Feindbild Dogma

Autobiografie Großdenker Karl Heinz Bohrer hat seine „Abenteuer“ aufgeschrieben. Über den abgehobenen, aber auch neugierigen Intellekt

Ein Zeitalter wird besichtigt. Ein großer alter Zeppelin geht glitzernd zu Boden. Ein Geist, der zu einer untergegangenen Epoche gehört, schwebt noch einmal durch die Welt, zu der er gehörte, und die Welt ist nicht zu trennen von seinem Geist. Der Geist nämlich ist ein individualistisch-liberaler, und sich mitsamt dem Körper in diese Welt zu stürzen, anzupacken in ihr, vielleicht den stets zu schlichten Fingerzeigen der Moral zu folgen, ist ihm allemal zu banal. Wie anders kann der Geist sich der Welt gegenüber behaupten als dadurch, dass er ihr fernbleibt? Du bist in mir, verhalte dich. Sagt die Welt. Nein! Erwidert der liberale Geist, alles, was zählt, sind die Funken, die ich aus deinen Phänomenen schlagen kann. Denn es gibt eine größere, bedeutendere Sphäre als die des Geschehens – Intellekt heißt sie. Hier krachen die Geister aufeinander, jeder Aufsatz, der einen anderen, vorherigen Aufsatz vernichtet, ist eine Supernova – schweig still, du Schnöde.

Bœuf bourguignon in Paris

Der deutsche Publizist und Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer hat ein autobiografisches Buch geschrieben, das Buch heißt Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie und ist nach gut 500 Seiten irgendwann zu Ende. Natürlich hat er sie alle gekannt! All diese Geistesgrößen, deren Namen man auf akademischen Partys beiläufig im Mund zu führen hat, viele von ihnen tauchen als begabte junge Leute auf in der Welt des großen liberalen Geistes und machen dann ihren Weg, gehen ein in die intellektuelle Sphäre, wo die Philosophen, die existenzialistischen Dichter und die FAZ- und Merkur-Größen umeinanderschweben und diesen ganzen Kosmos in einem Wechselspiel der ständigen Anziehung und Abstoßung aufrechterhalten. Bohrer war dabei, all die Jahrzehnte nach dem Krieg, dann und wann streift er auch durch die Materie, um die Farblichkeit der Londoner Straßenzüge mit denen von Paris zu vergleichen oder um im Restaurant mit dem Fleisch eine ganze große Nation zu verspeisen: „Im Winter, wenn wir drinnen saßen, aßen wir meist Bœuf bourguignon. Es war ein Einatmen von Frankreich, so als ob man ein Chanson von Brassens hören würde.“ Als Student gerät er einmal in Frankreich in die Nähe eines gerüchteweise bevorstehenden Waffengangs, das beflügelt ihn spürbar, ansonsten sind die Fährnisse der Realität immer weit genug weg, dass sie sich als interessante Phänomene ins Eigene einarbeiten lassen: „Seit dem Fall von Dien Bien Phu in Vietnam war das Drama der französischen Kolonien ein großes Thema geworden. Es wurde auch mein Thema für die mündliche Prüfung im Nebenfach Geschichte: ein Vergleich zwischen englischer und französischer Kolonialverwaltung im 18. und 19. Jahrhundert. Der Prüfer, Professor von Albertini, ein Schweizer Historiker, war Fachmann auf dem Feld. Insofern kam mir die Nachricht vom Putsch in Algier wie gerufen, es lag darin eine Erwartung, eine Antizipation. Nicht nur wegen der bevorstehenden Promotion, sondern weil sich der Putsch als plötzliches Ereignis in einer lauen Zeit zeigte.“

Spektakuläre Ereignisse sind dem Verfließen von Gegenwart in jedem Fall vorzuziehen, das ist ein Programm wie aus einer lange vergangenen Zeit, das erinnert an den Schneid im Offizierskasino, da atmet man den 1914er Augustgeist, der jubelnd an die Somme aufbrach – eine archaische Empfindung juveniler Männlichkeit, die den Freigeist sogar punktuell der gewaltbereiten Linken nahebringt: Kommunistischen Studenten attestiert er mit Bewunderung „etwas weiß Gott entschieden Kühnes im Gegensatz zur politischen Stille an der Heimatuniversität, auch wenn man ihre Ideologie als Liberaler radikal ablehnte. Es war ihnen mit den Waffen ernst.“

Selbst die Inhaftierung der Baader-Meinhof-Mörder machte „die Bundesrepublik um etwas ärmer, das man nur schlecht definieren konnte“. An solchen Stellen ist spürbar, wie weit entfernt der altliberale Geist vom Jetzt des Heute ist, spürbar ist aber auch, was wir mit ihm verlieren, mit dem abgehobenen, aber auch neugierigen großbürgerlichen Intellekt: Wenn etwas in ihm nicht gilt, so ist es der Dogmatismus. Keine Wahrheit kann so wahr sein, dass sie nicht umgedacht werden könnte, kein Gegner so verfeindet, dass sich nicht auch ihm etwas abgewinnen ließe.

Voyeuristische Neugier

So liest man mit voyeuristischer Neugier über die Vorgänge rund um die Entmachtung Bohrers als FAZ-Literaturchef, nicht ungern sieht man auch dem Waschen schmutziger Wäsche in diesem Zusammenhang zu, und nickend ist man ganz bei Bohrer, wenn er den im Nachgang zum Bundes-Buchkritiker avancierten Reich-Ranicki, seinen Nachfolger bei der FAZ, abkanzelt als „im krassen Naturalismus und Psychologismus steckengebliebener Kritiker, quasi von gestern“. Und doch kommt er nicht umhin, auch diesem geistigen Feind seinen Tribut zu zollen: „Trotz seines mangelnden Taktes und seines hemmungslosen Ehrgeizes musste man einfach Sympathie für den spontanen Witz und das explosive Temperament des neuen Chefs haben. Er war der laute Gegensatz zum langweiligen Ernst vieler westdeutscher Intellektueller.“ Das ist natürlich ein vergiftetes Lob, mit dem Reich-Ranicki und verbohrt-teutonisches Akademikertum gleichermaßen hingestreckt werden, doch scheint der Moment der Sympathiebekundung ehrlich. Und hier liegt dann auch der selten, dafür aber umso dringender benötigte Wert des Liberalismus: jederzeit frei zu sein von Dogmen, jederzeit die Augen offen zu haben für das Überraschende, Schöne, Erregende, auch dort, wo man eigentlich, nach gekannter Lesart, nicht damit rechnen dürfte. In solchen Momenten ist Bohrer unserer Gegenwart der medial inszenierten, dümmlich-polarisierten Glaubenskämpfe und Zahlenhuberei dann wieder weit voraus.

Info

Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie Karl Heinz Bohrer Suhrkamp 2017, 542 S., 26 €

Die Bilder des Spezials

Peter van Agtmael, geboren 1981 in Washington D.C., ist Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum und mit einigen wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Van Agtmaels soeben erschienener Fotoband Buzzing at the Sill (Kehrer-Verlag, 192 Seiten, 39,90 Euro), aus dem die Bilder unserer Beilage stammen, ist voller oft dunkler, poetischer Arbeiten, in denen die USA wie ein unwiderruflich zerrissener Ort erscheinen. Den mysteriösen Titel verdankt Buzzing at the Sill einem Gedicht von Theodore Roethke, In a Dark Time („My soul, like some heat-maddened summer fly, keeps buzzing at the sill“). In der Auseinandersetzung des Fotokünstlers mit seinem Land sind immer auch ganz persönliche Stimmungen zu spüren: Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit angesichts einer absolut ungewissen Zukunft. Und gleich daneben kocht die Wut

06:00 24.03.2017

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