Feldforschung, bedrohte

Berliner Abende Jetzt Buttersäure vor der "Dachkammer"! Buttersäure am "Intimes"-Eck! Buttersäure in der "Apotheke", grässlich verdampfend zum "Conmux" hin, wo ich, ...

Jetzt Buttersäure vor der "Dachkammer"! Buttersäure am "Intimes"-Eck! Buttersäure in der "Apotheke", grässlich verdampfend zum "Conmux" hin, wo ich, aus der Tiefe des Ostens in bemenschtes Gebiet stoßend, gern am Abend zu sitzen pflege, um meine ethnologische Feldforschung voranzutreiben. Doch nun schon ab 21 Uhr 30 nervöses Scharren des Bedienungspersonals, selbst hier im "Conmux", wo noch der Punk zuhause und man von den Klängen südamerikanischer Dünnpfiffschrammeln weitgehend verschont ist, selbst hier Folgsamkeit und Abräumen angesichts der angedrohten Bußgelder für die Wirte, bei Zuwiderhandlung: Um 22 Uhr sind die Freisitze geräumt, da kann das Wetter sich ins Zeug legen wie es will.

Bundesweit hat Friedrichshain sich aufgeblasen, die tote Simon-Dach-Straße, im Gruselschatten beinahe noch besetzter Häuser, binnen weniger Jahre zum Wildbad Kreuth für die wahre Szene, die Mitte- und Kollwitzplatzemigranten gemendelt - und nun das. Dabei können die Wirte noch von Glück reden, am Erlass eines allzeit bereiten Subalternen, während des Urlaubs des Bezirksbürgermeisters ersonnen, vorbeigeschrammt zu sein, der jedem der heute über 100 Caipirinha-Ausschank-Stuben und -Salons ab 20 Uhr sechs Stühlchen - Sitze, nicht Tische - aufzwingen wollte. Da hätten sie ihren Renommier-Kiez wieder einpacken können. Zumal die Veränderungen des Berliner Wetters vom sommerlich trockenen Festlands- zum unfrohen und kostspieligen Rein-Raus-Klima verschärfend hinzukommt.

Schon hatten sich bewährte DDR-Platzierungsfachkräfte die alten Anzüge aufgebügelt und überlegt, wie hoch sie die Handsalben für die Anweisung freiwerdender Plätze ansetzen sollen. Aber den Anwohnern, selbst den um Ruhe klagenden der Initiative "Die Aufgeweckten", war ob des Gewaltpotentials, das eine solch rigide Lösung birgt, Angst und Bange um ihre Sicherheit beim Queren der Straßen, außerhalb Wagen und Wohnung, beim schnellen Fliehen ins Hausinnere geworden. Jetzt also - Stand der Dinge - 22 Uhr, und Klagen und Gegenklagen der Wirteverbrüderung "Wir(te)".

Gestern, beispielsweise, ein Abend wie Samt und Seide, schon um 21 Uhr 30 eine seltsam gespannte Stille, trotz voller Vorgärten, Freisitze, Trottoirs. Ein Summen fast, wie es sommers manchmal über reifen Wiesen herrscht, kaum unterbrochen von aufkollerndem Lachen aus südamerikanisch befeuerten Frauenrachen, sofort wieder gedämpft, als verschlössen die Seniores vorsorglich die schönen Hälse oder roten Münder. Aber in der Idylle vorfristig schon, Inseln der Ungastlichkeit: Dürre Beine der nach oben gedrehten Bänke, gekippte, gar angekettete Stühle. Und der Ethnologe, der ja kaum vor 22 Uhr aus der Studierstube aufs Feld seiner Forschungen kommt, natürlich angeschissen.

Gerade in den letzten Wochen hatte er neue Bedrohungspotentiale wie auch Akte friedfertigen Symbolismus entdeckt, denen es nachzugehen gilt. Beispielsweise hat die Mode der tief, dicht über der Schambehaarung sitzenden Damenhosen in Kombination mit den hoch, bis unter die Brüste gerafften Leibchen dazu geführt, dass schwangere Frauen in furchterregender Weise ihre schier berstenden Bäuche glänzend nackt wie Bomben durch die Gegend tragen - eine, wenn wir die Zukunft denken, ja durchaus handfest, realistische Bedrohung -, deren sekündlich zu erwartende Detonation den Ethnologen ein ums andere Mal instinktiv dazu treibt, sich dahinter verschanzend, den Wirtshaustisch im Reflex um 90 Grad zu schwenken. Andrerseits die paarweisen Figurationen des menschlichen Friedens, wahrscheinlich den Bildern aus New York, vor allem vom Erfurt-Killing, vielleicht auch von der Jahrhundertflut geschuldet, dass also man mehr und mehr junge Menschen sich umarmend stehen sieht, an beliebigem Ort, gegenseitig sich der Rücken versichernd, über dieselben in der bekannten Trost-herbei- und Leid-hinweg-Reibe-Geste streichend, Menschen, die sich offensichtlich dazu verabreden, auf der Straße treffen, um jene erinnerungsmächtigen wie friedenpflanzenden Symbole zu formen: "Heut Abend ist wieder Umarmen, komm doch mal kurz runter!"

Aber wie gesagt: Buttersäure jetzt auch in der "EM-Bar" im "Hundertwasser", bis rüber zum "Euphorion", rund um Caipirinhahain, und du kriegst kein Bier mehr auf die Bretter, und die ganze Feldforschung geht den Bach runter. Aber der Bezirk, wie von Sinnen, unterschreibt gleichzeitig eine neue Bodega-Konzession nach der nächsten Tapas-Bar-Konzession und eine neue Tangoopfer-Chillout-Lounge-Konzession und ... für die Simon-Dach-Straße. Als herrschte hier der Not leidende Frieden.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 13.09.2002

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare