Fernsehen tötet

Medientagebuch Eine Studie untersucht den Zusammenhang von Lebensstil und Gesundheit. Das Ergebnis: Sitzen ist gefährlich. Den Rest erledigt die Bildschirm-Apnoe
Maike Wetzel | Ausgabe 43/2013

Glotzen ist tödlich. Jede Stunde vor dem Fernseher verkürzt die Lebenserwartung um 21,8 Minuten. Zum Vergleich: Eine Zigarette bringt einen dem Tod nur elf Minuten näher. Das lehrt eine im British Journal for Sports Medicine publizierte Studie, die den Zusammenhang von Gesundheit und Lebensstil von beinahe 12.000 Australiern über 25 untersuchte. Down Under sehen Erwachsene durchschnittlich sechs Stunden am Tag fern. Damit verlieren sie 4,8 Jahre ihrer Lebenserwartung. Wohl gemerkt: Es handelt sich nicht um die „verlorene“ Zeit vor der Glotze, sondern um deren Auswirkungen auf die Gesundheit.

Denn Sitzen ist lebensgefährlich. Kurz gefasst lautet so auch das Fazit einer zweiten Studie, die sich nicht nur auf das Abhängen auf dem Sofa, sondern auch auf die sitzend verbrachte Arbeitszeit bezieht. Die University of Leicester wertete dazu Daten aus 18 Untersuchungen mit insgesamt 794.577 Teilnehmern aus. Schreibtischtätern prognostiziert sie ein um ein Vielfaches erhöhtes Risiko für ein ganzes Bündel an Zivilisationskrankheiten: Das Risiko an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken steigt um 112 Prozent; für kardiovaskuläre Erkrankungen steigt es sogar um 147 Prozent. Der durchschnittliche Erwachsene sitzt 50 bis 70 Prozent des Tages. Damit erhöht sich die Chance auf einen frühzeitigen Tod um 49 Prozent. Das Verheerende daran: Ein Ausgleich durch Sport ist kaum möglich. Selbst wer täglich eine halbe Stunde trainiert, danach aber sechs Stunden fernsieht, hat möglicherweise dieselbe Lebenserwartung wie ein Sportmuffel, der keine Glotze besitzt. Auch wer sitzend arbeitet anstatt in die Röhre zu schauen, hat ein ähnlich erhöhtes Gesundheitsrisiko.

Warum Sitzen tendenziell tödlich ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Ein Zusammenhang ist offensichtlich: Wenn Muskeln nicht benutzt werden, verbrauchen sie weniger Energie, und in Form von Blutzucker zirkuliert dieser Überschuss in unseren Adern. Das trägt zum Diabetesrisiko und anderen negativen gesundheitlichen Folgen bei.

Wer dem Tod nicht zu früh auf die Schippe springen will, sollte also weniger fernsehen. Vier Stunden pro Tag befördern einen in die Risikogruppe. Wer weniger als zwei Stunden glotzt, verringert dagegen seine Aussicht, an Zivilisationskrankheiten zu leiden und früher zu sterben. Was also tun? Vorschläge gibt es zuhauf. Wir können im Bus freiwillig stehen, den Müll zur weiter entfernten Tonne bringen oder den Computer auf ein Stehpult hieven.

Doch wer mit solchen Maßnahmen erfolgreich dem Muskelabbau vor dem Bildschirm trotzt, ist dennoch nicht gewappnet vor Phänomenen wie etwa Bildschirm-Apnoe – das sind Atemstillstände oder auch flaches, gepresstes Atmen, das angeblich vor jedwedem Bildschirm auftritt, aber besonders beim Abrufen von E-Mails beobachtet wurde. 80 Prozent aller Menschen leiden laut der US-Autorin Linda Stone unter diesem Phänomen. Sie untersuchte die Herzfrequenzen von über 200 Personen. Beinahe alle hielten ihren Atem an oder atmeten flacher, wenn sie E-Mails beantworteten oder lasen. Erschwerend hinzu kam der bekannte Geierhals – buckliger Rücken, vorgereckter Kopf. Dauerstress heißt die Diagnose. Die möglichen negativen Folgen sind zahlreich. Sie reichen von einem verringerten Immunsystem bis hin zu Depressionen oder Fresssucht. Genug davon. Vielleicht hilft am Ende doch nur Peter Lustigs alte Löwenzahn-Methode – abschalten.

14:55 23.10.2013
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