Fessle mich!

Kunst Der zweite Teil der Reihe Immersion zieht ins Loch, übergießt mit Lava, fühlt sich an wie beim Zahnarzt. Agnieszaka Polka bringt Ruhe rein
| Ausgabe 34/2019

Mit der Rückenlehne nach hinten geklappt, den Füßen nach oben, kommt Zahnarzt-Feeling auf. Ein angenehmerer Vergleich ist der Logenplatz in einem Kino, da ist auch das Licht aus wie jetzt. Wie beim Zahnarzt allerdings prasselt etwas auf die Liegenden ein: keine Geräusche, die wehtun können, sondern Eindrücke, die andere Welten öffnen sollen. Das zumindest wünschen sich die Berliner Festspiele in Kooperation mit dem Theater Kampnagel für die Reihe Immersion. Sie findet dieses Jahr zum zweiten Mal statt, Premiere war in Hamburg, die zweite Station ist der Mobile Dome in Berlin Kreuzberg.

Immersive Kunst wurde in den letzten Jahren so penetrant gefordert wie die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn. In beiden Fällen klappt es mal gut und mal gar nicht. Eine kleine Geschichte der Misserfolge hat der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich verfasst. Darin beruft er sich auf den Philosophen Lambert Wiesing, für den sich Bilder dadurch positiv auszeichnen, dass sie dem Betrachter eine Partizipationspause gönnen. Immersive Kunst will genau das Gegenteil. Mit Wiesing gesprochen glaubt Ullrich: „So sehr das kurzfristig beeindruckt, so sehr wächst der Wunsch, ihnen gegenüber eine gewisse Distanz und Unabhängigkeit genießen zu können und etwas anderes von ihnen geboten zu bekommen als eine nahtlose Fortsetzung der Spielarten des Wahrnehmens, denen man ohnehin fortwährend ausgesetzt ist.“ In den Modus der Reflexion könne der Rezipient nur durch Distanz gelangen.

Agnieszka Polska, Metahaven und Robert Lippok mit Lucas Gutierrez wurden beauftragt, neue Arbeiten für den Werkzyklus New Infinity zu schaffen. Auf Distanz kann man erst einmal nicht gehen. Ganz im Gegenteil, die Kunst wird einem übergestülpt. Sie soll, speziell in „Non-face“ von Klangkünstler Lippok und Digitalkünstler Gutierrez, den Betrachter überwältigen, mit technischen Spielereien und einer massiven Soundinstallation für sich einnehmen. „Non-face“ ist schnell zusammengefasst: Mal fühlt es sich an, als würde man in ein Loch gezogen werden, dann strömt Lava und immerzu schieben sich Objekte durch den tiefschwarzen Raum, die riesige Steine sein könnten, die es in diesen Formen aber nicht geben kann.

Der glücklichste Gedanke

„Non-face“ wirkt zwischen den narrativ angelegten Arbeiten von Metahaven und Agnieszka Polska wie ein Zwischenspiel, das den Betrachtern keine Pause lässt. Das gehypte Designkollektiv Metahaven hat mit „Elektra“ einen visuellen Essay über Knoten und Netze beigesteuert, informiert das Programmheft. Metahaven, die dieses Jahr so richtig in die Kunstwelt einschlugen mit Ausstellungen im Stedelijk Museum in Amsterdam und im Institute of Contemporary Arts in London, sind für theoretische Würfe zu politischen Konflikten bekannt. Für die Kuppel des Planetariums haben sie einen Film geschaffen, der vielleicht etwas zu bemüht auf den Raum Bezug nimmt, indem mit runden Formen, etwa einem Klettergerüst auf einem Spielplatz, gearbeitet wird. Ein Kind klettert darauf herum, Schnee fällt, ein Kind läuft durch einen Wald, Schnee fällt. Die Arbeit will poetisch und meditativ sein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollen ineinanderfließen, die hektischen Schnitte und wirbelnden Bewegungen aber lassen statt Ruhe Schwindel aufkommen.

Neben dem Thema der Immersion wird wohl der Name Agnieszka Polska die Besucher anziehen. Polska wurde im Jahr 2017 der Preis der Nationalgalerie verliehen, dann bespielte sie den Hamburger Bahnhof mit der Mehrkanal-Videoinstallation „The Demon’s Brain“ und dachte über die Verantwortung des einzelnen gegenüber der Gesellschaft nach. Jetzt, im Kuppelraum, schummelt sie ein bisschen, was ihre Arbeit „The Happiest Thought“ allerdings zum stärksten Programmpunkt macht. Polska setzt auf wenige Motive, die lange stehen bleiben können, weil gleichberechtigt daneben Sound und Erzählung laufen. Ihr Ausgangspunkt ist, so Albert Einstein einst selbst, der „glücklichste Gedanke“ seines Lebens, der ihn zur Formulierung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie brachte. Den bringt sie zusammen mit dem größten Artensterben der Geschichte, das sich vor über 250 Millionen Jahren ereignete und 90 Prozent der Erdvegetation auslöschte. Bettina Steinbrügge beschreibt im Programmheft Polskas neues Werk als „Betrachtung der Unfähigkeit unserer politischen Welt, Lösungen für unsere größten Bedrohungen zu finden, die das Ende der Menschheit bedeuten könnten“. Polska aber möchte weder eine didaktische Arbeit liefern, noch weiter zur allgemeinen Beunruhigung beitragen, weshalb sie schöne Bildwelten wie eine Unterwasserlandschaft mit betörendem Gesang kombiniert. Und dann kann sie es gegen Ende doch nicht lassen, ungemütlich zu werden: „Mass extinction, what’s that? Everyone has to die.“

Zumindest die Arbeit von Polska zeigt, dass auch immersive Kunst den Betrachter in den Modus der Reflexion versetzen kann: Wenn die Faszination für neue Technologien nicht auf der Stufe nerdiger Spielerei stehen bleibt.

Info

The New Infinity Berliner Festspiele in Kooperation mit mit dem Theater Kampnagel, Mobile Dome, Berlin, 5.-22.09.2019

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