfach weiterlaufen lässt, eine empörte Nachbarin sich immer öfter über die Lautstärke in seiner Wohnung beschwert und überhaupt Freunde und Kollegen von ihm zunehmend irritiert sind – das alles gibt ihm kaum zu denken. Erst als ihn eine seiner Vorgesetzten ermahnt, weil er neulich während der Feueralarmübung in der Schule einfach sitzen geblieben ist, keimt in ihm die Einsicht, dass er womöglich schwerhörig geworden sein könnte. Ein katastrophal verlaufener Hörtest bringt schließlich die Gewissheit. Antoine werden Hörgeräte eingesetzt, die ihn nicht nur mit den wahren Klängen seiner Umgebung konfrontieren, sondern auch das wahre Ausmaß seiner Verdrängung erleben lassen.

Für seine Komödie Schmetterlinge im Ohr griff Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Pascal Elbé auf eigene Erfahrungen mit dem Hörverlust zurück und nahm sich damit eines vielleicht alltäglich erscheinenden Themas an, das das Kino der vergangenen Jahre verstärkt für sich entdeckt hat. Man denke etwa an das Drama Sound of Metal (2019), den argentinischen Neo-Noir-Thriller El prófugo (2019) und natürlich den diesjährigen Oscar-Gewinner Coda (2021), die sich facettenreich mit dem Hören, den psychischen Dimensionen von Klang und den gesellschaftlichen Aspekten der Gehörlosigkeit auseinandergesetzt haben. Elbé nähert sich dem durch Hörgeräte auch nicht problemlos aufzufangenden Hörverlust vordergründig über das Zwischenmenschliche an und bezeichnet seinen Film selbst als „Komödie der Begegnungen“.

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Bis eine die Chipstüte öffnet

Schmetterlinge im Ohr zieht seine Komik entsprechend aus Antoines schwieriger Beziehung zu seinen Mitmenschen, die sich ihm nun über die Hörgeräte in Gänze offenbart. In einer gelungenen Szenenabfolge weicht seine Euphorie kurz nach dem ersten Einsetzen der Hörgeräte bald der Ernüchterung: Das Donnergrollen und der ans Fenster prasselnde Regen lassen ihn staunen, welche akustischen Wunder ihm in den vergangenen Jahren entgangen sind – bis eine Kollegin im Lehrerzimmer die Chipstüte auspackt. Von hier an ist Antoine mit Unangenehmem konfrontiert: Die Kommentare seiner Schüler*innen, die sich von ihm seit jeher ignoriert fühlen, verdeutlichen ihm die Auswirkungen seiner Schwerhörigkeit. Und ebenso verhält es sich mit seiner Familie: Bei einem Besuch wird ihm nicht nur bewusst, wie fortgeschritten die Alzheimererkrankung seiner Mutter Angèle (Marthe Villalonga) ist, auch die aufgestaute Genervtheit seiner Schwester Jeanne (Emmanuelle Devos) entlädt sich, die ihm auf den Kopf zusagt, dass er sich für seine Mitmenschen nie zu interessieren scheine.

An solchen Stellen eröffnet sich die Möglichkeit zur näheren Erkundung dieser scheinbaren Ignoranz des Protagonisten – aber leider schreckt Schmetterlinge im Ohr dann doch wieder davor zurück. Stattdessen lenkt Elbé seinen Plot hastig in die Bahnen einer Liebeskomödie. Claire (Sandrine Kiberlain), die anfangs hauptsächlich als nörgelnde Nachbarin in Erscheinung getreten ist, rückt als tragische Figur in den Vordergrund: Vor einem Jahr verlor sie ihren untreuen Ehemann durch einen Autounfall und lebt seitdem mit ihrer Tochter Violette (Manon Lemoine) bei ihrer Schwester Léna (Valérie Donzelli) und deren Ehemann Julien (Antoine Guoy). Violette hat der plötzliche Tod ihres Vaters dermaßen verstört, dass sie aufgehört hat zu sprechen und nachts schreiend aus Albträumen erwacht.

Französisches Feelgood

Durch eine zufällige Begegnung im Treppenhaus knüpft sich ein freundschaftliches Band zwischen der schweigsamen Violette und dem klangüberforderten Antoine, der sich nur langsam mit den noch nicht optimierten Hörgeräten und der Überforderung durch seine nun hörbare Umgebung abfindet. Folglich nähern auch Claire und er sich an, was leider den weiteren Verlauf des Films ins Farblose und Vorhersehbare abdriften lässt.

Dies liegt vor allem daran, dass Elbés Figuren dann leider doch etwas zu konturlos daherkommen, allen voran Antoine, dessen generelles Desinteresse und notorische Distanziertheit eben nicht nur von einer vermeintlich unbemerkten Schwerhörigkeit bedingt zu sein scheinen, aber doch nie von ihm hinterfragt und ergründet werden. Auch hinsichtlich Claires Verbitterung, die genregemäß gänzlich der plötzlich erwachenden Zuneigung für Antoine weicht, will sich Schmetterlinge im Ohr nicht näher erklären, sondern reiht einfach etwas lustlos die erwartbaren Missverständnisse und Irrungen aneinander bis zum sich schon unverschämt in Wohlgefallen auflösenden Finale.

Das ist schade, da Schmetterlinge im Ohr durchaus das Potenzial zur charmanten Komödie mit etwas mehr Denkanstößen erkennen lässt und in den besten Momenten etwas an About a Boy oder: Der Tag der toten Ente (2002) erinnert. Dessen von Hugh Grant gespielter Protagonist hatte zwar mit keiner Schwerhörigkeit zu kämpfen, aber mit einer ähnlich gearteten Entrücktheit von der Gefühlswelt seiner Mitmenschen, der er sich im Verlauf des Films auf amüsante und zugleich nachdenklich stimmende Weise stellte. Elbés Film hingegen meidet alles, was in seelische Untiefen münden könnte, und bleibt letzten Endes bewusst in den seichten Gefilden, die uns französische „Feelgood“-Filme seit Jahren so nonchalant und dennoch breitenwirksam zumuten.

Info

Schmetterlinge im Ohr Pascal Elbé Frankreich 2021, 93 Minuten

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