Ferrero-Küsschen

HEIKLE MISSION Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) will als Außenministerin auch unter EU-Quarantäne weiter die Fäden ziehen

Johannes Peterlik, der Pressesprecher der frischgebackenen österreichischen Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, hat alle Hände voll zu tun. Im Minutentakt läutet sein Mobiltelephon - alle Welt will ein Interview mit der 51-jährigen Juristin führen. Kein Wunder, sie hatte nach ihrer Ernennung erklärt, sie werde "alle Gesprächswünsche akzeptieren", um so mit Hilfe der Medien über die Lage in Österreich aufzuklären. Sie wolle "gegensteuern", denn es sei "in Österreichs Interesse, die Situation nun zu deeskalieren".

Der Bannfluch der EU gegen die schwarz-blaue Regierung in Wien hängt wie ein Damoklesschwert über der neuen Außenministerin, der die Vertretung ihres Heimatlandes "ein Herzensanliegen" ist. Jeder internationale Auftritt, jede Pressekonferenz wird von einem Thema überschattet: der Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Jörg Haiders. Auch der Kontakt mit ihren Amtskollegen dürfte sich als schwierig erweisen, obwohl Ferrero-Waldner überallhin seit Jahren kollegiale Beziehungen unterhält - allen voran mit US-Außenministerin Madeleine Albright. Soviel steht fest, Benita Ferrero-Waldner muss in den kommenden Wochen und Monaten einen schwierigen Spagat vollführen, um das europäische Image Österreichs angesichts der EU-Sanktionen wieder aufzupolieren und gleichzeitig die zuweilen drastischen Aussagen der FPÖ zu relativieren.

Ihre bisherige Karriere könnte ihr dabei helfen. Ferrero-Waldner brilliert mit einer beeindruckenden Sprachgewandtheit, die ihr allerorts ein gutes Entree verschafft: die geborene Salzburgerin spricht fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Bei einem Besuch auf den Kap Verden im Jahr 1999 verblüffte Ferrero-Waldner sogar ihre eigene Delegation, als sie mit den Gastgebern plötzlich auf Portugiesisch parlierte.

Sie hat nie einen Zweifel gelassen, wie sie zu arbeiten gedenkt: Es gilt eine unbedingte Loyalität gegenüber dem Regierungschef. Es beflügelt ein beachtlicher Ehrgeiz, den sie als Außenamts-Staatssekretärin (von 1995 bis 2000) schon dann und wann erkennen ließ. Letztlich dürfte sie auch dieser Ehrgeiz getrieben haben, trotz ihrer mehrfach artikulierten Ablehnung der FPÖ, dennoch in einer schwarz-blaue Regierung einen Posten anzunehmen. Es helfen ein enormer Fleiß sowie absolute Professionalität, im Ausland eine Reputation zu verteidigen, der sich auch der politische Gegner nicht verschließen kann. In diesem Zusammenhang blitzt auch manchmal ihr größtes Manko auf - sie kann äußerst ungehalten sein, wenn etwas nicht so klappt wie geplant.

War Ferrero-Waldner zu Beginn ihrer Karriere im rotweißroten Außenamt von den Medien wegen eitler Attitüden verrissen und von Kollegen als zu steif verlacht worden, gewann sie zunehmend an Statur und Ansehen. Tatsächlich war sie anfangs als "Sekretärin, die sich hochgedient hat" abqualifiziert worden. Ihr einnehmender Charme brachte der in zweiter Ehe mit einem Spanier verheirateten Spitzendiplomatin aber bald den Spitznamen "Ferrero-Küsschen" ein. Als die Politikerin 1995 in die Regierung berufen wurde, war sie gerade zehn Jahre im diplomatischen Dienst, hatte aber schon zahlreiche Stationen durchlaufen. Nach Einsätzen in Madrid, Dakar und Paris rückte sie zur UN-Protokollchefin in New York auf.

Politikfreie Abende oder Wochenenden kennt die am 5. September 1948 geborene Literaturliebhaberin kaum. "Ein halber Tag am Wochenende ist schon ein Luxus", erklärte sie einmal dem Autor. In den viereinhalb Jahren als Staatssekretärin von Wolfgang Schüssel war sie insgesamt mehr als ein Jahr im Ausland, flog Dutzende Male um die Welt und schüttelte Tausende Hände. Zu jeder Gelegenheit penibel passend gekleidet, die Riesenmasche (Marke "Seerose") am Hinterkopf setzte sie sich - in der Regel erfolgreich - für österreichische Belange ein: die Festigung des UNO-Standortes Wien, die erste EU-Ratspräsidentschaft Österreichs im zweiten Halbjahr 1998, die Ansiedelung der Internationalen Atomteststoppbehörde CTBTO in Wien.

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00:00 18.02.2000

Ausgabe 41/2021

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