Figürchen im Maisfeld

Mexiko Mit der Geschichte des eigenen Landes ist es wie mit den Geschichten der Großmutter: Man lernt, sie in Frage zu stellen. Doch was, wenn sich die Unglaublichste von ihnen plötzlich als wahr heraustellt?

Ich weiß gar nicht genau, wie ich die Frage: “Was habe ich über die Geschichte meines Landes gelernt und was bezweifle ich daran?“ beantworten soll. Und ich weiß es deshalb nicht, weil der erste Teil der Frage eine zu lange Antwort verdienen würde – und der zweite Teil („was ich daran bezweifle“) eine sehr kurze, aber auf ihre Art noch längere Antwort verdient hätte: Alles! Oder besser gesagt: der zweite Teil ist die Antwort auf den ersten Teil der Frage: Das was ich über die Geschichte meines Landes gelernt habe, ist, sie in Frage zu stellen. Obwohl sie manchmal doch wahr ist.

Ich nehme an, ich muss das erklären: Ich weiß nicht wie es in anderen Ländern ist, aber in Mexiko ist es zumindest so, dass die Geschichte (die offizielle natürlich) eine Art Märchen ist, welches Kindern erzählt wird, um ihnen hartnäckig vaterländische Werte beizubringen - so ungefähr wie der Katechismus, nur unterhaltsamer. Und das obwohl der Katechismus seine Heiligen und seine Märtyrer und seine Heiligenbilder hat. Übrigens, erst vor wenigen Wochen wurden die Reliquien der Unabhängigkeitshelden für einen Straßenumzug ausgegraben: in Mexiko wird nämlich derzeit der 200. Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert – mit all der überladenen, offiziellen Feierlichkeit, die so ein Tag fordert. Vielleicht kommt daher der genervte Tonfall, in dem ich diesen Text schreibe.

Denn eigentlich fasziniert mich - wie alle Mexikaner - die Geschichte. Möglicherweise weil es Geschichten waren, die uns als Kindern erzählt wurden. Es ist erwiesen, dass Geschichtsbücher - die in Romanform verfasst sind, natürlich - die meistverkauften Bücher in den mexikanischen Buchhandlungen sind. Mexiko hat eine Tradition von hervorragenden Geschichtsschreibern und auch eine bemerkenswerte Tradition von historischen Romanen. Ein faszinierendes Beispiel dafür sind die Nachrichten aus dem Imperium von Fernando del Paso. Kauft das Buch, ich kann es nur empfehlen… Literatur und Geschichte: Die Grenzen sind nicht immer klar. Ist die Geschichte im Grunde nicht immer Literatur, Erzählungen, Fiktion, Mythos, Poesie?

Die Azteken, beispielsweise zerstörten ihre eigenen, traditionellen Handschriften, nachdem sie ihr Imperium festigen konnten, um ihre Geschichte neu zu erfinden: Sie dichteten sich einen neuen, ruhmvolleren Ursprung an, der sie von den Tolteken - eine Art lokaler griechischer Kultur - abstammen ließ. Um bei diesem didaktischen Vergleich zu bleiben, kann man sagen, dass die Azteken die Römer dieser Geschichte waren.

Geheimgang im Hühnergehege

Eine andere Geschichte: Das Kindermädchen meiner Großmutter lebte in Teotihuacan: einem der wichtigsten präkolumbischen zeremoniellen Zentren vor dem Aufstieg der Azteken. Laut meiner Oma befanden sich Haus und Ackerland des Kindermädchens genau neben der Ruine der großen Mond-Pyramide, bis diese von der Regierung gerettet und zum nationalen Kulturerbe erklärt wurde. Als das geschah, wurde das Kindermädchen von all ihren Besitztümern enteignet und musste trotz ihres Alters von Verwandten aufgenommen werden. Meine Oma erzählte uns, dass sie als junges Mädchen manchmal sonntags nach Teotihuacan ging, um ihr Kindermädchen zu besuchen. Daher hatte sie auch ihre kleine Sammlung präkolumbischer Dinge: Scherbenstücke von Gefäßen, Messer aus Obsidiansgestein, anthropomorphe Figürchen. „Die kamen aus dem Maisfeld“, erklärte sie uns, „wenn sie die Erde pflügten, um die Saat vorzubereiten. Deshalb nennt man diese Figürchen ,Kinder des Maisfelds’“. Ich stelle mir meine Oma gerne so vor: ein kleines Mädchen, das Teile der Geschichte aufsammelt, wie andere Kinder Muscheln und Schnecken am Strand sammeln oder Glühwürmchen jagen gehen.

Sie hat uns auch erzählt, dass in dem Hühnergehege ein Zugang zu der Pyramide war, aber ihr Vater hatte ihr immer verboten dort hineinzugehen. Diese Geschichte faszinierte mich als Kind natürlich: das Mysterium des Geheimgangs, was wohl dort drinnen war? Von meiner Oma und von Indiana Jones habe ich meine Faszination für die Archäologie. Aber – man muss bei der Wahrheit bleiben – meine Oma hatte sehr viel Phantasie und sie erzählte mir eine Menge Geschichten, von denen ich erst später langsam herausfand, dass sie nicht ganz so wahr waren, wie ich annahm. Dadurch lernte ich, die Quadratwurzel aus der Geschichte zu ziehen.

Vor ein paar Jahren stieß ich auf eine Nachricht in der Zeitung: Archäologen fanden an einer Seite der Mondpyramide - genau da, wo laut meiner Oma das Haus des Kindermädchens gewesen war - einen Eingang zu einem Geheimgang: Es stimmte also doch! Ich schnitt den Artikel aus und brachte ihn aufgeregt meiner Oma. Sie las gelangweilt die Neuigkeit und gab mir den Ausschnitt gleichgültig zurück. Ihre Emotionslosigkeit brachte mich durcheinander. Erst später verstand ich es: Für sie bedeutete die sogenannte Entdeckung weder eine Überraschung, noch eine Neuigkeit: Sie wusste es ja schon seit ihrer Kindheit! Für mich jedoch bedeutete die Entdeckung, dass die Geschichten manchmal eben doch wahr sind.

Und, liebe Freunde, so endet diese Erzählung und die Moral von der Geschichte: Oh nein, wie furchtbar! Genauso wie diese alten Märchen, die den Kindern erzählt werden.

Übersetzung: Barbara Buxbaum

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12:31 22.06.2010

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