Feminismus tut weh

Wohoo! Unsere Autorin war auf dem Female Future Force Day und hat gelernt, was eine deutsche Frau ist: blutend, unbefriedigt, entnervt
Feminismus tut weh
High five! Es geht um deine Zukunft!

Foto: Mark Mainz/Getty Images

Die Stadt war mit rosa Plakaten zugepflastert. In großen schwarzen Lettern kündigte das Berliner Online-Frauen-Magazin Edition F den „Female Future Force Day“ an. Am 12.10.2019, Hangar Sechs, Flughafen Tempelhof! Der Female Future Force Day. Die „Konferenz für Dich und deine Zukunft“!

Meine Schwester und ich geben uns einen gewaltigen Ruck, überwinden beträchtliche innere Widerstände und lassen uns akkreditieren. Wir brauchen Input, wir müssen Erfahrungen sammeln, und deswegen müssen wir dahin.

Weil ich eine Frau bin, muss ich mich von Edition F duzen lassen:

„Die Konferenz für dich und deine Zukunft“

Das klingt gleichzeitig unklar und übergriffig. Verstehst du, was ich meine? Andererseits, wenn man geduzt wird, fühlt man sich gleich wieder so jung und du fühlst dich ja gerne jung, weil du dann bessere Chancen auf dem Heiratsmarkt hast.

Trotzdem. Ich bin offended. Edition F nimmt mich nicht ernst. Rosa Plakate für eine Frauenkonferenz!

Und sie ärgern mich weiter. Kurz vorher bekomme ich eine Mail:

„Wooohooo, heute ist es soweit!

Guten Morgen liebe Ruth, bist du heute auch mit einem Lächeln im Gesicht aufgewacht, weil dein erster Gedanke war: Heute ist der FEMALE FUTURE FORCE DAY 2019!“

Außerdem schreiben sie mir, ich soll mir einen warmen Pulli einpacken und genügend Bargeld einstecken, um mir an dem Tag Essen kaufen zu können. Die Nachricht liest sich wie eine Mail von der passiv-aggressiven, tablettenabhängigen, sich aufopfernden, stumm vorwurfsvollen Übermutter, die ich nie hatte.

Ich war mit der Konferenz bisher nur virtuell in Kontakt und bin schon mehr als leicht aggressiv. Trotzdem wasche ich mir die Haare, schminke ich mich, ziehe mir einen warmen Pulli an und stecke genügend Bargeld ein.

Woohoo, ich bin da. Flughafen Tempelhof, Hangar Sechs!

Gott, sind hier viele Frauen und alle sind so hübsch! Selbst die Hässlichen holen noch das Maximum aus sich raus. Die sind alle dermaßen stilsicher gekleidet, mir wird sofort klar, dass die aus der Provinz kommen müssen. Die sind EXTRA angereist! Aus Bielefeld, Jena, Münster, Kassel, Schwerin, Rosenheim.

Man sieht es an den Dutts, den Plateauturnschuhen, den hübschen gemusterten Blusen, den Rollkragenpullis, den roten Lippen, den farbigen Strumpfhosen. Erin Brockovich trifft Minnie Mouse trifft Lois Lane trifft Bridget Jones trifft Daisy Duck trifft Hermine Granger.

Ich sehe die Thees Uhlmann CDs vor mir

Ich kriege Bilder in den Kopf. Ich sehe die Wohnungen der Frauen genau vor mir: Die Vintage Vasen mit den Trockenblumen. Die Bastkörbchen. Die Teelichter. Die Teelichthalter. Die floral bedruckten Sofakissen.

Die hellen und freundlichen Küchen. Die hübschen dänischen Müslischalen. Die hübsche Obstschale vom Flohmarkt. Die Postkarten an den Kühlschränken. Das Basilikum auf den Fensterbänken. Die Gläser mit Muscheln und Ostseesand darin. Die kleinen Kakteen. Die schwarz gerahmten schwarz-weiß-Landschaftsfotos, den Teddybär aus Kindheitszeiten, das Bett zur Sicherheit 1,40 breit, die hellgrauen Bettbezüge, das Schaffell auf den abgeschliffenen Dielen, im Regal Der alte Mann und das Meer, Neue Vahr Süd und Helen Fielding, Fleisch ist mein Gemüse und Patricia Cornwell, Sybille Berg und Thees Uhlmann CDs.

Ach, ich könnte ewig so weitermachen. Aber wir sind nicht zu Hause, wir sind im Hangar Sechs! Female Future Force Day! Es geht um deine Zukunft! Und Dich!

Es gibt Stages, da stehen Speakerinnen drauf und reden. Ich setze die Kopfhörer auf, die man uns am Eingang leihweise überließ. Zurückgeben nicht vergessen! Dafür gibts auch ein Goodiebag, verspricht man uns, bzw. 100 Euro Strafe!

Ist ja gut Mama, I got it.

Hangar Sechs, Tempelhof. Graue Wände, hohe Decken, große Fenster, Flugfeld. Bühnen, Gewusel, Stände, Bühnen, Kühlschränke mit Limonaden, Bieren, Säften. Kilometerlange Schlangen am Kaffeestand. Frauen, Frauen, Frauen überall.

Ich sehe und lausche und versuche, zu schnallen, was hier abgeht. Warum sind die alle hier?

„Netzwerken ist wichtig für die Karriere,“ tönt es aus meinem Kopfhörer. Ich könnte welche ansprechen und sie fragen warum sie hier sind, aber ich habe Angst, dass die dann vielleicht mit mir netzwerken wollen. Die Frauen hier sind ja so extrem kommunikativ. Die ganze Zeit wird gekichert und geguckt. Nein, ich will nicht netzwerken, ihr Huren, Netzwerken ist Sünde. Man darf Beziehungen nicht kommerzialisieren.

Überhaupt Karriere. Was ist das? Was meinen die mit Karriere?

Ich hab schon wieder Bilder im Kopf: Eine Büroetage, bunte Expedit-Regale voller Stehordner, blauer Spannteppichboden. Guglhupfkrümel auf weißem Büroporzellan, ihr seid heute mit der Reinigung der Kaffeemaschine dran, saurer Atem, beschriftete Tupperdosen im Kühlschrank, Rundmail: Von wem ist der abgelaufene Bauer Maracuja Joghurt? Lesbische Chefin mit lila Brillengestell, kompetent, aber total ungerecht bei der Auswertung. Hat hier auch mal als Praktikantin angefangen. Geht immer Punkt 18 Uhr. Trainiert für den Halbmarathon. Nachts noch zusammen mit Moni Fragebögen auswerten. Der Rücklauf war mies, da hat auch das Gewinnspiel nicht geholfen.

Ach. Ich könnte ewig so weitermachen. Aber ich bin hier Flughafen Tempelhof, Hangar Sechs, auf dem Female Future Force Day, der Konferenz für Dich und Deine Zukunft.

Stoffbeutel, für Stoffbeutel

Man solle Mut zum Imperfekten haben, tönt es im Kopfhörer. In was für einer Welt lebt die? Braucht sie auch Mut zum Pfefferminzteetrinken? Könnte ja sein, dass der zu heiß ist.

Hangar Sechs. DHL, Unilever und Ströer. Überall gibts Zeug geschenkt. Hauptsächlich Stoffbeutel. Ich liebe Stoffbeutel, die kann man nämlich immer gebrauchen. Man kann da zum Beispiel andere Stoffbeutel reintun. Ströer verschenkt Handschuhe und Töpfchen mit Erde und Basilikumsamen drin für die Fensterbänke. Aber warum? Danke Ströer. Hallo Ströer. Die DHL verschenkt T- Shirts. Hallo DHL. Danke DHL. Unilever verschenkt Eiscreme, Deo, Duschgel, Matcha-Tee.

Krass, wieviel Frauen hier Unilever-Eis essen. Ist es denen völlig egal, wieviel Fett und Zucker da drin ist? Und warum sollte man sich eine kleine Plastikflasche Duschgel schenken lassen? Duschgel darf man doch gar nicht mehr, außerdem. Silikone, Tenside, Mikroplastik. Heutzutage wäscht man sich mit Seife. Die Haare auch, übrigens. Habt ihr das noch nicht gecheckt?

Unilever schenkt mir Matcha Tee. Hallo Unilever. Danke Unilever.

Ich spüre einen leichten Druck an den Schläfen, aber ich kann hier noch nicht weg. Ich habe doch immer noch nicht verstanden, was das hier sein soll. Der Female Future Force Day im Hangar Sechs.

Ich lese mir noch mal das Programm durch. Wow. 17 Uhr 45 soll Charlotte Roche mit Mann hier aufkreuzen und podcasten. Außerdem wird es am Kosmetikstand von Olay ein Meet and Greet mit der Markenbotschafterin Bettina Zimmermann geben.

Ich hab schon wieder Bilder im Kopf: Hi Bettina, ich hab lange nichts mehr von dir gehört. In welchen Filmen hast du nochmal mitgespielt? Und wie gehts dir jetzt so? Drehst du noch? Du warst doch die aus Bayern mit den großen Brüsten, oder? Da gabs doch noch so eine. Esther Zimmerring! Nee, die meine ich nicht. Ich meine die aus Schuh des Manitou. Esther Schweins? Nee, noch ’ne Andere. Die hat doch neulich Romy Schneider gespielt. Ach ja, Marie Bäumer! Genau! Was macht eigentlich Katja Riemann heutzutage? Die ist mittlerweile wieder ganz gut im Geschäft, glaube ich. Kannst du dich noch an den Film erinnern, wo sie mit der Thalbach und der Schrader in diesem russischen Auto rumdüst? Oh Gott. Wo die in einer Band spielen? Schlimm. Katja von Garnier. Die war doch mal mit Brad Pitt zusammen.

Weißt du noch der andere Film, mit Jan Josef Liefers und Til Schweiger? Knockin on Heaven’s Door. Ich bin ja allergisch auf Liefers. Ja, ich auch, aber den Film fand ich damals echt gut. Total abgeschmackte Handlung: Zwei tödlich Krebskranke fliehen zusammen aus dem Krankenhaus, weil sie vor dem Tod nochmal ans MEER wollen. Ist das zu glauben? Und dabei stellen sie allen möglichen Scheiß an. Banküberfall und sie gehen in einen Puff und so. Wahnsinn. In den Puff! Oder wars ein Stripclub? Und am Ende sitzen die Typen mit kahlen Köpfen am Meer und sterben da im Sonnenuntergang oder so, wenn ich mich recht entsinne… und dann kommt das Lied.

Ach, ich könnte ewig so weitermachen.

Aber zurück in den Hangar Sechs. Female Future Force Day.

Sexspielzeug gibts hier auch. Ultraschall-Klitoris-Reizer in bunten Farben. Die Dinger funktionieren berührungslos mittels Ultraschall. Hostessen erklären kichernden Frauen Handhabung und Vorteile etc. Ich gehe schnell vorbei, weil ich krieg immer so schnell Bilder im Kopf.

Man soll jeden Tag an sich arbeiten, tönt es im Hörer. Haha, an sich arbeiten. Mit Ultraschall oder was? Female Future Force.

Woohoo!

Keine Überraschungen

Ich fasse zusammen, was ich bisher gelernt habe. Vielleicht brauchst du ja Karrieretipps:

Du sollst Mut zum Imperfekten haben, aber täglich an dir arbeiten, immer schauen, wie du dich weiter verbessern kannst, aber du sollst dabei authentisch bleiben.

Trotzdem: Ich habe immer noch nicht kapiert, was hier los ist. Aber es tönt wieder im Hörer:

Diversity is good for business. My diversity is my superpower. Our meetings are open. We invite everybody to participate.

No secrets, no surprises.

NO SECRETS. NO SURPRISES.

Jetzt macht es Klick bei mir.

12.10.2019. Tempelhof. Hangar Sechs. Female Future Force Day. Der Kongress für dich und deine Zukunft.

Ich kriege Bilder in den Kopf. Ich kann in deine Zukunft sehen, deutsche Frau: Alles wird gut. Alles wird safe. Dir kann nichts mehr passieren. Alles wird offen angesprochen, Türen sind auf, Netzwerke sind offen, Minds sind open, Beine spreizen sich, Schamlippen öffnen sich, dein Kitzler streckt sich dem Ultraschallsexding entgegen, Stimulation ja, Berührung nein.

Es ist so traurig: Nicht mal von deinem Sexspielzeug wirst du deutsche Frau in der Zukunft noch berührt werden. Ich könnte ewig so weitermachen, aber ich habe plötzlich so starkes Kopfweh, ich habe plötzlich solche Angst. Ich zerre meine Schwester nach draußen. Aber vorher geben wir noch die Kopfhörer ab und kriegen zur Belohnung das versprochene Goodiebag.

Darin findet sich Medizinisches: Ein Lavendelsäckchen, zwei verschiedene Hautreinigungsprodukte, ein berührungsfreies Sexding aus Silikon, eine Menstruationstasse aus Silikon und Thermacare Rückenpflaster.

Woohoo, alles klar, so bist du nun mal, deutsche Frau: Nichts weiter als ein geschundener Körper: Blutend, unbefriedigt, mit unreiner Haut, Rückenschmerzen und total entnervt. Bitte beruhige dich und rieche am Lavendelsäckchen. Zieh den warmen Pulli an und steck genügend Bargeld ein.

Wohoo!

15:40 15.10.2019
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