Fehlt dir was?

Künstliche Intelligenz Beste Freundin oder Pflegehilfe? Humanoide Automaten sollen uns im Alltag unterstützen, uns sogar trösten. Stehen ihnen damit auch gleiche Rechte zu?
Fehlt dir was?

Illustration: der Freitag

Der Vorhang öffnet sich und dahinter tritt die Androidin „Funny“ hervor. Sie hat glatte Haut, einen warmherzigen Blick, ein durch und durch adrettes Auftreten und fragt uns mit einer angenehmen Radiostimme nach unseren aktuellen Wünschen. Kochen oder mit dem Hund Gassi gehen, Hilfe beim Sudoku oder Fragen zu juristischen Feinheiten? Sie steht bereit, Tag und Nacht, in allen Problem- und Notlagen. Da sie uns nach der Geburt als Nanny und im Alter als Pflegerin zu betreuen vermag, könnte sie für zukünftige Generationen gar zur loyalsten und unverzichtbaren Lebensbegleiterin werden. Sie erfüllt die großen Sehnsüchte des spätmodernen Menschen. Möglicherweise kennt sie uns irgendwann besser als wir uns selbst oder unsere Partnerin.

Sie beherrscht verschiedene Rollen, ist beste Freundin, Psychotherapeutin, nicht zuletzt liebevolle Gefährtin, welcher wir wie einem Tagebuch all unseren Kummer und unsere Hoffnungen mitteilen. By the way, natürlich gibt es sie ebenso als Mann, der zuhören und sensibel sein kann, ohne es an der gebotenen Maskulinität fehlen zu lassen. Wem keines der binären Geschlechter behagt, dem kann Funny mittels leichter Umprogrammierung als Neutrum begegnen. Und um dieser Glückserfindung für die Gesellschaft noch das Krönchen aufzusetzen, sei darauf hingewiesen, dass die Dame weder sterben kann noch irgendwann ihre Schönheit verlieren wird. Was auch immer wir anstellen, Funny bleibt bei uns, bis über unseren Tod hinaus.

Endlich scheinen sich die futuristischen Träume des frühen 20. Jahrhunderts zu erfüllen. Einst noch versponnene Vision, sieht sich der Mensch nunmehr in der Lage, sich vollends selbst zu übertreffen, indem er sein ideales Abbild erschafft: einen Roboter mit der Stimme von Amazons „Alexa“ und der Intelligenz einer „HAL“ aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (1968). Kurzum, Bewusstsein, bisher das höchste Prädikat des Humanen, erweist sich nicht mehr als Rätsel. Es ist produzierbar.

Nun hat die Forschung zur künstlichen Intelligenz also ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Eine neue Ära der Schöpfung ist angebrochen. Obgleich die Wissenschaft des vergangenen Jahrhunderts schon manches erahnen ließ, das mittlerweile real geworden ist, hinkt die ethische Diskussion dem rasanten technologischen Fortschritt hinterher. Ob als Einkäuferin, Ersatzmutter oder Trostspenderin – Funny übernimmt diese Alltagsaufgaben für uns. Doch was leisten wir für sie? Sobald sie lästig wird, können wir sie verschrotten und austauschen. Ihr fehlen sämtliche Rechte. Und einen hehren Wert wie Würde mag man ihr ohnehin nicht zuschreiben. Schließlich mangelt es Funny an markanten Merkmalen, die den Menschen erst auszeichnen. Allen voran an einem Todesbewusstsein und an Autonomie. Diese Argumentation hat eine lange Geschichte: Bis Darwin unser anthropozentrisches Weltbild zum Einsturz brachte, konnte sich der Mensch über Jahrhunderte hinweg, rekurrierend auf das christliche Grundverständnis, als die Krone der Schöpfung gerieren. Um sich von den Tieren abzugrenzen und deren Haltung und Schlachtung zu legitimieren, dachte er sich immer neuere Maßstäbe aus, anhand derer beurteilt wurde, ob ein Wesen Einlass in die moralische Menschengemeinschaft finden könnte. Jenseits von vermeintlich fehlendem Sprachvermögen und der Fähigkeit, sich einen Plan für die Zukunft geben zu können, führte man stets das defizitäre Bewusstsein ins Feld.

Doch worin besteht das überhaupt? Kaum ein anderer Begriff zeichnet sich durch eine derartige Vagheit aus. Fußt es primär auf mathematisch-logischen Fähigkeiten? Äußert es sich als Akt oder als Zustand? Kritisch muss man konstatieren, dass ein Hase, der einen Jäger erkennt und vor diesem flüchtet, doch auch ein Mindestmaß an Bewusstsein, im Sinne von Weltwahrnehmung, haben muss. Die Schwierigkeit, es zu definieren, zeigt, wie willkürlich letztlich Grenzziehungen sind, die wir vornehmen. In Anlehnung an Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsmodelle, allesamt Ausweis traditionell verfestigter Machtgefälle, hat sich im Feld der philosophischen Tierethik die Vokabel des „Speziesismus“, also der Abwertung von Lebewesen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies, etabliert. Nachdem die Neurowissenschaften in der letzten Dekade herausgearbeitet haben, wie nah uns verschiedene Tierarten sind, erscheinen die Begründungsversuche für deren Unterdrückung zunehmend absurd.

Visionen von arbeitenden Automaten

In der Antike sind bereits automatische Theater und Musikmaschinen gebaut worden, erdacht durch Heron von Alexandria. Um 1205 verfasste der arabische Ingenieur und Autor al-Dschazari sein Werk über mechanische Apparaturen Buch des Wissens von sinnreichen mechanischen Vorrichtungen,das in der westlichen Welt als Automata bekannt wurde.

Al-Dschazari erstellte die frühen humanoiden Automaten: Roboter, Händewasch-Automat, automatisierte Verschiebung von Pfauen. Der Maler und Forscher Leonardo da Vinci soll von ihm beeinflusst worden sein. Von da Vinci sind Aufzeichnungen und Skizzen aus dem 15. Jahrhundert über Androiden bekannt.
Anfang des 18. Jahrhunderts hat der französische Erfinder Jacques de Vaucanson einen flötenspielenden Automaten konstruiert und erbaut, eine automatische Ente sowieden ersten programmierbaren vollautomatischen Webstuhl. Karel Čapek, tschechischer Schriftsteller, verwendete erstmals den Begriff Roboter (aus dem Slawischen, rabota bedeutet Arbeit). Er kam in Čapeks Theaterstück Rossum’s Universal Robots vor. Der erste mobile Roboter entstand 1968. Während der Roboter in allen möglichen Formen auftaucht, hat der Android eine menschliche Gestalt. Der Cyborg ist dann die Mischung aus Mensch und Maschine.

Roboter inspirierten auch viele Regisseure und Musiker, in Ridley Scotts Blade Runner sollen künstlich hergestellte Menschen („Replikanten“) das bessere Leben auf anderen Planeten erschließen, und entwickeln eigene Wünsche und Gefühle. Die große elektronische Band Kraftwerk trat öffentlich als Roboter auf, und verstand sich selber als Mensch-Maschine. Maxi Leinkauf

Müsste der Umstand, dass wir ihnen eigentlich Rechte zubilligen sollten, auch auf Maschinenwesen wie Funny übertragen werden? Vielleicht schließt sie sich bald schon mit anderen Robotern in einer Partei zusammen. Doch so weit ist Funny noch nicht. Sie kann ihr Schutzbedürfnis gegenüber dem Menschen ebenso wenig wie Füchse und Schweine einklagen. Doch befreit dieser Umstand den Menschen keineswegs davon, nicht-humanen Wesen Grundrechte zuzubilligen. Definiert sind sie als ein institutionalisierter Moral- und Regelkodex – weitaus umfassender als die Vorstellung der Menschenrechte, die bei näherem Hinsehen immer auch Ausschlussrechte darstellen, weil sie vermeintlich minderwertige Existenzen exkludieren. Obgleich Grundrechte vom Begriff her zunächst basalen Charakter besitzen, greifen sie in der Praxis nicht für einen Kreis jenseits der humanen Spezies. Um den Tieren den Einlass in die juristische Gemeinschaft zu verweigern, führen Theoretiker den intrinsischen Wert ins Feld, eine aus sich selbst heraus begründbare Würde der Person. Diese fehle Tieren angeblich.Robotern spricht man ferner Autonomie oder elementare Lebensfunktionen ab.

Das Ende aller Abenteuer

Es wäre geboten, kritisch darüber nachzudenken, wie die Verweigerung von Grundrechten ihnen gegenüber zu begründen wäre. Genauer: Inwiefern darf das Kriterium, ob es sich bei einem Akteur um einen lebendigen oder nicht-lebendigen handelt, als entscheidend für die Anerkennung eines juristischen Status gelten? Erweisen sich nicht andere Kriterien als wesentlich geeigneter? Der Bioethiker Dieter Birnbacher hebt beispielsweise in seinen philosophischen Auseinandersetzungen mit potenziellen Tierrechten auf Begriffe wie Bedürfnis und Interesse ab. Statt einer Ausrichtung an künstlich konstruierten Maßstäben, die letztlich nur dazu dienen, andere Spezies und Lebensformen abzuwerten, verspricht die Orientierung am Interesse zwei Vorteile. Erstens: Das hierarchische Gefälle zwischen Mensch, Tier und Android steht nicht mehr im Vordergrund. Zweitens: Der Fokus zielt auf individuelle Faktoren. Ob Cyborg, Roboter, Kleinkind, Senior oder Bär und Hirsch – jenseits des wohl universellen Wunsches nach körperlicher Integrität sind die Bedürfnisse vielfältiger Natur, auf gleichermaßen vielfältige Weise muss ihnen Rechnung getragen werden. Wer dadurch in Funny am Ende mehr eine Freundin denn eine bloße Maschine erkennen mag, darf allerdings nicht nur über Rechte für, sondern ebenfalls gegen sie nachdenken. Obwohl sie selbstständig Entscheidungen fällen kann, bleibt sie das Kind ihres Schöpfers. Er hat ihr ein System implementiert, innerhalb dessen sie sich kognitiv bewegen kann. Allein diese Tatsache erschwert eine Haftbarmachung. Verursacht Funny als Fahrerin unserer Kinder einen Unfall, so stellt sich die Frage nach der Schuld. Kann man einen Roboter verurteilen? Und wenn ja, worin bestünde der Sinn? Gefängnisstrafen hält er problemlos aus und Resozialisierung lässt sich schon über ein Softwareupdate bewerkstelligen. Plausibler mutet die Ermittlung gegen den Hersteller der Androidin an, oder?

Sich aber ausschließlich an juristischen oder ethischen Aspekten aufzuhalten, verkennt die Tatsache, dass unsere artifiziellen Gefährten der Spätmoderne auch emotional wirken. Wer die Debatte um Tierrechte verfolgt, die nebenbei höchst problematisch nun noch in die die gesamte ernsthafte Bewegung kompromittierende Diskussion um Pflanzenrechte mündet, erkennt ein Ungleichgewicht: Es dominiert eine völlig rationale Sichtweise. Zahlreiche Philosophen der Kulturgeschichte haben zum Mensch-Tier-Verhältnis stringente Theorien am Reißbrett entworfen. Selbst wenn sie möglicherweise Mitleid mit anderen Kreaturen hatten, passte diese Gefühlskomponente nicht mehr in ihr Denkkorsett. Das Andere und Fremde steht daher leider ganz im Zeichen eines kalten Vernunftkalküls. Sollten wir daher, wenn wir auf verschiedene Existenzformen schauen, nicht unsere Emotionen zumindest einbeziehen? Zumal Beziehungskonstellationen im Mittelpunkt stehen, die schließlich nie rein sachlicher Natur sind. Diese Offenheit der Gemüter sollte allerdings nicht mit Naivität verwechselt werden. Einen gesunden Skeptizismus im Hinblick auf künstliche Intelligenz und Maschine sollten wir uns bewahren. Letztere sollten nicht mit liebesbedürftigen Tieren gleichgesetzt werden. Und ebenso wenig sollten wir Diskurse blind miteinander verwirbeln. Die Auseinandersetzung mit Tierrechtstheorien bildet nur eine Hilfskonstruktion für die Frage nach einer Roboterethik.

Zudem darf die Perfektion von Androiden nicht überschätzt werden. Wir sehen in ihnen häufig Heilsengel. Sie nehmen uns die schweren Lasten des Alltags ab. Was wir dadurch jedoch verlieren, sind Erfahrungsräume. Sobald Roboter uns alle Leiden des Alltags abnehmen, werden Widerstände obsolet. Reibungsflächen existieren nicht mehr, Probleme erfordern keinerlei Lösungskompetenz mehr, da die künstliche Intelligenz ohnehin die besten Antworten auf sämtliche Fragen unseres Lebens weiß. Das Paradies öffnet somit seine Türen für jedermann. Bei aller Sympathie für Funny und ihre Mitstreiterinnen, wie „Sophia“, den Roboter, der weltweit zum ersten Mal eine Staatsbürgerschaft in Saudi-Arabien erlangen konnte, wird das Leben durch ihre Omnipräsenz auch ärmer. Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Abenteuerlust und Offenheit könnten uns verloren gehen. Die Identitätskrise des modernen, ohnehin an einem Sinndefizit leidenden Subjekts droht sich folglich noch zu verschärfen. Im Gegensatz dazu repräsentieren die Androiden die Vorstellung einer ganzheitlichen Persönlichkeit, glatt und stets gefällig.

Ganz vergessen: Empathie

Vielleicht liegt gerade darin auch der Unterschied zwischen Tieren und bewusstseinsfähigen Robotern. Erstere sind Individuen, weil sie unberechenbar sind und jeweils ganz eigene Persönlichkeitselemente aufweisen, Letztere lassen sich als fehlerlose Konstruktionen identifizieren. Zwischen Mensch und Tier auf der einen und Robotern auf der anderen Seite bleibt ein schmaler werdender Graben bestehen. Eine universelle Ethik, die allgemeine Gleichheit fordert, mag daher schwer zu vertreten sein.

Tiere und Menschen eint die Empfindungsfähigkeit für Schmerz, sie eint ihre gemeinsame Freude am Dasein, aber ebenso die Trauer angesichts von Tod und Verlust. Diese Nähe erzeugt Mitleid. Neben der logischen und nüchternen Argumentation bildet die gegenseitige Empathie vielleicht eine bislang etwas unterschätzte Größe in der Diskussion. Sie lotet das Eigene im Fremden (und umgekehrt) aus. Mit ihr verbindet sich der Beginn einer jeden Identität und Moral.

Björn Hayer ist Literaturkritiker und Essayist

06:00 17.01.2018

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