Feilschen um Afrika

Kongo-Konferenz Vor 125 Jahren teilten die europäischen Großmächte in Berlin einen ganzen Kontinent unter sich auf. Die Folgen dieser imperialen Willkür sind bis heute zu spüren

Es gibt eine Wissmannstraße in Berlin, wie das in Bochum oder Hannover einst auch der Fall war. Heute taucht dort der Name Wissmann im Stadtbild freilich längst nicht mehr auf. Hermann von Wissmann war ein deutscher Kolonial-Gouverneur, der sich unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck um die Kolonie Deutsch-Ostafrika zu kümmern hatte. Nach der Einberufung der Berliner „Kongo-Konferenz“ 1884/1885, auf der sich die europäischen Großmächten darüber verständigten, wie sie den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilen würden, war Deutsch-Ostafrika neben Deutsch-Südwestafrika die größte Eroberung des deutschen Kaiserreiches auf einem fremden Kontinent.

Warum keine Reparationen?

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt erinnerte man vor Wochenfrist mit einem internationalen Kolloquium an das imperiale Verdikt vor 125 Jahren, dessen Folgen den Schwarzen Kontinent bis heute prägen. Aus den seinerzeit gezogenen Demarkationslinien zwischen Kolonien wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Grenzen zwischen souveränen Staaten. Wer einen Blick auf die politische Geografie Afrikas wirft, sieht teils schnurgerade Markierungen, die auf ethnische Zugehörigkeiten, Stammesgebiete oder geschlossene Biotope keine Rücksicht nehmen. Je nach Bedürfnis und Interessenlage wurde Ende des 19. Jahrhunderts im wilhelminischen Berlin der Kuchen „Afrika“ in Stücke zerlegt und wohl portioniert unter den europäischen Kolonialmächten verteilt. Die alt eingesessenen Konquistadoren Frankreich und Großbritannien, aber auch das als kolonialer Parvenü debütierende deutsche Kaiserreich sicherten sich die ergiebigsten Pfründe. Was folgte, waren Völkermorde, Zwangsenteignungen und Versklavung.

„Die europäischen Mächte waren nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass auf afrikanischem Boden der erste große Völkermord des 20.Jahrhunderts begangen wurde“, erinnert Yonas Endrias, Generalsekretär des Afrika-Rates Berlin-Brandenburg, auf dem Berliner Treffen 125 Jahre später. Gemeint sind die Umstände der Kolonialisierung Deutsch-Südwestafrikas, dem heutigen Namibia, im Jahr 1904, als sich das Volk der Hereros durch einen Aufstand der eindringenden Kolonialarmee widersetzte und mit barbarischen Exzessen dafür bestraft wurde. Unter dem Kommando des Generalleutnants Lothar von Trotha wurden die Menschen gejagt, getötet oder in Lagern interniert. Danach war das Volk der Hereros nahezu komplett ausgelöscht. Forderungen nach einer Entschädigung für diesen Genozid, wie sie nach der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990 immer wieder laut wurden, hat bisher keine Bundesregierung Gehör schenken wollen. 2001 wurde eine Klage auf Reparationen in Höhe von vier Milliarden Dollar von einem US-Gericht in erster Instanz abgewiesen. Die Bundesrepublik betrachtet Entwicklungshilfe für Namibia als ausreichenden Akt der Wiedergutmachung für die Sünden und Verbrechen der kolonialen Vergangenheit.

Wie in vielen anderen afrikanischen Ländern ist auch in Namibia die Erbschaft der Kolonisation bis heute nicht abgetragen. Noch immer arbeiten viele Hereros auf Farmen, die den Nachfahren der einstigen Kolonialisten gehören. Die besäßen noch immer den Großteil der ertragreichsten und damit für die Landwirtschaft so wichtigen Agrarflächen Namibias, meint Endrias. „Und genau das wollen wir ändern, indem wir uns für Landreformen in den betroffenen Ländern stark machen“. Auch deshalb habe seine Organisation zu dieser Veranstaltung ins Berliner Haus der Kulturen der Welt eingeladen. „Was damals geschah, ist bis heute nicht wirklich aufgearbeitet worden. Keine deutsche Regierung hat sich je offiziell für den damaligen Völkermord entschuldigt. Nicht einmal in Schulbüchern wird die Kolonisation Afrikas thematisiert“. Man wolle endlich etwas für die afrikanischen Länder erreichen – warum sollten jene Staaten, die einst an der "Kongo-Konferenz" teilgenommen haben, keine Reparationszahlungen leisten müssen? 125 Jahre lang habe sich niemand ernsthaft um Restitution und Wiedergutmachung bemüht. Auch deshalb gelte es, die afrikanische Diaspora zu vernetzen, um so Druck auf die Politik ausüben zu können.

Umbenennung in May-Ayim-Ufer

Mit dem „Scramble for Africa“, wie das Feilschen der Kolonialmächte um ihre afrikanischen Filialen gelegentlich genannt wird, verbanden sich im auslaufenden 19. Jahrhundert vor allem imperiale Hoffnungen auf den wohlfeilen Rohstoff-Lieferanten im Süden, der von Gold über Erdöl und Mangan bis zum für die Waffenproduktion begehrten Cobalt so viel zu bieten hatte. Auf keinen Fall wollten die Kolonialmächte wegen dieser Ressourcen Krieg gegeneinander führen. Ganz im Gegenteil, also einigte man sich bei der Kongo-Konferenz fast brüderlich über die Aufteilung der beanspruchten Gebiete. Die Bevölkerung Afrikas wusste oder ahnte selbstverständlich nichts davon. Zu Ende des 19.Jahrhunderts sei man mehr denn je vom Vorrecht einer „überlegenen weißen Rasse“ überzeugt gewesen, die sich in vielen Regionen Afrikas etablieren dürfe, so Yonas Endrias.

Dabei waren sich die Kolonialmächte der Schwierigkeiten einer Verwaltung so großer Gebiete wie Französisch-Westafrika, wozu das Territorium der heutigen Staaten Mauretanien, Mali, Niger und Senegal gehörte, durchaus bewusst. Man achtete deshalb auf die richtige Balance zwischen der Einsetzung von hörigen afrikanischen Politikern in den kolonialen Administrationen und dem Aufbau politischer Institutionen in den Kolonien selbst. Unabhängig wurden die meisten afrikanischen Staaten bekanntlich erst nach 1960. Der Spagat zwischen scheinbar entwicklungsfördernder Regionalpolitik und imperialistischer Ideologie imprägniere auch heute noch die Afrika-Politik der großen westlichen Industriestaaten, ist ein Teilnehmer des Kolloquiums im Haus der Kulturen der Welt überzeugt. „Afrika ist der reichste Kontinent der Erde. Deshalb ist Macht über Afrika so wichtig. Heutige Regierungen in Afrika können noch immer der verlängerte Arm der Kolonisatoren sein – nur, dass die heute China oder Indien heißen“.

Zum Abschluss des Berliner Treffens zum Jahrestag der "Kongo-Konferenz" wird eine Charta angenommen. Sie fordert unter anderem Reparationen für die einst vom Kolonialismus heimgesuchten afrikanischen Völker und eine Erklärung, mit der damalige Kolonial-Gipfel als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt wird. Verlangt werden Ressourcen für die Erforschung und Dokumentation der afrikanischen Geschichte und ein weltweites Forum für Menschen afrikanischer Abstammung. Ein offizielles Dokument soll innerhalb der nächsten drei Monate den Vereinten Nationen zugeleitet werden.
In Erinnerung an eine afro-deutsche Aktivistin wurde nach dem Treffen das Berliner Gröben- symbolisch in May-Ayim-Ufer umbenannt. Als nächstes könnte man sich dann der Wissmannstraße annehmen.


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12:25 13.03.2010

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