Fehlzündung

Musik In den Sixties stürmte Stephan Sulke die Charts. Sein neues Album reimt das Thema Altwerden zugrunde

Gleich zum Auftakt seines neuen Albums Liebe ist nichts für Anfänger schmachtet Stephan Sulke: „Du kannst mich noch so oft besuchen.“ Doch die Wendung, die der Text in der nächsten Sekunde erfährt, überrascht: „Ich mach dir trotzdem nicht mehr auf.“ Dazu seufzen Streicher, das Piano zärtelt. Das Resümee: „Ich geb mein Herz nie mehr. Kommt futsch zurück nachher.“

So also beginnt das neue Werk von Stephan Sulke, das gerade beim Berliner Label Staatsakt erschienen ist, auf dem sich nun offenbar all jene wiederfinden, die früher ganz großartig waren und von denen man lange nichts mehr gehört hat. Vor kurzem erst erschien hier das Comeback-Album von Tilman Rossmys Band Die Regierung. Auch Christiane Rösinger, auf deren Songtexte Klaus Walter in der vergangenen Ausgabe des Freitag in seinem Artikel über das Thema Altwerden im Pop umfassend einging, veröffentlicht seit einiger Zeit hier. Ebenso Dieter Meier und Die Sterne. Nun also Sulke.

Doch diesem Sulke will das Comeback nicht so ganz gelingen. In Stücken wie Wenn einer so wie ich erzogen worden ist, Eu-Ro-Pa oder Edelmetallalter zeigt sich der 1943 in Shanghai geborene Schweizer, der 1982 mit Uschi (mach kein Quatsch) in die Hitparaden schnellte, von Grund auf träge. Stephan Sulke ist ein konservativer Songwriter, dessen Idee nicht Aufbruch, nicht Veränderung ist. Immerhin hat er nun, sechs Jahre nach Enten hätt’ ich züchten sollen, ein neues Album hinbekommen.

Seine Kritik an den Zuständen ist von milder Ironie. Meistens fühlt sich der heute gemeinsam mit seiner Frau in Südfrankreich lebende Sulke recht wohl in der Welt, in der er lebt. Musikalisch liefert er auf Liebe ist nichts für Anfänger augenzwinkernden Altherren-Pop mit dem für ihn typischen Genuschel. Nun ja. Früher war alles besser, möchte man ihm zurufen. Mitte der 1960er etwa, als Sulke unter dem Pseudonym Steff ziemlich perfekte, upliftende Beatmusik in englischer und französischer Sprache gemacht hat. Schon 1963 erschien in Frankreich seine erste Single, die ihm prompt den Grand Prix du Premier Disque einbrachte. Verliehen aus den Händen von Maurice Chevalier.

Nach Beat und den frühen Beatles oder Jacques Dutronc klingt heute gar nichts mehr. Stattdessen hören wir schnurrigen Liedermacher-Pop, dem bubenhafter Charme nachgesagt wird, der aber allzu oft einfach nicht zünden will. Ganz gleich, ob Sulke es mit Soul und Disco versucht (Ich bin so traurig, Mann Oh Mann) oder altväterlich schunkelig von früher erzählt (Wenn einer so wie ich erzogen worden ist), ob er chansonesk über eine Verflossene mit viel zu blondem Haar berichtet (Marilyn) oder die Zumutungen des Älterwerdens zum Anlass für ein Lied nimmt (Edelmetallalter): Trotz der Lakonie bleibt er allzu oft im kleinkünstlerischen Milieu stecken.

Angestrengte Reime

Das war nicht immer so. Stücke wie Lotte aus dem Jahr 1976 etwa zeigten, wie groß Sulke-Songs in ihren besten Momenten sein konnten. Heute klingt er oft einfach Blöde, wie ein anderes Stück seines neuen Albums heißt. Das trashige Video zu diesem Song sei keinem empfohlen: Es verfolgt einen noch tagelang.

Und bitte, Stephan Sulke, Zeilen wie „Keine Panik, keine Bange, du bist nicht erkrankt / Bist nur im Edelmetallalter angelangt / Silbersträhnen in den Haaren / Gold um die Zähne zu bewahren / Und dann und wann: Titan, wo in den Hüften mal Naturgelenke waren“ wollen wir nicht hören. Humor und Selbstironie: gerne. Auch Songs über das Älterwerden. Aber bitte, bitte nicht so angestrengt gereimt.

Info

Liebe ist nichts für Anfänger Stephan Sulke Staatsakt 2017

06:00 26.07.2017

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