Feine Unterschiede

Linksbündig Kulturstaatsminister Nida-Rümelin will sich stärker um die Popkultur bemühen

Wie man "U" von "E", also Popkultur von Hochkultur überhaupt noch unterscheiden könnte, mag sich mancher auch nach dem "Kanzlerduell" gefragt haben. Allerdings stellte sich die Frage einmal anders als sonst: Denn was von Medienskeptikern immer wieder als "Boulevardisierung der Politik" beschrieben und befürchtet wird, genau das hat sich hier nicht bewahrheitet. Eher das Gegenteil: eine gewisse Musealisierung der Unterhaltung fand statt. Ausgerechnet die Privatsender sind über ihr Ziel, für diesen Ausflug in die hohe Politik entsprechend seriös zu erscheinen, weit hinausgeschossen. Es zeigte sich, dass nicht nur die Bereiche des Ernstes vom ständigen Übergriff der Spaßgesellschaft bedroht sind, sondern dass ebenso ein Zuviel an Ernst auf dem Gebiet der Unterhaltung Verheerendes anrichtet. Das "Kanzlerduell" war kein Talkthriller und keine Sternstunde seriösen Journalismus´, sondern ein unentschiedener Zwitter, dem man seine Flachheit sowenig wie die Langeweile verzeiht.
Das Infotainment ist vielleicht nur eine kleine Nische auf dem Feld der weiten Popkultur, während die politische Debatte sich auch nur am Rande mit dem berührt, was als Hochkultur bezeichnet wird. Und doch zeigt sich am Misslingen der Formatkreuzung, dass die Gegensätze nicht so einfach zu überwinden sind, auch wenn die Mehrheit der Zuschauer längst die Kulturprodukte beider Seiten wie selbstverständlich abwechselnd genießt. Auf ein ganz wesentliches Strukturmerkmal des Unterschieds von "U" und "E" hat Kulturstaatsminister Nida-Rümelin in seiner Rede zur Eröffnung der "Popkomm"-Messe vor zwei Wochen hingewiesen: Hochkultur, das ist das, was gefördert wird, während Popkultur das ist, was trotzdem existiert, konnte man da, etwas grob zusammengefasst, heraushören. Nun gut, mag man noch einwenden, Pop ist eben das Populäre und kann sich deshalb selbst ernähren, während die "hohe" Kunst gegen ihre Unpopularität verteidigt und gepflegt werden muss - Argumente, die so alt wie nicht von der Hand zu weisen sind. Auf die Generationenfrage zugespitzt, wird die Förderkluft jedoch zum Problem: "Die öffentlich geförderten Angebote erreichen Menschen zwischen 15 und 30 nur eingeschränkt", heißt es bei Nida-Rümelin. Wem das zu fleischlos klingt, der vergleiche einmal die viel beklagten Eintrittspreise in Oper und Theater mit den Preisen von Popkonzerten - und besorge sich dann die Zahl, mit der jede Opernkarte im Durchschnitt subventioniert wird. Als Bilanz kann man nur staunen, wie viel die Popkultur ihren Anhängern wert ist und wie klaglos dort bezahlt wird!
Ohne nun gleich die Subventionierung von Popkonzerten zu fordern, ergibt sich aus Nida-Rümelins Darlegung doch die Frage, wie man die Jüngeren am Kulturfördergenuss stärker beteiligen könnte. Und sofort macht seine Rede einen ganz anderen Mangel spürbar: nämlich die gänzliche Abwesenheit von Kulturpolitik im Wahlkampf, von kulturpolitischen Fragen als Streitpunkte und Unterscheidungskriterien. So stimmt es fast sentimental, wenn Nida-Rümelin in seiner Rede auf die glorreiche Epoche der sozialdemokratischen Kulturpolitik zu sprechen kommt, die siebziger Jahre, in denen der Aufbruch der Popbewegung für die Politik fruchtbar gemacht wurde unter dem Slogan "Kultur für alle". Als erfolgreiches Projekt beschreibt er, was in den achtziger Jahren abgelöst wurde von der Tendenz zu "Ökonomisierung" des kulturpolitischen Diskurses und in den Neunzigern schließlich in einer neuen Phase der "Elitarisierung" endete. Exklusivität schaffen, scheint heute die kulturpolitische Devise zusein, zumal in der Hauptstadt. "Kultur für alle" ist dagegen zum (teuren!) Schreckgespenst verkommen.
Gerade weil Nida-Rümelin mit seinem Gang durch die kleine Geschichte der Kulturpolitik die wichtigen und oft vermissten Fragen aufwirft, kann seine Anregung, bei der Förderung des Pop mit einer wie auch immer freiwilligen "Nationalquote" im Radio zu beginnen - zur Stärkung der Newcomer und der deutschen Produktionen -, nur enttäuschen. Von den Höhen der Aufhebung der Unterschiede zwischen U und E, den Utopien der kulturpolitischen Gleichberechtigung landet man so auf einmal wieder bei einer ökonomisch bestimmten "Nationalkultur". Zugegebenermaßen bösartig verkürzt wird aus "Kultur für alle" auf diese Weise eine "Kultur für Deutsche". An dem multiplen Wesen der Popkultur geht das vorbei.

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00:00 30.08.2002

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