Femizide sind auch bei uns Fakt

Gesellschaft Die Ermordung von Frauen ist ein strukturelles Problem, auch hierzulande. Allein 2016 wurden 357 Frauen getötet
Femizide sind auch bei uns Fakt
Die „Ni una menos“-Bewegung in Lateinamerika thematisiert die Gewalt gegen Frauen: Nicht eine Frau weniger!

Foto: Inti Ocon/AFP/Getty Images

Beziehungsdrama, Familientragödie, Schicksalsschlag: Wenn ein Mann eine Frau tötet, wird die Tat in der deutschen Öffentlichkeit gern mit diesen Begriffen bagatellisiert und werden die Augen vor dem Kern der Sache verschlossen, dem Femizid – der Ermordung einer Frau, weil sie eine Frau ist.

Der Femizid ist ein strukturelles Problem, Teil patriarchaler Strukturen. Seit Jahrtausenden geht die Unterdrückung des Weiblichen bis an die Grenzen des Todes und darüber hinaus. In Lateinamerika, Italien und Indien kämpfen Aktivistinnen schon länger dafür, Femizide zu thematisieren und Frauenfeindlichkeit im gesellschaftlichen Diskurs ernst zu nehmen.

In Deutschland wurden im Jahr 2016 laut der Statistik des Bundeskriminalamtes 357 Frauen von aktuellen oder ehemaligen Partnern getötet. Die Taten werden unter dem Begriff „Partnergewalt“ zusammengefasst. Jedes Opfer vertraute dem Täter. Ehemänner, Lebensgefährten und Verflossene nutzten dies aus. 11.882 Frauen wurden in Deutschland 2016 gefährliche Körperverletzungen zugefügt. Und darunter fallen nur diejenigen, die die Tat zur Anzeige brachten. Wie viele dieser Frauen nur knapp dem Tode entkommen sind, zeigt die Statistik nicht.

Es sind ähnlich viele Vorfälle wie in Italien. Doch in Deutschland verharmlosen Medien, Politik und Gesellschaft das Phänomen, als ob Mackertum und toxische Männlichkeit nur bei Nicht-Deutschen existieren würden. Aber Frauenfeindlichkeit hat nichts mit der Staatsbürgerschaft zu tun.

Das versucht die Bewegung #KeineMehr zu thematisieren. Ihr Titel orientiert sich an der 2015 in Argentinien gegründeten „Ni una menos“-Bewegung. Sie organisierte eine Demo am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen.

Die Floskeln, mit denen Täter die Gewalt an Frauen kleinreden, gleichen sich: „Ich habe überreagiert.“ „Normalerweise mache ich so was nicht.“ „So aggressiv war ich vorher noch nie.“

Auch der Mann, dem statt der Hand der Hammer ausgerutscht ist, wird meist als Einzelfall verbucht. Doch genau das ist er nicht. #KeineMehr fordert eine detaillierte Dokumentation der Gewalt, um diese endlich als strukturelles Problem sichtbar zu machen, präventive Aufklärungsarbeit leisten zu können und Gesetze dahingehend zu schärfen – etwa durch die Adaption von Frauenfeindlichkeit in § 46 des Strafgesetzbuchs, um das Strafmaß zu erhöhen. Damit es künftig nicht mehr möglich ist, einen Mord an einer Frau mit den Worten „aus dem Affekt heraus“ kleinzureden.

06:00 11.12.2017

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