Feuilleton für freie Bürger

In memorian Über das Vermächtnis des vergangene Woche verstorbenen „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher

So ist es mit der Trauer, die das deutsche Feuilleton um Frank Schirrmacher trägt: Man trauert um einen Menschen, gewiss, um ein Vorbild auch, einen Kulturhelden für eine Zeit, die verdammt skeptisch gegenüber Kulturhelden ist. Aber man trauert auch um eine Kultur des Streits, der Einmischung, der rhetorischen Eleganz, des Gedankenexperiments, der Analyse diesseits des wissenschaftlichen Diskurses und der Polemik jenseits des modischen Krawallfeuilletonismus. Frank Schirrmacher war ein Einziger in einer Kultur, die mindestens ein Dutzend von seinem Format gebraucht hätte.

Schirrmachers Arbeit ging von einer großen Erweiterung des Feuilletons aus, nicht nur hin zur Pop- und Alltagskultur, sondern auch zur Politik. Das Feuilleton der FAZ, das er jahrelang leitete, entfaltete sich dabei zu einem sonderbaren Hybriden. Wenn man es gut meint, könnte man von einer Kunst des Selbstwiderspruchs reden, wenn man es nicht so gut meint, von einer Zerrissenheit, die ein manchmal hochunglückliches Abbild des Zerbrechens einer einstigen, spannungsreichen Einheit von kulturellem, politischem und ökonomischem Liberalismus abgab. Frank Schirrmacher war einer der wenigen, die sich dieser Zerrissenheit stellten. Daran wurde er auch „politisch“, für viele mindestens gelegentlich „kapitalismuskritisch“. Jedenfalls versteckte er sich nicht in der Kultur vor der Politik und nicht in der Politik vor der Kultur.

Ausloten und Erweitern

Er blieb am Ende immer ein Liberaler, was bedeutet, dass seine Gedanken nie vor den Mauern mit der Aufschrift „unbequem“, meistens aber vor denen mit der Aufschrift „radikal“ haltmachen mussten. Aber vielleicht ist ja genau dies die Aufgabe eines guten „bürgerlichen“ Intellektuellen im Rahmen der Feuilletonschreibweise. Das Ausloten und Erweitern, nicht das Überschreiten des Möglichen.

Frank Schirrmachers Schreiben ging ungefähr so: Vorläufiges und Fragmentarisches riskieren, aber Beliebigkeit und Konvention meiden. Sich auf Widersprüchliches und Ambigues einlassen, aber es als solches benennen. Vergnügen am eigenen Schreiben haben, aber sich nicht in Selbstgefälligkeit treiben lassen. Jede Sache von mehreren Gesichtspunkten aus ansehen, aber sich nicht einbilden, über den subjektiven Faktor zu triumphieren. Sich wirklich erregen können, aber nie unduldsam werden. Im Eifer nie Selbstreflexion und Selbstkritik vergessen. Der Macht misstrauen und also auch der Macht der eigenen Funktion.

Den Blick – das ist die schöne Möglichkeit der feuilletonistischen Denk- und Schreibweise – vor allem auf das Gegenwärtige, das Symptomatische, nicht zuletzt auf das Groteske und das Komische richten und selbst die notwendigen Blicke in die Vergangenheit und in die Zukunft aus dem Gespür der Gegenwärtigkeit entwickeln. Zeitgenosse, nicht Komplize sein. Den Mächtigen auf Augenhöhe begegnen, nicht als Hofnarr, nicht als Ratgeber, sondern als freier Bürger (was schreibend, lesend und debattierend immer noch am nachhaltigsten geschieht). Das Glück des Entdeckens teilen, und den Zorn des Erschreckens. Den Luxus des freien Denkens mit Verantwortung grundieren. Dieses Schreiben, mit anderen Worten, wäre der ideale Katalogsatz für lernende Menschen, die in einem in Schirrmachers Sinn erweiterten Feuilleton arbeiten möchten, verstanden als Methode und Haltung der Auseinandersetzung.

Frank Schirrmacher, so denke ich, wird in der Geschichtsschreibung der Zeitung, der Kritik und des Feuilletons dereinst als Übergangsfigur gesehen. Keine leichte, keine dankbare Aufgabe. Der bürgerlich-liberale Intellektuelle ist die soziale Skulptur des Ideals eines frei denkenden, autonomen und mündigen Bürger-Menschen (mit Bürgerrechten und Menschenrechten, die es nur gibt, wenn es sie für alle gibt). Seine Texte handeln daher nie nur von etwas, das die Freiheit entweder fördert oder bedroht, sondern sie sind selbst immer auch Dokumente einer Anstrengung: Ein mündiger Mensch werden und bleiben ist keine leichte Sache. „Mündig ist der, der für sich selbst spricht, weil er für sich selbst gedacht hat und nicht bloß nachredet“, sagt Theodor W. Adorno, für einmal sehr einfach.

Es ist kein besonders glückliches Bewusstsein, das aus einem solchen Schreiben kommt. Frank Schirrmacher konnte sich in ein Thema verbeißen, das macht, zum Beispiel, seine Bücher ein wenig monothematisch. Er verkörpert den Typus des Intellektuellen einer sonderbaren, aber ziemlich langen Zwischenzeit; er selbst nannte es die Generation der „Baby Boomer“ und bemaß deren Insassen sehr großzügig, von der Mitte der 50er bis Mitte der 70er als Geburtsjahr. Es sind die Menschen, die in einer Welt aufwuchsen, in der alles besser, freier, leichter, sogar gerechter zu werden versprach, und die schuldbewusst, großenteils aber ignorant reagierten, dass von diesen Versprechen nichts blieb.

Geschöpf der Abkühlphase

Schirrmacher kritisierte das „Versagen“ dieser, seiner Generationen, er klagte an und saß zur gleichen Zeit auf der Anklagebank. Doch vorher hatten natürlich die Intellektuellen der Nachkriegszeit und der „68er“ versagt oder waren verzweifelt, und nun schienen gerade die Vordenker der Netzwerke und der verflüssigten Diskurse zu versagen oder zu verzweifeln. Die soziale Skulptur des Intellektuellen existiert immer auf Abruf, weshalb sie eher Spuren hinterlässt als Werke. Deswegen ging es in seinen Büchern oft weniger um eine Tiefenanalyse, sondern um die Frage, wie man denn nun richtig leben könne. Wie heiß werden, wenn man ein Geschöpf der größten Abkühlphase der mitteleuropäischen Geschichte ist? Wie frei denken, wenn alles unter Performances versinkt?

Das waren seine Fragen. Die feuilletonistische Schreibweise (hier ganz und gar nicht abwertend, sondern als eines der besten Instrumente der Kritik begriffen) unterscheidet sich sowohl von der radikalen als auch von der wissenschaftlichen Kritik dadurch, dass sie nie darauf verzichten kann, die lebenspraktischen Folgen zu bedenken. So geht es im Methusalem-Komplott wie in Minimum nicht nur um die Änderung der Altersstrukturen und der Familien in der Gesellschaft, sondern auch darum, wie man sich womöglich verhalten kann, und in Payback werden Einwände zur Digitalkultur nicht nur im Makrobereich der Staaten und Ökonomien, sondern auch im Mikrobereich des Alltags behandelt. Und Ego verrät es fast schon im Titel, auch wenn es gerade um die Kritik dieses neuen Ich der globalisierten neoliberalen politischen Ökonomie geht: Schirrmachers größere Versuche lassen sich auch als fortlaufende Chronik der persönlichen Herausforderungen, als intellektuelle Autobiografie lesen.

Schirrmacher-Bücher auf den Bestsellerlisten zu sehen war immer eine kleine Erleichterung. Ist eben doch nicht nur Mist, was in Deutschland gelesen wird. Dabei ging es immer auch um den Geist des Ein- und Widerspruchs, nicht nur in den großen Bögen des gesellschaftlichen Wandels, sondern auch im konkreten Detail. Was Schirrmacher, nur zum Beispiel, an der Bundeskanzlerin Merkel kritisierte, nämlich deren Weigerung, ein „Narrativ“ für die Zeit der Krisen und der Globalisierungen zu entwickeln; was er an einem Kapitalismus, der nach den Vorgaben einer mächtig in Mode gekommenen „Spieltheorie“ funktionieren soll (und es dann nicht tut), als destruktiv und inhuman zeichnete; was er mit dem gebetsmühlenhaft wiederholten „demoskopischen Faktor“ einer kritischen Revision unterzog; was ganz explizit den „Konzernen der Bewusstseinsindustrie“ zugeschlagen wurde – all das waren und sind Elemente, die sich auch in einen „linken“ Strang der Kritik einfügen, auch wenn es dem Autor vielleicht um etwas anderes ging. Um den Verlust eines Konzepts von mündigem Individuum und politischem Subjekt in der „Verflüssigung“ durch den neuen Kapitalismus, die Medienmaschinen und die Digitalisierung. Kurzum, um die berechtigte Sorge, dass es das, was die soziale Skulptur des Feuilleton-Intellektuellen darstellen und fördern soll, in absehbarer Zeit einfach nicht mehr geben könne. Den mündigen Menschen.

Was ist, jenseits der direkten Trauer um einen zu früh Gestorbenen, den wir noch dringend gebraucht hätten, zu tun? Es wäre die gewohnte Forderung: kein Denkmal, einen Platz für Frank Schirrmacher. Einen, auf dem man sich treffen könnte, um die Resurrektion dieses mündigen Menschen zu besprechen.

Lesen Sie einen weiteren Nachruf von Michael Angele

Dieser Artikel erscheint in Ausgabe 25/14 vom 19.06.2014

06:00 19.06.2014
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