Ficker und Rohrkrepierer

Bad Reading Andreas Merkel ergötzt sich an Murakamis vergeigten Metaphern und ächzt unter schlecht übersetztem Ami-Machismo
Ficker und Rohrkrepierer
Im hochgelobten südkoreanischen Cannes-Beitrag „Burning“ von Lee Chang-dong brennt's sogar wirklich

Foto: Imago Images/Prod.DB

Letztens nutzte ich die regnerische Pause vom Sommer, ging mal wieder ins Kino und gab danach noch mal Büchern von Leuten wie Haruki Murakami eine Chance. Ich hatte mir den hochgelobten südkoreanischen Cannes-Beitrag Burning von Lee Chang-dong angeschaut. Ein rätselhaft zwiespältiger Film über eine Dreiecksbeziehung zwischen einem armen jungen Möchtegern-Autor, einem reichen jungen Geschäftsmann und dem hübschen Mädchen zwischen den beiden, das leider nicht weiß, was „metaphorisch“ heißt. Burning nervte einerseits mit unerträglicher Schulfunk-Synchronisation und bedeutungsschwerer Arthouse-Entschleunigung. Faszinierte aber andererseits mit Bildmeditationen über Südkorea.

Die Vorlage zum Film soll tatsächlich von Murakami stammen, das interessierte mich dann doch. Scheunenabbrennen ist zu finden in einem Erzählband von 2009. Zu meiner Überraschung war die Story richtig gut: Erzählt aus der Ich-Perspektive des Autors, der hier älter, verheiratet und nicht ganz so erfolglos ist, hält sie die Dreieckskonstellation sogar besser in der Schwebe als der Film. Murakamis Erfolgsrezept – ein westliches Faible für Musik (Pop und Klassik), Alltagsverrichtungen (in einer Short Story wird ungefähr so viel gegessen wie im Gesamtwerk von Enid Blyton) und Nazi-Metaphern (eine Mandarinenschälen-Pantomime erinnert den Autor an den Eichmann-Prozess) – gewinnt neue Reize durch ein paar exotische Lost-in-Translation-Ereignisse. So wird ein Kafka-light-Effekt kreiert, der oft zwischen Bad Thinking und Bad Writing oszilliert, bei dem aber am Ende gar nicht so leicht Bullshit von Bolaño zu unterscheiden ist. Oder wie viel Humor bei den vergeigten Metaphern wirklich im Spiel ist.

Dann lieber wieder zurück in die altvertraute amerikanische Ambivalenz, hin zu neu zu entdeckenden Autoren und Autorinnen, die drüben bereits Furore gemacht haben. Kent Haruf (1943 geboren, gestorben 2014, beides in Colorado) hatte deutsche Vorfahren, die bei der Einreise in Ellis Island noch „Hörauf“ hießen. Seine sechs Romane spielen alle in der fiktiven Kleinstadt Holt und handeln vom Versuch, in ärmlichen Law-of-the-Land-Verhältnissen so etwas wie Herzensgüte zu behalten. Wenn man weiß, dass Unsere Seelen bei Nacht, in dem sich ein altes Paar einfach zum Gemeinsam-Übernachten findet, mit Robert Redford und Jane Fonda verfilmt wurde, meint man bereits im Bilde zu sein. Und wer auf Reisen in Amerika mal mit den „einfachen“ Leuten Kontakt hatte, weiß, dass Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft hier tatsächlich keine hohlen Mythen sind. So zum Beispiel auch für die junge Mutter Victoria in Harufs Roman Abendröte, der von zwei alten Viehzüchtern, den McPheron-Brüdern, bei ganz normalen Alltagssorgen (Kind, Wohnung, Geld) geholfen wird, wo sie nur können. Harufs großer Pluspunkt ist, dass er der spirituellen Sinnsuche und Vorteilsnahme im selbst erklärten God’s Own Country eine klare Absage erteilt. Sie werde auch jeden Tag gerettet, von Jesus, sagt eine Mitstudentin zu Victoria, die antwortet: Nein, davon habe sie absolut nicht geredet.

Wovon hingegen der Irakveteran, Ex-Junkie und wegen eines Banküberfalls inhaftierte Nico Walker in seinem Roman Cherry absolut redet, ist das uns scheinbar vertrautere Amerika, von dem wir heutigen Netflix-Chiller vielleicht nicht genug bekommen können, weil uns die Heimeligkeit von Harufs Holt so fremd geworden ist. Hier herrschen Kriegstraumata, Kriminalität, Knast und Opioid-Krise. Angeblich auf einer Gefängnisschreibmaschine hat Walker sein Leben als superlakonischen Hardboiled-Roman runtergeschrieben. Leider scheitert Cherry auf Deutsch dann spätestens an der Synchronisation, in der es für die ganzen Bitches und Fucker längst keinen Unterschied mehr gibt zwischen „Fake it“ und „Make it“. Das klingt dann so: „Jeffries war ein kleiner Ficker, der nicht mal ahnte, was für ein abgewichster Rohrkrepierer er war.“

Zur Erholung von diesem schlecht übersetzten Ami-Machismo am Ende noch ein Roman im Original. Lisa Taddeos Three Women ist in den USA gerade als ein von der New York Times „most anticipated title“ erschienen und will irgendwo zwischen Truman Capote und Gay Talese das sexuelle Leben von drei ganz normalen Amerikanerinnen erzählen, denen die Autorin mit jahrelangem Aufwand hinterherrecherchiert hat – Maggie, Lina und Sloane. Keine der Frauen hat dabei so etwas wie eine selbstbestimmte Sexualität, Liebe wird haarsträubend idealisiert und Liebemachen gnadenlos instrumentalisiert: für die Männer immer nur das Ziel, für die Frauen erst der Anfang einer Beziehung. Die große Schwäche des Buches könnte allerdings auch seine Stärke sein: Taddeo kann nicht begründen, warum sie gerade diese drei Frauen ausgewählt hat.

Metoo und Identitätspolitik bleiben außen vor. Dafür hat man aber auch die Befürchtung, dass Taddeos Buch der normalen Sexualität einer Durchschnittsamerikanerin ziemlich nahekommt. Wenn man die bisweilen schlimmen Lyrik-Metaphern, Männer glänzen so verlockend wie „onkelhafte Austern“, außen vor lässt, ist das realer als eine abgebrannte Scheune bei Murakami.

Info

Der Elefant verschwindet: Erzählungen Haruki Murakami Nora Bierich (Übers.), btb 2009, 192 S., 9 €

Abendrot Kent Haruf pociao (Übers.), Diogenes 2019, 416 S. , 24 €

Cherry Nico Walker Daniel Müller (Übers.), Heyne 2019, 384 S., 22 €

Three Women Lisa Taddeo Bloomsbury 2019, 320 S., ca. 16 €

06:00 14.09.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1