Feuerland ist abgebrannt

Genozid Belgrano Rawson schreibt über eine untergegangene Welt

Die Geschichte seiner Heimat treibt Eduardo Belgrano Rawson um. Der 1943 geborene argentinische Schriftsteller begibt sich in seinen Romanen auf Spurensuche und erhellt damit indirekt auch Aspekte der gegenwärtigen Verfasstheit des Landes. In der Übersetzung von Lisa Grüneisen liegt jetzt der 1991 erschienene Roman Fuegia - In Feuerland - auf Deutsch vor. Das ist nicht nur deshalb erfreulich, weil es sich um ein kenntnisreiches, bewegendes und spannendes Buch (und eine gute Übersetzung) handelt. Der Roman bietet auch eine eigene Sicht auf die Eroberung, Kolonisierung, Missionierung und Zivilisierung Amerikas: Er stellt sie als großes Missverständnis im Zeichen der Ungleichzeitigkeit dar.

Belgrano Rawson wählt einen weitgehend unbekannten Ausschnitt: die Inbesitznahme von Feuerland und Südpatagonien. Das ist vom Geographischen her eine besonders ferne Welt, historisch gesehen allerdings eines der näher liegenden Beispiele, da sich die diesbezüglichen Ereignisse erst um 1900 herum abgespielt haben. Einer der ersten Eingriffe war die englische Missionierung dieses Gebiets, das vor der Erbauung des Panamakanals als Station für Frachter, Kriegsschiffe und Walfänger diente. Die in Gang gesetzte "Zivilisierung" dezimierte die autochtonen Indiostämme: Sie waren nicht immun gegen eingeschleppte Krankheiten wie beispielsweise die Masern, wurden darüber hinaus anfällig durch die "christliche" Baumwollkleidung, die nicht wie die ursprüngliche Fellbekleidung das Wasser abstieß und im nasskalten Klima auch nicht am Leibe trocknete. Der endgültige Einbruch kam für die Urbevölkerung jedoch mit dem Beginn der extensiven Schafzucht. Das Land wurde von den Viehzüchtern beschlagnahmt und eingezäunt, die Einheimischen, die sich an die neuen Besitzverhältnisse nicht gewöhnen wollten, wurden verfolgt und dann mit Hilfe des argentinischen Militärs nahezu ausgerottet. Inzwischen war auch ihre natürliche Lebensgrundlage, die einheimische Fauna - Guanakos, Robben, Wale -, zerstört worden.

Das wäre das abstrakte Resümee des Buches. Belgrano Rawson hat aber keine Dokumentation, keinen historischen Roman und auch keine antikolonialistische Anklageschrift verfasst. Er schneidet Szenen aus dem damaligen Leben gegeneinander, dem Leben der Indios, der Missionare, Ärzte, Landbesitzer, Regierungsbeamten, und dabei gelingen ihm wie nebenbei ganz außergewöhnliche Porträts. Es geht hier um Welten, die sich berühren und einander in ihrem Wesen dennoch völlig fremd bleiben. Jede Gruppe folgt ihren eigenen Regeln, das Verhalten ist aus ihnen heraus verständlich, versöhnbar sind die einzelnen Welten jedoch kaum. Der Untergang der Urbevölkerung, des schwächsten Glieds, erscheint unter diesen Bedingungen zwangsläufig und unaufhaltsam. Das macht die eindringliche Melancholie dieser Geschichte aus der Region der ewig kalten Winde aus.

Der Roman hat poetische und dramatische Momente, setzt brutale, atavistische, skurrile und anrührende Begebenheiten in Szene. Und die eingestreuten Kinderfotografien, die angeblich die handelnden Personen darstellen, verweisen auf einen Zustand der Unschuld, der unwiederbringlich verloren ist.

Eduardo Belgrano Rawson: In Feuerland. Roman. Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. C.H. Beck, München 2003, 240 S., 18,90 EUR


00:00 30.04.2004

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