Fern jeder Erlösung

Wagners Parsifal Wolfgang Herles stellt fest: Mit Vernunft ist diesem Werk nicht beizukommen

Wer dieses Entsagungs- und Erlösungsgeschwurbel verstanden hat, kann es nicht mehr für voll nehmen. Aber wer hat das schon? Nicht wenigen Wagnerianern gilt Parsifal als Hochamt ihrer Religion. Andere finden, Nietzsche schon habe alles Nötige dazu gesagt. Er hat den Parsifal als „Operettenstoff“ verspottet, als „Parodie auf das Tragische selbst (...) als ein Werk der Tücke, der Rachsucht, der heimlichen Giftmischerei gegen die Vorraussetzungen des Lebens.“

Als einen Anschlag auf die Vernunft. Denn die kann die geschlechtliche Liebe nicht gegen die Liebe aus Mitleid ausspielen.

Aber mit Vernunft ist diesem Werk nicht beizukommen. Parsifal ist eine heillos überladene Heilsgeschichte, die oft genug das Lächerliche streift. Aber eben nur streift.

Auch in dieser Münchner Festspielpremiere.

Die verführerischen Blumenmädchen in Klingsors Zauberreich sind nackt – allerdings als nackte, alte, schmutzige fette Vetteln mit blutenden Mösen kostümiert. „Ihr schönen Kinder“ schmalzt der bestens aussehende Jonas Kaufmann, alias Parsifal. Es darf gelacht werden.

Das ist das Komischste an dieser Oper: diese sexbesessene Askese. Auf Kundrys Kuss reagiert Parsifal panisch. Erst jetzt, in der Entsagung, wird er zum strahlenden Helden. Dazu kommen ein von eigener Hand entmannter Zauberer, der einst das Keuschheitsgelübde der Gralsritter brach, ein sterbensmüder, gequälter König Amfortas, dessen Schicksal ebenfalls Kundrys Verführungskünsten zu schulden ist. Diese untote Kundry ist femme fatale und Büßerin zugleich. Eine gespaltene Doppelexistenz – als habe Wagner die Tiefenpsychologie begründet.

Bei Parsifal tut sich nicht viel. Es ist ja gar keine Oper, sondern „Bühnenweihfestspiel“. So gut wie keine Handlung, mehr Ritual als Spektakel. Regisseur Pierre Audi beschränkt sich auf Tableaus, die Figuren sehen aus wie ins Bühnenbild gezeichnet, und wird dafür mit Buhs überschüttet. In München „handelt“ eigentlich nur das Bühnenbild. Ein finsterer Tann, der im ersten Aufzug vor aller Augen verdorrt und im dritten dann kopfüber von der Decke hängt. Genau: Baselitz hat das gemacht.

Aber da ist das langsame Dahinschreiten dieser Musik. Eine Prozession, ein endloses melancholisches Sehnen. Und wenn Kirill Petrenko, der wahre Zauberer nicht nur im Reiche Klingsors, sie in Bewegung hält, dann ist da von Weltflucht nichts mehr zu spüren. Dann wird die Überwältigungsmusik mit einem Male überwältigende klar. Klärung statt Verklärung.

Das Mysterium öffnet sich dem Verstand

Man versteht den Parsifal noch immer nicht. Nur ist das jetzt herzlich unwichtig. Das Mysterium öffnet sich dem Verstand. Petrenkos Speer heilt die Wunde, wie der Speer des Amfortas Wunden heilt, die dieser Speer einst selbst gesschlagen hat. Wagners Musik heilt Wagners Text. Darf man das so hart sagen? Ja, denn das Heil liegt nicht in Entsagung. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Musik ist das Gegenteil von Entsagung. Sie ist die hellste Ekstase.

Petrenko hat ein Sängerensemble, das seinesgleichen sucht. Jonas Kaufmann ein unbezwingbarer Heldentenor. René Pape als der Erzähler Gurnemanz mit der längsten Rolle der Opernliteratur, die dieser Bassist mit sonorem Wohlklang strömen lässt. Die Kundry der schwedischen Sopranistin Nina Stemme, die zwischen Leidensmutter und schriller Hysterikerin virtuos oszilliert. Allen voran aber der Amfortas des Christian Gerhaher. Der berühmte Liedsänger, dessen faszinierend präzise, jede Silbe mit Bedeutung aufladende Gestaltungskraft diesen sterbenden Leidensmann zur einzigen wirklich lebendigen, dramatischen Opernfigur macht.

Auch die Musik ist ein Reich wie nicht von dieser Welt. Am Ende ist sie die einzige Kraft, der dieses Werk huldigt. Wagner gründete seine Kunstreligion als Gegenwelt zur Industriegesellschaft. Und genau dort hat sie noch heute ihren Sinn. Sie soll die unheilbare Wunde schließen, die die Zivilisation schlägt, die Maschinenwelt, Kommerz und Konsum.

Die Zerrissenheit der Welt im Gefühlsrausch der Musik überwinden zu können, ist hoffnungslos romantisch. Und damit sehr deutsch. Es ist die Sehnsucht nach Auslöschung der Widersprüche und Konflikte. Nach Erlösung von der Realität. In der Politik wie in der Religion wie in der Liebe. Es ist das ewige Sehnen nach Identität, also nach Reinheit. Das ist reaktionär und utopisch zugleich.

„Erlösung dem Erlöser“: So endet das Stück, so endet Wagners Werk. Ist aber nicht die Sehnsucht nach Erlösung selbst ein sündhaftes, unstatthaftes, ja sinnloses Verlangen? Es gibt keine Befreiung. Es gibt nur die Freiheit, die anstrengt, fern jeder Erlösung.

12:01 29.06.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 3

Avatar
Gelöschter Benutzer | Community