Fetzen der Wahrheit

Jahwebombe Zwei Romane des israelischen Dramatikers Joshua Sobol

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, heißt es bei Wittgenstein. War es Ingeborg Bachmann, die sagte, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man singen?

Der 80-jährige Ich-Erzähler in Joshua Sobols Roman Schweigen hat sein Lebtag kein Wort gesprochen. Mag sein, es hat ihm am 1.9.1939, am Tag seiner Beschneidung in einem israelischen Dorf, die Sprache verschlagen. Jedenfalls ist eine der ersten Lektionen des Kindes: Sprechen, geschweige denn so etwas wie Einspruch, hilft nicht. Viel früher als andere Kinder lernt der Junge lesen und schreiben, aber er wird jahrzehntelang nichts Eigenes schreiben, sondern nur aufnehmen und abschreiben, kopieren. Man könnte die verschlungenen Erinnerungen an seine Familie und an die Nachbarn in seinem Dorf einen großen Nachtrag nennen: Der Alte trägt den vielen längst verstorbenen Leuten aus seiner Nähe etwas nach, nicht im Sinne eines übelnehmenden Aufrechnens, vielmehr als Versuch, Vergangenes aufzuheben, zurückzuholen und zu bewahren für die Gegenwart.

Schon das Kind fragt sich allerdings nach dem Anfang und Ende des Erzählens, nach Original und Wiederholung. Es stellt fest, dass die Gespräche der Erwachsenen sich ständig wiederholen, etwa die Diskussionen zwischen den Eltern und einem Onkel, der Stalin verehrt und auf ein sozialistisches Israel setzt. Als Überlebende der Shoa ins Dorf kommen und vom Völkermord an den Juden berichten, fragt sich das Kind, ob jetzt alle anderen auch ins Schweigen verfallen werden. Später fragt es sich, warum sollte man etwas Eigenes erfinden und aufschreiben, wo nichts so schön ist wie das vielfach Wiederholte, wie die oft gehörten, weit verzweigten und variierten alten Geschichten und Debatten, die er "Feste der Erinnerung" nennt.

Im Verlauf des Romans wollen immer wieder Ärzte, Lehrer oder die Eltern das Kind und dann den Jugendlichen zum Sprechen bringen; vergeblich. Denn selbst wenn zu reden wäre, gilt es zu überlegen, wie ein Satz formuliert werden müsste, so dass er die Sache auch tatsächlich trifft. Dabei ist die Logik von Ereignissen absolut ungewiss, wo könnte das Sprechen also überhaupt sinnvoll einsetzen? Sobols Ich-Erzähler wird als Erwachsener zum Schriftsteller, der allerdings vor allem an einer phonetischen Umschrift von Vogelstimmen arbeitet. Niemand wird ein Wort aus seinem Mund hören, und der depressive Vater wird ihm das auf seinem Sterbebett heftig vorwerfen, um dem Sohn, der jetzt endlich seinen ersten Satz wagen will, anschließend ein letztes Donnerwort entgegenzuwerfen: Schweig!

Sobol erzählt von allem, was sich in einem israelischen Dorf in den Jahren 1939 und folgende abgespielt hat; Kinderspiele, Liebesaffären, Streitigkeiten unter Nachbarn, kriegerische Auseinandersetzungen mit Arabern - von Palästinensern ist nicht die Rede - er erzählt von der allmählichen Entwicklung des Dorfs, von den Stärken und Schwächen der Leute; er zeigt, wie nahe ihr Humor und ihre Sentimentalität, ihre Freundlichkeit und ihre Wut beieinander liegen. Es ist weniger das "Was" als das "Wie", das dieses Buch auszeichnet. Denn Sobol reiht nicht einfach Anekdoten aneinander, er zählt nicht bloß auf. Seine literarische Arbeit besteht darin, einen Sog herzustellen, einen Strudel aus Wiederholungen und Variationen.

Was einen vielleicht anfangs nicht sonderlich berührt - wo gibt es nicht schrullige Nachbarn, überarbeitete Mütter, bewunderte wie gefürchtete Väter - kommt einem dann doch von Seite zu Seite näher, und führt dabei ins Rätseln. Denn Erinnerung ist nichts, was feststeht, was sicher zu haben wäre. Daher das fortgesetzte Wiederaufgreifen von Motiven, daher die Sätze, die sich mühelos über zwei, drei Seiten hinziehen können. Wie in Zeitlupe dehnt der Autor Augenblicke, ob es um das Zerquetschen einer Ameise geht oder um die letzte große Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn. Fortgesetztes Ausschweifen in alle Richtungen und das Insistieren auf dunklen Punkten: Das gibt dem Buch bei all seiner Intellektualität - die philosophische Erörterung ums Schweigen oder Sprechen, um Zufall und Folgerichtigkeit - gleichzeitig auch seine Emotionalität.


Auf den ersten Blick hin ganz anders wirkt Sobols Roman Whisky ist auch in Ordnung: Eine rasante Verfolgungsgeschichte um den ehemaligen Mossad-Agenten Chanina, der sich auch Shakespeare, Shylock oder Nino nennt. Chanina-Shakespeare ist ein Werbefuzzi beziehungsweise Dichter, der jetzt auf eigene Faust einen Nazi jagt und ihn auf abenteuerliche Weise erledigen wird. Das Buch springt ruckzuck durch die ganze Welt: New York, libysche Wüste, Norwegen, Indien, Israel, Deutschland. Chanina hat von seinem Vater gelernt, überall zuhause zu sein, und er ist nicht nur in der Lage, seine Identitäten zu wechseln, er ist aus Teilen zusammengesetzt, die überall auf der Welt geklaut wurden. Melissa, ein Call-Girl, die ihre eigene Rechnung mit dem Nazi zu begleichen hat, hilft Chanina, so wie er ihr.

Auch wenn die beiden nicht miteinander vögeln, entwickelt sich zwischen ihnen eine Vertrautheit und eine wundersam verspielte Erotik. Das wirkt stimmig, gerade weil die beiden nicht gut, nicht schön und nicht wahr sind, aber Melissa vermutet, wenn zwei nicht Schöne zusammenkämen, könne Schönes herauskommen. Das liest sich schön, gut und wahr. Whisky ist auch in Ordnung hat, wenn man genauer hinsieht, Einiges gemeinsam mit dem vorausgegangenen Roman. Auch hier ist es die Schreibweise, die dem Buch über die spannende Handlung hinaus und über das Verwirrspiel mit Identität, mit Lüge und Wahrheit seine Intensität und Komplexität gibt. Sobols Sätze haben auch hier etwas Wucherndes, absichtsvoll Ungeordnetes, Unhierarchisches an sich, und es ist programmatisch, wenn ein Freund zu Chanina sagt, "gib mir Fetzen der Wahrheit, und dreh mir keine gut erzählte Lüge an, mit Anfang, Mitte und Schluß". Wie in Schweigen geht es um die Frage nach der Erkennbarkeit von Welt und der Möglichkeit, sie in Worte zu fassen.

Joshua Sobol, der 1939 in Israel geboren wurde, gilt als einer der führenden Dramatiker seines Landes; erinnert sei hier beispielsweise an sein Theaterstück Ghetto von 1984, das in Wilna spielt und das, so Sobol in einem Selbstinterview, der Frage nachgeht, "wie die Nazis unsere Seele geschändet haben". Die Reflexion darüber, was die Shoa aus den überlebenden Opfern und ihren Nachkommen macht, findet sich natürlich auch in den beiden Romanen, ohne dass es darauf "die" eine, einfache, allgemeine Antwort gäbe. Aber dass auf die äußerste Ohnmachtserfahrung, auf die Erfahrung, Opfer zu werden, auch, unter anderem, mit äußersten Machtphantasien reagiert wird, zeigt Sobol, ohne es durch Kommentare zu glätten: So träumen zwei Alte in Schweigen von einer "Jahwebombe", einer "Luftbombe", einer Atombombe, mit der man gegebenenfalls die Erde wegsprengen könne, um mit dieser Drohung die Feinde Israels abzuschrecken. Machtphantasien, und die Realität von Macht. Vom Opfer zum Tätigen werden, zum Tatmensch, auch zum Täter - und dabei war der Mossad-Agent Chanina-Shakespeare, der sich selbst als Killer und Henker bezeichnet, doch eigentlich geboren, um ein Dichter, genauer, eine Dichterin zu werden. Doch nein, man sollte nicht dichten, keine Geschichten erzählen, denn nicht die Musik, sondern Worte treiben Leute zur Gewalt, heißt es einmal, ob es die Thora ist, das neue Testament oder der Koran, jede Lügengeschichte stütze sich auf vorausgegangene. Und daher bestehe die Tätigkeit des echten Dichters nicht in Worten, sondern im Ungesagten, in der rein körperlichen Gegenwart und Aktion. Und während Chanina und sein Freund in Bögen und Sprüngen ihre Gespräche führen, entspringt Chanina. Immer wieder reißen die Fäden ab, werden anderswo angeschlossen. Soll man den so artistisch, so waghalsig erzählten Roman Whisky ist auch in Ordnung als postmodernen Text bezeichnen, dem vor allem am Spiel mit Versatzstücken gelegen ist? Vielleicht. Aber dieses Spiel ist nicht indifferent. Man spürt bei allem Handlungsreichtum, bei allem Witz, bei aller Souveränität, bei allem sprachlichen Reichtum, der dem Autor zur Verfügung steht, dass der Text um Leerstellen herum kreist. Worüber sich nicht sprechen lässt, auf das kann man zeigen.

Sucht man nach einem musikalischen Pendant zu Sobols literarischer Arbeit, kommt einem Gustav Mahler in den Sinn: Hier wie da ein Reichtum an Imagination, eine Virtuosität, die auch Banales und Brutales mit einschließt. Hier wie da eine äußerste Anspannung der Stimmung zwischen finsterem Brüten und scharfem Spott, hier wie da das Zirren, die Hakenschläge, vielfältige Fluchtbewegungen, das Unbehauste, Flüchtige. "Kannst du dir ein Lied ohne Worte vorstellen, ohne Melodie und ohne Takt? Oder ein Gemälde ohne Farbe und Linie? Das ist Shakespeare (Chanina, SP) für mich. Eine Sprache ohne Schrift, die sich in dem Augenblick verändert, in dem du sie betrachtest. Ein Stoff, der sich in dem Moment verflüchtigt, in dem du ihn zu greifen versuchst. Wenn ich ihn mit drei Worten definieren müßte, würde ich schlicht sagen, er ist nicht."

Joshua Sobol: Schweigen. Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke, Luchterhand, München 2001, 362 S., 21,30 EUR

Joshua Sobol: Whisky ist auch in Ordnung. Roman. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner, Luchterhand, München 2005, 320 S., 21,90 EURTB 10,50 EUR


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00:00 28.07.2006

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