Felix Osnabrück

NUSSBAUM-HAUS Ein Maler kehrt heim

Eigentlich war 1998 das Jahr für Osna brück. Die katholische Enklave im südlichen Zipfel Niedersachsens machte gleich dreimal von sich reden. Anläßlich des 100. Geburtstags von Erich Maria Remarque verwies die Stadt stolz auf dessen Herkunft. Ähnliches gilt für die Jubelfeier zum Westfälischen Frieden. Aufwendig inszenierte Osnabrück zusammen mit dem nahegelegenen Münster das 350jährige Bestehen des »ersten europäischen Vertrags«. Und im Sommer blickte dann noch die gesamte Architektenwelt dorthin. Da galt es den ersten Museumskomplex aus der Feder des Architekten Daniel Libeskind einzuweihen. Der vielleicht exzentrischste Architekt unter den Dekonstruktivisten verließ mit der Fertigstellung des Museumsanbaus in Osnabrück das Terrain des Theoretikers. Gelobt und bisweilen sogar hymnisch gefeiert in den Gazetten von Ost nach West, erreichte der Ergänzungsbau des Kulturgeschichtlichen Museums Osnabrück gleich einen Platz auf der Architekturliste der Times unter den zehn eindruckvollsten Bauten des Jahres. Die Einweihung hinterließ zudem einen Eindruck von den möglichen Ausmaßen, die das bis dahin noch nicht eröffnete Jüdische Museum in Berlin zeigen würde. Osnabrück ist reicher geworden.

Was 1998 nicht mehr zu schaffen war, ist am vergangenen Wochenende vollendet worden. Mit einem Festakt, dem der Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, durch seine Anwesenheit Glanz und Ehre verlieh, wurde die Sammlung Felix Nussbaum im gleichnamigen Haus feierlich eröffnet. Obwohl es seine Zeit dauerte, bis auf der Veranstaltung der richtige Ton gefunden war. Die Eröffnung - an sich ein freudiges Ereignis - hatte mehr den Charakter eines Trauergottesdienstes. Das Opfer Felix Nussbaum stand im Mittelpunkt der Reden, so daß die Überleitung zu seinem Werk und dessen Präsentation im neuen Haus schwierig war. Die Sammlung hat nach 30 Jahren der Improvisation endlich einen festen Ort bezogen.

Das Kulturgeschichtliche Museum Osna brück hat sich mit dem Anbau ein wahres Juwel in den Garten gesetzt. Eindrucksvoll gliedert sich die Architektur in drei Baukörper, einem aus Holz, einem aus Stahlblech und einem aus Sichtbeton. Strukturiert werden die Bauelemente durch eigenwillige Fensteröffnungen, die entweder einer Betonung in der Vertikalen folgen oder in die Horizontale weichen. Die material-betonten Fassaden fügen sich harmonisch in die historische Umgebung ein, obwohl der polyfokale Bau an sich erst einmal irritiert. Die Baukörper berühren sich oder durchstoßen einander, so daß sie einen Innenhof in der Form eines Dreiecks bilden, der sich begehen läßt. Eine Steinbank in Form eines archaischen »X« wartet dort auf den Besucher.

Das »X« ist Emblem und strukturierendes Element zugleich. Es markiert einen Schnittpunkt zwischen zwei Linien. Gleichzeitig steht es aber auch für »EX«, also das Aus, das Ende von allem. Das Felix-Nussbaum-Haus heißt »Museum ohne Ausgang«. Im übertragenen Sinne thematisiert der Name bereits das Schicksal des ermordeten Malers. Über eine stählerne Hängebrücke in Gestalt eines »X«, vorbei am Vertikalen Museum, in dessen Grundriß sich auch »X« fügt, gelangt man in den Bau. Die Stirnseiten des »Nussbaumgangs«, ein jeweils schmaler, düsterer und leicht ansteigender Gang im Inneren, tragen ein großes »X«. Es gibt keinen Ausweg, kein Entrinnen vor dem Schicksal.

Der Maler Felix Nussbaum konnte der Vernichtungsmaschinerie der Nazis nicht entkommen. Zusammen mit seiner Frau, der Malerin Fleka Platek, wurde er mit dem letzten Zug von Belgien nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Lange Jahre der Angst im Exil und das ständige im Versteck leben müssen waren dem Ende vorausgegangen. Die Angst, die Not und seine Verzweiflung hat er auch im Bild festgehalten.

1904 in Osnabrück geboren, treibt es den jungen Nussbaum früh an die Akademien von Hamburg und Berlin. Dort bringt er es in den zwanziger Jahren zu beträchtlichem An sehen. Die insgesamt 160 Gemälde, Zeichnungen und Gouachen der Sammlung Felix Nuss baum geben Aufschluß über das Spektrum seines Schaffens. Anleihen bei van Gogh oder Rousseau und später bei den Vertretern der pittura metafisica werden deutlich. Hervorzuheben sind die Portraits aus dieser Zeit, die sehr an Modigliani geschult sind. Desweiteren gibt es Landschaften und liturgische Feste, die Eltern und immer wieder Selbstreflektierendes, übermütige Künstlerallüren.

Die Jahre im Exil lassen die Farben dunkel werden. Die dargestellten Sujets scheinen in sich zu verstummen. Sie berichten von einer tiefen Traurigkeit, bis sie schließlich das nackte Elend der Schattenexistenz zeigen. Das vermutlich bekannteste Gemälde von Felix Nuss baum, das »Selbstbildnis mit Judenpaß« von 1943, demonstriert in unverhohlener Direktheit die Ausweglosigkeit seines Daseins.

Die Dauerausstellung ist chronologisch gegliedert. Das lag nahe, schließlich gibt es enge Parallelen zwischen den Bildsujets und den jeweiligen Lebens- und Schaffensphasen. Auch die Architektur greift die Lebensphasen von Nussbaum auf. Je nachdem wie es Nussbaum in der jeweilige Phase erging, sind die Räume entweder offen und lichtdurchflutet oder wirken, im Gegenteil, eng und beklemmend. Es gibt keinen Rückzug, keine wirkliche Intimität. Gitterroste lassen den Blick in die jeweils andere Ebene zu. Mal hoch, mal nieder, mal in Gruppen zusammen, mal vereinzelt strukturieren sie den nackten Sichtbeton der Wände. Die Bilder fungieren als meßbarer Indikator des Abwesenden. Sie sind überall präsent, in jedem Winkel, jeder Nische. Sie schaffen sich ihren Raum selbst, man könnte auch sagen, sie verschaffen sich Gehör, Aufmerksamkeit. Anders als gewöhnlich, wird die Abwesenheit des Künstlers im Museum zu einer schmerzlichen Erfahrung. Auf eindrucksvolle Weise hat sich hier ein Dialog zwischen den Exponaten und dem Präsentationsort entspannt.

Wer hier wen auf welche Weise bereichert hat, läßt sich nur mehr schwer sagen. Augenscheinlich ist, daß das Kulturgeschichtliche Museum Osnabrück Weitblick bei der Wahl des Architekten bewiesen hat. Evident ist auch, daß die Sammlung Felix Nussbaum durch das Zusammenspiel mit der Architektur in ansprechender Weise aufgewertet wird. Und schließlich löst die Stadt mit Hilfe von Land und Sparkasse knapp vor der Jahrtausendwende ihr Versprechen ein, das Erbe des gebürtigen Osnabrücker Malers für die Nachwelt zu sichern. Die Sammlung Felix Nuss baum besitzt nun endlich einen festen Ort.

Eine Touristenattraktion wird das Felix-Nussbaum-Haus nicht werden. Dafür fordern Architektur und Exponate zu viel vom Betrachter. Für einen Geheimtip aber ist das Museum zu sensationell. Das Felix-Nussbaum-Haus mit gleichnamiger Sammlung wird seine Besucher finden. Felix Osnabrück.

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00:00 26.03.1999

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