Ferne Nachbarn

Lockdown Ich habe drei Heimaten: Bulgarien, Griechenland und Wiesbaden. Zwei davon sind für mich gerade unerreichbar
Ferne  Nachbarn

Illustration: der Freitag

Was mache ich an einem Sonnabend während der Pandemie? Kaum sind die Tränen über den Verlust der Daten eines Mobiltelefons und einer defekten Festplatte (ohne Backup, versteht sich) getrocknet, sitze ich sozial isoliert wie alle in diesen Tagen mit einer noch längeren To-do-Liste auf dem Schoß. Ich stecke mitten in einer Wahlkampagne. Vor dem Ausbruch der Pandemie hatte ich kurz entschlossen für einen Sitz im Kulturbeirat von Wiesbaden kandidiert, ich will mich auf kommunaler Ebene für kulturelle Bildung an Schulen einsetzen.

Ich lebe zusammen mit meinem Kind bisher in einem ständigen Dreieck zwischen Deutschland, Griechenland und Bulgarien. Mein Kind wächst herkunftsbedingt mehrsprachig auf. Dieses geografische Lebensdreieck wurde mit einem Schlag auf diese eine Ecke reduziert – jedenfalls fast. Ich sitze also in Wiesbaden zwischen meinen verschiedenen Arbeiten, Schulaufgaben, Musiktheorie, zwischendurch Klavierunterricht via Telefon für das Kind. Die anderen zwei Ecken, weit weg.

Spinat vom Dach

Ich sorge mich auch um die Gärten, die ich in mühevoller Kleinstarbeit angelegt habe, den Garten in Thessaloniki und den im Süden von Bulgarien. Ich kann mir diese Gedanken natürlich nur deswegen leisten, weil die Krankenhäuser in der Umgebung noch nicht überfüllt sind, die zwei Covid-19-Patientinnen aus meinem Umfeld die Intensivstation bereits wieder verlassen haben. Freunden und Familie geht es relativ gut.

Es ist eine ärgerliche Situation, „mundtote“ Wahlkandidatin zu sein, sämtliche Vorstellungs- und Diskussionsrunden wurden gestrichen, die Briefwahl selbst aber nicht. So schlage ich mich tapfer durch, kontaktiere alle, aber wirklich alle Menschen, die ich erreichen kann.

Mit der Mitstreiterin aus der Soziokultur habe ich mich gerade zu einem Telefonat verabredet, um über Wahlstrategien zu reden, als ein Anruf aus Thessaloniki hereinplatzt. Am Telefon ist meine griechische Rechtsanwältin, die mir sehr besorgt erzählt, dass die Wohnung unter uns einen Wasserschaden habe. Es hätte schon die ganze Woche ununterbrochen stark geregnet. Kurz spüre ich eine Erleichterung, also sind die Terrassenpflanzen dort wenigstens nicht ausgetrocknet. Die Anwältin schickt mir noch ein Video von der Nachbarin, Wasser tropft von der Decke in die Wohnung darunter. Wie wird dann wohl nur meine Wohnung aussehen? Das ganze Regenwasser vom Flachdach muss über die Terrasse in die Wohnung eingedrungen sein. Ich bin weg und kann nicht hin.

Die Nachbarin unter mir ist keine einfache Person, wie ich in den letzten zwei Jahren schon oft festgestellt habe, was die Dinge jetzt nicht leichter macht. Ich solle ihr sofort einen Schlüssel übergeben, tobt sie. Wenn sie nicht sofortigen Zutritt bekommt, will sie mich anzeigen, die Tür mit Gewalt öffnen. Wieso Polizei, überlege ich, schließlich will ich ihr und mir helfen. Sowieso: Die Polizei macht mir jetzt auch keine Angst, denn ich bin keine allzu ängstliche Person, und außerdem hatte ich in Thessaloniki schon mal einen Nachbarn, der selbst Polizist ist und mir einmal eine abenteuerliche Demo-Verhaftung beschert hatte, die zu meiner Abschreckung dienen sollte – samt Abnahme von Fingerabdrücken, Mugshots, also Polizeifotos, und Blaulichtfahrt mit 80 km/h durch die Stadtmitte, zusammen mit dem damals dreijährigen Kind. Abgeschreckt hatte mein Nachbar, der Polizist, mich nicht, seine Kollegen waren nett und im Anschluss hat sich die Polizeidirektion für den Vorfall beim Konsulat entschuldigt. Augenscheinlich ging es damals um eine Renovierungsgenehmigung, aber der eigentliche Grund war, dass der Nachbar sich breiter machen kann.

Andere Menschen in Thessaloniki, die überwiegende Mehrheit, sind ein Geschenk des Himmels, zum Beispiel der Hausmeister, der eine fabelhafte Dachterrasse unterhält, wo ich mir jederzeit Spinat, Lauch oder Peperoni pflücken kann. Manchmal kocht er mir einen Kaffee oder wir nehmen einen kleinen Ouzo. Herr Periklis ist auch ein Sonnenschein, ehemaliger Gastarbeiter in Deutschland, Herr Periklis ist immer höflich und hilfsbereit. Herr Hercules, der an Parkinson leidet, ist ebenso ein Lichtblick, immer geht es ihm gut, immer ist er nett. Die taube Dame aus dem zweiten Stock bringt uns manchmal Sesamkringel aus der Bäckerei, in der sie arbeitet. Überhaupt war nach der Demo-Verhaftung mein gesamtes griechisches Umfeld aufgebracht und hat mich unterstützt.

Ich überhöre das Wort „Polizei“ und überlege fieberhaft, wie ich die Wohnung aufbekomme. Es ist in Griechenland nämlich gerade verboten, das Haus zu verlassen, und meine Freundin, die einen Schlüssel hat, muss sich erst per SMS eine behördliche Genehmigung besorgen. Es gibt wenige Gründe, um vor die Tür zu dürfen: Arztbesuch, Apotheke, Lebensmittel, Hilfe an bedürftige Personen aus dem Umfeld. Die Griechen sind entgegen ihrem europaweiten Ruf, ungehorsam zu sein, dem Appell der Regierung gefolgt, die Griechen halten sich strikt daran.

Schon letztes Jahr hatten besagte Nachbarin und ich Auseinandersetzungen, das Gebäude ist alt und muss dringend gemeinschaftlich saniert werden, aber dafür ist einfach kein Geld da, nach zehn Jahren Krise in Griechenland ist da einfach kein Geld. Jeder Bewohner rettet sich, wie er kann. Ingenieurstochter und sachlich, wie ich bin, habe ich schon letztes Jahr eine Bauingenieurin mit Wasserexpertise herangezogen, die einen Umbau des Wasserableitungssystems und eine großflächige Sanierung des Hauses empfahl. Meine Vorschläge, uns die Kosten für die dringendsten Maßnahmen zu teilen, hat die Nachbarin unter mir kategorisch abgelehnt. Die jetzige Überschwemmung ist die Folge davon.

Es sind schwere Tage für uns alle. Aber in Deutschland dürfen wir noch rausgehen. Ich höre Stimmen aus kritischen Kreisen, es würde den derzeitigen beschränkenden Maßnahmen an Rechtmäßigkeit mangeln. In europäischen Ländern verhandeln ethische Kommissionen über die Oberaltersgrenze bei Beatmungsmaßnahmen, grundgesetzkonform sei das auch nicht. Nach und nach löst sich die Einhaltung internationaler Rechtsnormen auf, spätestens seitdem einige Länder gegenseitig Sendungen mit Beatmungsgeräten und Schutzmasken konfiszieren. Was ist das für ein Europa, frage ich mich, an das ich aber doch fest glaube.

Ein Hund wäre jetzt gut

Ich glaube auch fest an die Zukunft Griechenlands. In Griechenland übrigens war das Toilettenpapier auch als Erstes aus den Regalen verschwunden. Und natürlich sind momentan alle betroffen, die Tourismusbranche, Rentner und einfache Angestellte, aber alle versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, wir sind ein wenig erprobt, was existenzielle Krisen angeht. Aber sonst sind wir Griechen eher fatalistisch, scheint mir. Sotiris, der Betreiber einer Eisenwarenhandlung und meine Anlaufstelle bei handwerklichen Gesuchen, musste lachen, als wir uns vor ein paar Wochen gegenseitig nach dem Wohlbefinden erkundigten. Er musste das Geschäft schließen. Das einzig Gute an der Epidemie sei, dass er seine kleinen Kinder aufwachsen sehen kann. Er ist sonst von morgens bis abends im Geschäft. Viele Hotels nutzen gerade die Zwangspause, um zu renovieren. Sotiris ist traurig über das Geschehene mit den Flüchtlingsmassen an der Grenze zur Türkei, manche Berichte darüber haben ihn peinlich berührt, nirgends werde man so alleine mit den Flüchtlingen gelassen wie in Griechenland. Nicht nur er fragt sich in diesen Tagen, wo die europäische Solidarität bleibt.

Vasilis, Fotograf, erzählt mir, dass in Athen die Anschaffungspreise für Hunde gestiegen sind und dass man inzwischen einen Hund pro Stunde mieten kann, um mit ihm Gassi gehen zu können. Auch in Sofia, Bulgarien, wünschen sich gerade viele Freunde sehnsüchtig einen Hund.

Während ich diesen Text schreibe, feiert man in Bulgarien und Griechenland den Weltgesundheitstag. Traditionell gratuliere ich allen Freunden und Familienmitgliedern aus dem Gesundheitswesen. Ich rufe als Erstes meine Cousine an, Fachärztin für Infektionskrankheiten an der Uniklinik in Plovdiv. Sie hört mich kaum unter der Schutzkleidung, ich habe sie im Dienst erwischt. Wir telefonieren sonst häufig, und gerade in diesen Tagen erzählt sie mit Erleichterung, dass der Arbeitsmodus – sieben Tage am Stück zu arbeiten, ohne die Klinik zu verlassen – bei ihr nicht eingeführt worden ist. Das sei kaum auszuhalten, andere Kliniken arbeiteten aber so. Sie lebt seit fast einem Monat bei ihrem Lebensgefährten, weil die hochschwangere Tochter zur Geburt des zweiten Kindes zu ihr gezogen ist. Meine Cousine hat Angst, sie anzustecken. Ihre andere Tochter arbeitet in New York.

Elena, Freundin aus Thessaloniki, sagt, dass sich dort alle Bürger um 21 Uhr auf den Terrassen versammeln werden, um für das öffentliche Gesundheitswesen zu skandieren, in der Hoffnung, die Regierung von Herrn Mitsotakis erhört die Stimme des Volkes – und stoppt die Gesundheitsreform in Richtung Privatisierung.

Marta Moneva ist in Sofia geboren und aufgewachsen, 1992 zum Studium (Rechts- und Filmwissenschaft, Audiovisuelles Publizieren) nach Deutschland gekommen. Sie lebt ständig in Deutschland, Griechenland und Bulgarien, wo sie noch die Gärten ihrer Vorfahren nach besten Kräften pflegt

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06:00 24.04.2020

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