Fiesco

Linksbündig Der "neue Antisemitismus"

Die Meldung "Zehntausende versammelten sich in Deutschland zu anti-israelischen Protesten" wurde im Berliner Info-Radio am 13. 4. ebenso kurz gefasst wie die, dass "Netanjahu angesichts des von den USA geplanten Mordes an Saddam Hussein dazu aufrufe, mit Arafat dasselbe zu tun" (am 11. 4.). Ein längerer Bericht samt Interview mit einem behandelnden Arzt kam dagegen der gentechnischen Therapie mit "künstlicher Haut" zu, die auf die Verbrannten von Djerba angewendet wird (14. 4.). Diese Zeitgewichtung suggeriert, dass uns weder die Öffentlichkeit lokaler Friedensdemonstrationen noch eine globale Politik zu kümmern habe, die im Ton der Verschwörung "Schurken" mit Meuchelmord droht. Statt dessen haben wir uns daran zu orientieren, dass fortschrittliche Verfahren, wie die einer "künstlichen Haut", in Zukunft alle Folgen eines jederzeit möglichen Anschlags reparieren.

Der im "Kampf gegen den Terror" produzierte Terror zielt auf eine Weltordnung, deren Zukunft machbar ist. Wer die strategische Konformität der Twintower-Mächte USA und Israel durchkreuzt, der ist selbst des Terrors verdächtig, obwohl sein dabei lautwerdendes "Anti" verschieden beantwortet wird. Der "Antiamerikanismus" wurde, kaum gehört, tabuisiert; der "neue Antisemitismus" pazifistischer Proteste wird dagegen in dem Maß beschworen, wie diese Proteste an die Seite von "Schurken" gerückt werden. Ob wir, mit TUI in ein islamisches Land gereist, eine Synagoge besichtigen, was als prosemitisch gelten könnte; oder, zuhause geblieben, für eine staatenlose, islamische Bevölkerung gegenüber einem Staat eintreten, was "neuem Antisemitismus" geschuldet sei; stets sind wir, ob pro- oder antisemitisch codiert, mit Verbrecherischem identifiziert. Wir sind Täter in Latenz, Schläfer, deren alter Antisemitismus im "neuen" fürchterlich erwachen könnte. Hielt uns darum der "mit Gas beladene Lastwagen" in Djerba schon jetzt einen Spiegel unserer einstigen Vergasungen vor?

Richtig, damit wurde ausgesprochen, dass dieses Attentat keineswegs den "Namen des Islam" zu tragen braucht, der seit dem 11. 9. für jeden "Schurkenstreich" haftbar scheint. Richtig ist jedoch ebenso, dass mit dieser Frage nichts anderes angesprochen wurde als dies: Vielleicht spielt der "Name des Islam" heute dieselbe Rolle, wie der "Mohr" in Schillers Verschwörung des Fiesco zu Genua? Er wird von zwei, den USA und Israel nicht unähnlichen, Mächten gedungen, die ihn für Attentate auf sie selbst bezahlen, um, gedeckt durch ihre Position des "Opfers", ihren Herrschaftsanspruch zu inszenieren. Dabei schließt die Rolle des "Mohrs" nicht aus, sondern ein, dass er selbst über eine weit verzweigte Untergrundorganisation verfügt. In ihr verschwindet er, seine "Schuldigkeit" getan habend.

Schiller betont im Motto seines sechs Jahre vor der französischen Revolution uraufgeführten "republikanischen Trauerspiels" die "Neuheit des Verbrechens", dessen "Spinnweben durch die ganze Dehnung des Weltsystems laufen und vielleicht an die entlegensten Grenzen der Zukunft und Vergangenheit anhängen". Das Verbrechen vom 11. 9. 01 ist folglich nicht neu. Die französische Revolution realisiert es innerhalb ihres "neuen Krieges". Der bringt in der Moderne ein "technisches Muster" hervor, was die "Dehnung" dieses Verbrechens durch das "Weltsystem" hindurch mittels "der Einführung der Umwelt in den Kampf der Kontrahenten" erst möglich macht. Denn dies ist nach Sloterdijk "der Grundgedanke des Terrors im expliziteren Sinn", dass er "nicht mehr auf den Körper eines Feindes, sondern auf seine Umwelt zu zielt".

Dieser Sinn kommt im Konzentrationslager, dem Entzug der Umwelt schlechthin, auf seinen Nenner. Wird also heute ein "neuer Antisemitismus" hochgespielt, dann gilt zwar einerseits, dass die Verbrechen des alten Antisemitismus "der Zukunft und Vergangenheit anhängen", aber andererseits gilt, dass der Staat Israel einen Bruch gegenüber der Verfolgungsgeschichte des Judentums setzt: Pazifistische, an diesen Staat adressierte Proteste haben nichts mit einem "neuen Antisemitismus" zu tun; drittens gilt, wer immer diesen "neuen Antisemitismus" im Tone der Verschwörung beschwört, der entzieht diesen Protesten die Umwelt einer demokratischen Öffentlichkeit, was in dem Maß den "Grundgedanken" des Terrors erfüllt, wie er seinerseits Terror produziert. Aber blicken wir nach vorn, vergessen wir nicht die fortschrittlichen Verfahren einer "künstlichen Haut", die über die Kollateralschäden der Verbrannten wachsen wird.

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00:00 19.04.2002

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