Feix` Reise in den Prenzlauer Berg

Berliner Abende Auf dem frischen Grab von Lothar Feix fangen die Blumen an zu verwelken. "Zum Abschied von Deinem Torpedokäfer", steht auf einer der wenigen ...

Auf dem frischen Grab von Lothar Feix fangen die Blumen an zu verwelken. "Zum Abschied von Deinem Torpedokäfer", steht auf einer der wenigen Kranzschleifen. Jemand hat ein Anarchisten-A in den Staub geschrieben und das rot-schwarze Farbband, das Bert Papenfuß auf die Blumen fallen ließ, ist auch noch nicht fortgeflogen. Am Donnerstag war der "langzeitarbeitslose Gelegenheitsautor" (Feix über Feix) und Torpedokäfer-Tresenkraft der letzte von vier Leuten gewesen, die in dieser Woche auf dem Georgenfriedhof bestattet wurden. Er hatte den Friedhofsarbeitern das Mittagessen versaut, denn es waren viele gekommen, die sich Zeit ließen beim Abschied. Schwer zu begreifen, dass in dieser schwarzen Vase, die der Friedhofsangestellte in falscher Trauer vor sich hertrug, Lothar sein sollte. Anne meinte, der sitzt im Geäst und lacht sich tot. Und am Ende hat er sich geärgert, weil niemand nach der Punkversion von My Way tanzen wollte, die er noch ausgesucht hatte, bevor er in der Frauentagsnacht starb. Wenigstens gab es kein Witwengerangel am Grab.

Jetzt ist Sonntagabend, und die Sonne blinzelt nur noch schwach zwischen den Bäumen hervor. Gleich wird sie hinter der Straße am Prenzlauer Berg verschwinden. Eben war ich in einem literarischen Salon, in dem Texte aus dem Nachlass von Peter Brasch gelesen worden waren. Es ist unter den Prenzlauer Berger Künstlern schick geworden zu sterben. Als hätten sie der neuen Zeit nur die Ästhetik des Totseins entgegenzusetzen. Krebs, Herz, Alkohol die Todesarten. Acht Männer zwischen 40 und 50 sind so innerhalb von zwei Jahren in meiner unmittelbaren Nähe zu Tode gekommen. "Das ist zu unseren Zeiten immer so gewesen", hatte mir die 94-jährige Emigrantin Eva im Februar in New York gesagt, und es war kein Bedauern in ihrer Stimme gewesen. Es war für sie eine unumstößliche Tatsache. "Alkohol, Zigaretten, wechselnde Liebschaften, das ewige Nachtleben, das halten Männer nur schwer aus. In der Midlifecrisis fallen die Schwächeren um und sind tot." Auch ihr Mann, ein Schriftsteller, war so gestorben. Allerdings war sie erstaunt, dass das heute immer noch so sei.

"Du bist ja nur gekommen, um meinen Nachruf zu schreiben", hatte Lothar Feix im letzten Sommer zu mir gesagt, als ich ihn im Krankenhaus Prenzlauer Berg besuchte. Alles an Lothar war Prenzlauer Berg, und nun auch das Krankenhaus.

Aber dann wurde er nach Buch überwiesen, und der Versuch, ihn zu retten, misslang. Man schickte ihn zum Sterben in die Dunckerstraße zurück, und er trotzte dem Krebs den längsten Text ab, den er jemals geschrieben hat.

Lothar Feix war einer der wenigen in dem lockeren Gefüge, was von außen Prenzlauer-Berg-Szene genannt wurde, der nicht aus irgendeiner Provinz kam. Im Grunde genommen hat er die Gegend um die Dunckerstraße Zeit seines Lebens nie verlassen. Ich weiß nicht, ob er jemals geflogen ist. Lothar hasste Leute, die Prenzlberg sagten. Er hasste überhaupt eine ganze Menge oder missachtete es. Aber hinter der Fassade des alkoholisierten Kauzes mit Palästinensertuch, Trenchcoat, wilden Haaren und fast ohne Zähne verbarg sich ein kluger Mensch, der ungeheuer belesen war.

Im Januar hatten wir einen Spaziergang gemacht und dabei Feix´ Reich abgemessen. Von der Raumer am Helmholtzplatz entlang, die Lychener bis zur Danziger und durch die Duncker zurück zur Raumer. Lothar musste alle paar Meter stehen bleiben und husten. Es war kalt und feucht, der Himmel hing kurz über der Berliner Traufhöhe. Lothar machte das, was Neu-Prenzlauer-Berger "shoppen gehen" nennen. Er kaufte Punkmusik und im Antiquariat Broschüren der Stadtguerilla. Später schrieb er seinen eigenen Nachruf, in dem er sarkastisch fragte, warum einer noch liest, wenn er sowieso bald tot ist.

An diesem hässlichen Januartag hat Lothar kurz vor der Duncker gesagt: "Im Frühjahr werdet ihr eine schöne Beerdigung haben. Es wird die Sonne scheinen, und es wird nicht mehr kalt sein." Lothar sollte Recht behalten.

Sein letzter Wille war, im Prenzlauer Berg begraben zu werden. Endlich hatte das "im Prenzlauer Berg wohnen" einen Sinn. Aber das Sozialamt war der Meinung, eine Bestattung auf den dortigen Friedhöfen sei zu teuer. Lothar hätte zu Lebzeiten wahrscheinlich gesagt: "Erst versauen uns die Westler mit ihrem Geld die Mieten und dann wird man noch als Toter nach Pankow ausgewiesen." Keine Ahnung, wer es geschafft hat, das Sozialamt umzustimmen.

"Ruhe nun in Frieden", sagte der Friedhofsangestellte und fing an, das Grab zuzuschütten. Ich musste feixen. Kaum auszudenken, dass Lothar auf dem Georgenfriedhof Ruhe geben wird. Vielleicht macht ihm Bäckermeister Menz vom Grab gegenüber zum Einstand eine Schwarzwälder Kirschtorte, die noch einmal zu essen er sich im Krankenhaus gewünscht hatte.

00:00 12.04.2002

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