Fibel

Linksbündig Videoerpressung oder die Illusion des schnellen Verstehens

Dieser Tage ist Christina M. in aller Auge. Dafür haben wir lange nichts mehr von Rudolf B. gesehen. Eine leichte umgangssprachliche Verschiebung bringt den Sachverhalt auf den Punkt: das Bild ersetzt die sprachliche Information in der aktuellen Nachrichten-Rezeption. Im Videostill der Hilfswerksmitarbeiterin Christina M. in Afghanistan, das seit einigen Tagen in Umlauf ist, sehen wir eine Frau mit schwer deutbaren Gesichtsausdruck, in eine traditionelle weiße Burka gehüllt. So präsentieren sich heutzutage Entführungsopfer im Bild: unkenntlich kenntlich gemacht im schleierhaften Kontext eines ungeklärten Verbrechens. Waren es die Taliban, die Christina M. kidnappten, oder afghanische Kriminelle, die ebenfalls schon erfolgreich das Handwerk der Videoerpressung anwenden?

Augenscheinlich ist zuallererst die Bild-Strategie: die Präsentation des Opfers als Leidensgestalt. Solche Bilder appellieren an unsere westliche Wahrnehmung. Wir reagieren darauf unweigerlich mit Emotionen, und wer dies nicht tut, gerät unter den Verdacht der Gefühlskälte oder des Zynismus. Auch wenn die Umstände unklar sind, lässt sich daraus politisches oder finanzielles Kapital schlagen. Auf der Webseite des afghanischen Privatsenders Tolo-TV übrigens, von dem das Video stammt, ist Christina M. kein Thema.

1955 erschien von Bertolt Brecht die ungewöhnliche Kriegsfibel: eine Sammlung von Zeitungsbildern, die er mit vierzeiligen Legenden versah. Unter dem Bild Nummer 12 steht: "So haben wir ihn an die Wand gestellt: / Mensch unsresgleichen, einer Mutter Sohn / Ihn umzubringen. Und damit die Welt / Es wisse, machten wir ein Bild davon."

Das Bild hier dient als Erinnerungsdokument, die Textzeile darunter erklärt die Umstände. Brecht macht sich dies zunutze, indem er ersteres intakt ließ, jedoch eine neue Legende daran knüpfte und das Bild so auf einfache Weise kritisch verfremdete und in einen anderen Kontext stellte. Schon 1931 schrieb er: "Das riesige Bildermaterial, das tagtäglich von den Druckerpressen ausgespien wird und das doch den Charakter der Wahrheit zu haben scheint, dient in Wirklichkeit nur der Verdunkelung der Tatbestände. Der Photographenapparat kann ebenso lügen wie die Schreibmaschine." Darauf versucht seine Kriegsfibel eine Antwort.

Seither ist die Entwicklung rasend schnell weitergegangen, doch nicht im Sinn erhöhter Klarheit. Täglich werden Millionen von Bildern in den Nachrichtenkanälen ausgespuckt, von denen wir einen Bruchteil mit flüchtigem Interesse wahrnehmen und gleich wieder vergessen. Unsere Aufmerksamkeit verhält sich proportional zur fotografischen Aufnahmezeit: dem Bruchteil einer Sekunde. Der möglichst knappen Textlegende kommt dabei die Bedeutung zu, die Vielfalt der oft stereotypen Bilder von der Intention her zu strukturieren. Im Fall des Videostills von Christina M. zeigt sich freilich, dass dies nur selten widerspruchsfrei vonstatten geht. Das von dpa in Umlauf gebrachte Bild diente den Medien für ganz unterschiedliche Meldungen: Im einen Fall belegte es die Entführung, im anderen wenig später die Befreiung. Zeugt der Gesichtsausdruck des Entführungsopfers nun von ängstlicher Demut oder von scheuer Erleichterung?

Eine Antwort darauf ist nicht mehr nötig, weil längst schon neue Bilder an uns vorüberrauschen, die wir im Bruchteil einer Sekunde wahrnehmen und mit ihnen Christina M. gleich wieder vergessen - so wie es mit dem Bauingenieur Rudolf B. oder mit dem Sohn von Hannelore Krause geschehen ist. Das Alte interessiert nicht mehr.

In ihrem Buch Das Leiden anderer betrachten bezieht sich Susan Sontag auf die Grafik von Goya, in denen verstümmelte Figuren auf die leere Bühne einer erschreckten Zeugenschaft gestellt sind. "Goyas Bilder bilden eine Synthese", zu der Frage, was man sah und warum, bemerkt Sontag: "Im Gegensatz dazu erhebt ein einzelnes Foto oder eine Filmaufnahme den Anspruch, genau das wiederzugeben, was sich vor dem Objektiv der Kamera abgespielt hat." Doch die abgeklickten "Beweise" bleiben nicht haften. Jedes Anhalten der Bilder- und Neuigkeitsflut bedeutete zuviel Anstrengung. Trotzdem ist Brechts Verfahren wieder in Erinnerung zu rufen. Jedes Bild steht heute grundsätzlich unter Fälschungsverdacht, weshalb bei seiner Betrachtung Vorsicht und Zweifel angebracht sind. Es gilt, der Illusion eines schnellen Verstehens zu widerstehen. Ein tägliches Exerzitium könnte darin bestehen, uns wenigstens auf das eine oder andere Bild einen eigenen Reim zu machen.


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00:00 24.08.2007

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