Festwall

Anti-Terror-Poller Deutsche Städte wollen ihre Weihnachtsmärkte mit Beton schützen. Unser Autor hat sich in Leipzig umgesehen
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Der gängige Poller ermöglicht allenfalls die Einrichtung eines Frühwarnsystems: Bürger können dort nach Gefahren Ausschau halten

Foto: Jan Michalko/Picturetank/Agentur Focus

Es ist die Zeit zum Schmücken, und es wird aufgerüstet. In Bochum werden „Terrorsperren“ wie Geschenke verpackt. 20 mit Granulat gefüllte Säcke stehen da in der Fußgängerzone. In Köln hat man Betonpoller am Roncalliplatz installiert, direkt vor acht steilen Stufen, die auf den Platz führen. „Wo ist der Sinn?“, kritisierten Facebook-Nutzer. In Deutschland läuft jetzt eine Debatte. Die Stadtplanerin und Kritikerin der Betonpoller Christa Reicher von der TU Dortmund spricht von einer „Angstinfrastruktur“, die mit den Pollern aufgebaut werde. Man suggeriere eine permanente Gefahr, und gestalterisch passten sie nicht in den öffentlichen Raum.

„Hier, guck mal: Lego“

In anderen Ländern wie Australien sind solche Vorkehrungen völlig normal, in Melbourne kümmert sich kein Mensch um die hässlichen Klötze. Dort wurde nach dem Anschlag in Nizza 2016 sogar ein Do-it-yourself-Werkzeugsatz zur Installation von Betonblöcken eingerichtet. Die meisten deutschen Behörden belassen es in diesem Jahr bei „Sofortmaßnahmen“ gegen „Angriffe mit Alltagsgegenständen“. Risiken sollten abgewogen und wenn möglich minimiert werden, so auch in Leipzig. Beton als Gefahrenabwehr. Wie reagieren die Menschen in der Stadt darauf? Eine vorsichtige Frage beim Gemüsehändler des Vertrauens, ob er denn schon auf dem Weihnachtsmarkt gewesen sei, wird nicht nur liebevoll abgeschnoddert, er ginge da ja eh nicht hin, sondern mit dem Gefühl der Familie begründet. Selbst die vom saisonalen Zauber Begeisterten sähen in den Sicherungsanlagen wahre Harmoniekiller.

Ortsbegehung Augustusplatz: Mit Riesenrad und allem, was dazugehört, breitet sich der Weihnachtsmarkt hier zwischen Gewandhaus, Universität und Oper aus. Die Hauptverkehrswege werden am Einlass nicht nur von mehrreihigen Betonklotzgebilden flankiert. Da hier Straßenbahnen fahren, riegeln und regeln Polizeiwagen zusätzlich den Schienenverkehr, indem sie ihn die meiste Zeit versperren. Einige hundert Male fahren sie so hin und her und erinnern an Grenzkontrollen in Krisenregionen. An der Straßenbahnhaltestelle tönt es aus einer Gruppe von Damen mit rot-weißen Zipfelmützen: „Guck ma’, Erika, jetzt macht er zu!“ Das Prinzip des Checkpoints, auf und zu, macht das Öffnen und Schließen von Sicherheitsräumen selbst Angetrunkenen anschaulich. Die Leute nutzen die Blöcke vor allem zum Ausruhen und vergessen alle möglichen Sachen. Vereinzelt tauchen Gesprächsfetzen auf und unter: „... Lkw im Slalom durch, das dauert!“ Ein wild gestikulierender Mann erklärt, was da alles geschehen kann und was hoffentlich nicht, während er durch die alternierend gesetzten Betonbarrieren läuft. Ein anderer: „Hier, guck mal, Lego, Bernhard, welches willste denn. Da fühlste dich gleich sicherer.“ Gut gelaunte Grüppchen schieben vorbei. Dann eine Mutter zur Tochter: „Die Betonsperren sind überall in Deutschland, eigentlich.“ Der Satz bleibt offen, bis die Tochter kalt ergänzt: „Dass da keine Lastwagen rauffahren!“

Weiter Richtung Markt. Wer nicht alleine sein will, muss künstliche Zonen und Barrieren passieren, um in die ohnehin schon von versenkbaren Pollern geschützte und vollgestellte Flaniermeile zu gelangen. Vereinzelt stehen blau-weiße Kastenwagen rum, sie haben Kamera, WLAN, Funk und Datensätze. Ein paar Uniformierte in leuchtenden Schutzwesten laufen Streife. Setzt man sich auf einen dieser grauen Steine mit Noppen, die eigentlich einen anderen halten sollten, ist einiges mehr zu hören, und jeder Zehnte fasst an. Neben die Verdauungsgeräusche tritt das beiläufig geäußerte Werturteil, mit dem Finger auf dem Beton: „Das ist die größte Farce überhaupt, das macht alles kaputt.“

Manches ist selbst unter Panflötenteppichen nicht zu verdrängen. Die fröhliche Zusammenkunft eint das ungute Gefühl, dass da was im Wege liegt. „Hier zum Beispiel, da komme ich doch gut durch mit dem Auto.“ Kaum einer, der kein Szenario im Kopf hat. So auch ein Herr im mittleren Alter, der sich dazustellt. Also, wenn man ihn fragen würde, so ein Klotz könne gar nichts aufhalten. „Beruhigt Sie der denn?“ „Nee.“ Er sei ja Lkw-Fahrer, das könne man ganz einfach berechnen, wenn er ein paar Tonnen geladen hätte. „Wenn sie die enger und hintereinander gestellt hätten, ja, dann.“

Vorerst bauen die Stadtverwaltungen buchstäblich auf Sand, um ihre „weichen Ziele“ zu schützen: mobile Betonklötze von 2,4 Tonnen, auch Nizza-Sperren oder Betonsäue genannt. Teuer, aber nicht ganz so kostspielig wie die Umgestaltung von Plätzen und Straßen, man versucht mit der städtebaulich gewachsenen Situation umzugehen. Dabei hat die Dekra schon vor Monaten in einem Test gezeigt, dass einzeln gesetzte Quader keinen Lkw aufhalten, ihn wenn überhaupt ein wenig abbremsen können. In Expertenkreisen der Sicherheitsbranche hat dieses Ergebnis für wenig Verwunderung gesorgt, wie auch die Ereignisse selbst, Anschlagsszenarien sind seit Jahrzehnten bekannt. Denn selbst ein schwerer Klotz mit scheinbar großer Oberfläche tut, was er auf glatter Fahrbahn nach physikalischen Gesetzen beim Aufprall einer vielfach größeren Masse bei mehr als 50 Stundenkilometern tun muss, das sagt auch der Lkw-Fahrer: Er rutscht, da helfen keine Ketten oder leichten Pfosten, da hilft nur eine Verankerung im Boden, ein metertiefes Fundament eines stahlarmierten Pollers.

Rettende Blumenkübel

Der Geruch von gebrannten Mandeln steigt in die Nase und das von einsamer Gitarre getragene Coldplay-Cover fordert zum Weitergehen auf. Ein Vater mit Kind hüpft über einige Blöcke. Ob die was brächten? „Nee, glaub ich nicht.“ – „Beruhigt Sie das?“ – „Nö.“ Das Ganze sei ja schade, aber notwendig, bringen würde das aber nichts, meint eine Dame kurz vor der Pension: „Aber das ist für die Menschen, so psychologisch.“ Sobald man gezielt fragt, weiß jeder was zu sagen, so auch ein Mann mit Kinderwagen: „Schwachsinn. Was kommt denn da nicht durch? Mein Kumpel, der ist Lkw-Fahrer.“ Ein Pärchen interessiert die saisonale Camouflage der Sicherheitstechniken: „Es gibt so eine Stadt, da sind die groß und eingepackt in Folie, wie Geschenke. Aber hier, na ja, wenn man da so mit Vollkaracho reinfährt, das hält doch keinen Lkw ab.“

Frankfurt, Hamburg, Berlin, Potsdam, Dresden, Erfurt, Ulm und Karlsruhe machen weiter zu. Nicht nur zwischen Gefahr und Bedrohung wägen sie ab. Ebenso beugen sie dem spekulativen Vorwurf vor, es hätte schließlich etwas verhindert werden können, das hoffentlich nie eingetreten wäre. Daher kommen Blumenkübel, Pflanzentröge, Wassertanks, Sandsäcke und Container zum Einsatz. Man bezieht Stellung. Andererseits werden damit jene Stimmen lauter, die sich diese angeblichen Bollwerke an die Außengrenzen des Nationalstaats wünschen. Warum müsse der Mensch gerade in Feststimmung unter den unansehnlichen Betonanlagen leiden?

Eine vermeintliche Antwort versucht der „Aktionsplan für einen besseren Schutz des öffentlichen Raums“ der EU-Kommission. Er identifiziert die „inhärenten Schwachstellen der sogenannten ‚weichen Ziele‘“ sogleich mit ihrem schützenswerten Merkmal: Offenheit. Anstatt dicke Mauern zu ziehen, gelte es den „öffentlichen Charakter“ bei „diskreten“ Eingriffen in die Stadtgestaltung zu bewahren: Risikoeindämmung mittels „security by design“, also die vorausschauende Planung und Integration von Sicherheitskonzepten bei Bau und Umbau öffentlicher Orte. Dabei greift die EU nach einem alten Konzept, das nach den Anschlägen der IRA in den 1990ern in Großbritannien entworfen wurde. Gefahrenlagen werden dabei vor allem durch Perimeter minimiert, sie sollen weiche wie harte Ziele mittels smarter Landschaftsarchitektur vor einem Angriff mit beschleunigten „Alltagsgegenständen“ schützen, man denke an die neue US-Botschaft in London oder an stahlarmiertes Gerät auf Spielplätzen vor Verwaltungsgebäuden.

Auf dem Nachhauseweg trifft man noch eine Gruppe älterer Frauen, auch sie beruhigen die Poller nicht. Ein Gitarrist spielt Help von den Beatles. Die Stimmung ist kaputt. Gelassener geht es beim Fußball zu. Hier setzt man nicht so sehr auf Abschreckung, sondern auf erprobte Verkehrsleitsysteme und personalisierte Tickets für 42.000 Fans. Es kreist ein Hubschrauber, Polizeiwagen patrouillieren durch das Waldstraßenviertel am RB-Stadion – damit es nicht zugeparkt wird. So fließen Fans ein zur Champions League und sind schnell wieder raus.

Christoph Eggersglüß forscht an der Bauhaus-Universität Weimar über Kulturtechniken

06:00 17.12.2017

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