Filigrane Nerven aus Stahl

Existenzialistin Joan Didion, die zierliche Grande Dame der amerikanischen Literatur, desillusioniert mit Stil

Große Gesten liegen Joan Didion fern. Amerikas bekannteste lebende Intellektuelle ist eine kleine, zerbrechlich wirkende Frau. Sie spricht freundlich, mit leiser und manchmal ironisch durchwirkter Stimme, scheinbar unbeeindruckt von der Tatsache, dass ihr literarisches und journalistisches Werk ein unabdingbarer Teil des amerikanischen Literaturkanons geworden ist. Ihre schlichten Kostüme sehen immer so aus, als wären sie eine Nummer zu groß. Die 73-Jährige wirkt wie jemand, die ihr Leben lang mit einer Depression gekämpft hat und ihre hart erarbeitete, aufrechte Haltung mit einem schmalen Lächeln quittiert.

Schon als sie 1978 mit ihrem bisher unübersetzten Roman Play It As It Lays die Bestsellerlisten erreichte, glaubten viele Kritiker, dass es sich um eine biografische Schreibübung gehandelt habe: In dem Buch schaut eine Schauspielerin in Kalifornien einem Freund dabei zu, wie er Selbstmord begeht. Maria Wyeth, die Protagonistin, schien genauso hoffnungslos, fragil und ohne Bedauern von der Welt abgerückt wie es die damals junge Autorin auf ihren Fotos tat, die sich einen Namen als Essayistin des New Journalism gemacht hatte. Den Klügeren unter den Rezensenten fiel aber damals schon auf, dass diese Form der distanzierten Apathie vielmehr Didions Nerven aus Stahl zu verdanken war, von einem Zwang zu intellektueller Unaufgeregtheit und von einer röntgenhaften Beobachtungsgabe.

Distanzierte Apathie

Trotz ihres ikonischen Status´ in der amerikanischen Literatur ist Didion in Deutschland ein ewiger Geheimtipp geblieben, gelesen von wenigen, begeisterten Afficionados. Anfänglich bei KiWi und später bei Rowohlt verlegt, wurden ihre Romane wie Demokratie (1984) oder Essaybände wie Die Stunde der Bestie (1961) und Das weiße Album (1979) zwar übersetzt, hinterließen jedoch nicht denselben, bleibenden Eindruck wie etwa das Werk Susan Sontags. Ihren Durchbruch schaffte die Autorin in der deutschen Öffentlichkeit erst mit ihrem erschütternden Trauerbuch Das Jahr des magischen Denkens (2005), in dem sie ihre Erfahrungen mit dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, niederschrieb.

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist der unmöglich erscheinende Akt, zu akzeptieren, dass ihr Partner, mit dem sie fast 40 Jahre zusammen gelebt und gearbeitet hatte, nicht mehr wiederkehren wird. Das "magische" Denken, das Didion im Titel referiert, meint jene Unfähigkeit unseres Gehirns, die Endgültigkeit des Todes zu verstehen. Sie dokumentiert, wie sich das Versprechen der Rückkehr instinktiv in so alltägliche Handlungen einschleicht wie das einsame Abendessen oder das Aufräumen des gemeinsamen Kleiderschranks. Didion schaffte es, einem der ältesten Topoi in der Literatur etwas Neues hinzuzusetzen. Die Memoiren sind so bewegend, weil sie frei von jeglicher Sentimentalität sind. Den Tod ihrer einzigen Tochter Quintanana nur ein halbes Jahr später, verarbeitete die Autorin als dramatischen Monolog für den Broadway, ihr Alter Ego gespielt von ihrer Freundin Vanessa Redgrave.

Didion, 1934 geboren, wuchs in der kalifornischen Wüstenstadt Sacramento auf, in einer Familie, die seit vier Generationen den Frontier-Geist ihrer Vorfahren verehrte. Sie studierte Ang­listik an der renommierten Universität in Berkeley und zog 1956 nach New York, um im Redaktionsteam der Vogue zu arbeiteten, nachdem sie einen Essaywettbewerb der Modezeitschrift gewonnen hatte. Schon während dieser Arbeit schrieb sie Texte für eine Reihe anderer Publikationen und arbeitete nachts am Roman Run, River (1963). 1964, nachdem sie Dunne geheiratet hatte, zog das Ehepaar zurück nach Kalifornien, unter anderem um gemeinsam Filmdrehbücher zu schreiben. 1988 zogen Dunne und Didion abermals nach New York, wo die Autorin heute noch lebt.

Rasende Wut

Vom Erfolg des Bandes Das Jahr des magischen Denkens beflügelt, hatten die Verlage Tropen-Verlag und Claassen vor ein paar Jahren mit Unterstützung der Berliner Schriftstellerin Antje Ravic Strubel, einem Didion-Fan, einige der bekannteren Texte der Autorin neu- beziehungsweise wiederaufgelegt, womit nunmehr die Bandbreite des Didionschen Werks auch dem deutschen Publikum zugänglich ist. In der Essaysammlung Im Land Gottes. Wie Amerika wurde, was es heute ist etwa findet man sieben jüngere, politische Essays. Geschrieben für die intellektuelle Zeitschrift New York Review of Books, sind sie Zeugnisse eines unabhängigen, unideologischen Denkens, das sich mit präziser, stilistischer Kühle und einer, manchmal die Texte sprengenden diskursiven Komplexität, eine rasende Wut auf die kalkulierten Mythen, parteiideologischen Machenschaften und persönlichen Eitelkeiten von "Washingtons politischer Klasse" von der Seele schreibt.

Überraschend ist dabei die kaltblütige Ironie, mit der Didion es schafft, das politische System Amerikas, das sie für krank hält, wie ein Kartenhaus erscheinen zu lassen, das sich mit dem Betätigen ihrer Schreibmaschine zum Einsturz bringen lässt. Die Instrumentalisierung der Ereignisse des 11. Septembers durch die Bush-Regierung nennt Didion zum Beispiel einen "Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Regierung und Bürgern". Didions Ansicht nach hätte es jedem denkenden Menschen auffallen müssen, "dass schon wenige Tage, nachdem die Flugzeuge eingeschlagen waren, die Gelegenheit ergriffen worden war, unter dem Deckmantel einer ja tatsächlich dringend erforderlichen Verstärkung unserer Sicherheit neues Terrain zu besetzen ... dass die Worte ›parteiübergreifend‹ und ›nationale Einheit‹ schon eine neue Bedeutung angenommen hatten, nämlich die Billigung der bereits existierenden Regierungsagenda - etwa des Gebots weiterer Steuersenkungen, der Notwendigkeit von Bohrungen in der Arktis, des systematischen Abbaus gesetzlicher und tariflicher Bestimmungen zum Schutz der Arbeitnehmer, ja sogar der Bereitstellung von Mitteln für das neueste Raketenabwehrsystem -, als hätten wir nicht mitbekommen, was uns gerade erst vorgeführt worden war: wie beschränkt eine überlegene Technologie angesichts einiger weniger Teppichmesser und der Bereitschaft zu sterben sein kann."

Didions politische Essays entwinden den politischen Experten, Fernsehkommentatoren, Zeitungskolumnisten und Think-Tank-Hengsten die Interpretationshoheit auf Politik. Deren abgekartertes Spiel "aus verbalen Attacken und Gegenattacken, aus Euphemismen und glatten Falschdarstellungen" werde nämlich, so Didion, nur dann aufgefahren, wenn es zu einer echten Diskussion kommen könnte. Das Resümee im archetypischen Didion-Ton: "Viele Meinungen kommen zum Ausdruck. Wenigen wird erlaubt, sich zu entwickeln. Kaum welche ändern sich."

Die Freude beim Lesen des Bandes aus dem Tropen-Verlag wird mitunter geschmälert, weil die Übersetzungen an manchen Stellen mangelhaft sind. Der Roman Demokratie und der kürzlich erschienene Sammelband Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben aus dem Claassen-Verlag versammeln hingegen Übersetzungen mit einem besseren Gespür für die Feinheiten des Stils und die scharfen Kurven, in denen die Autorin gern denkt.

Wirft Demokratie ein beeindruckend stilsicheres, aber letztlich kurioses Schlaglicht auf die literarische Arbeit der Autorin - es geht um die Liebesgeschichte zwischen einem mit Waffen handelnden CIA-Agenten und einer Senatorengattin vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, des Falls von Saigon und der amerikanischen Atomtests im Südpazifik - versammelt der Essayband persönlich gefärbte Texte über die tumultöse Dekade der Sechziger: den Feminismus, über kalifornische Gründermythen, John Wayne und die so täuschende wie verführerische Fantasie, die die Stadt New York in jener Zeit für eine leicht zu beeindruckende und ebenso leicht zu deprimierende Jungautorin darstellte.

Diese für die Ausgabe neu überarbeiteten Essays aus Die Stunde der Bestie und Das weiße Album üben auch noch vier Jahrzehnte nach ihrem Entstehen ausnahmslos eine Sogwirkung aus. Ihnen ist eine tiefe Skepsis gegenüber bekannten intellektuellen Diskursen eingeschrieben, die sich manchmal zum Paradox eines hyperintellektuellen Anti-Intellektualismus auswächst. In keinem der Didionschen Texte wird man einen Verweis auf Sartre, Barthes oder Benjamin finden, obwohl sich deren Einflüsse deutlich bemerkbar machen. Statt dessen vermitteln sie den Eindruck, dass es möglich ist, durchs Leben zu gehen und einfach das aufzuschreiben, was ins Auge fällt. Anfänglich bedeutungslose Beobachtungen erlangen bei ihr eine besondere Signifikanz und können mitunter den Zeitgeist, die Verfassung einer Ära oder die emotionale Geographie eines Ortes erklären. Das kollektive Fantasma "Hollywood" etwa, wird bei Didion aus Anlass eines Besuchs bei der kalifornischen First Lady Nancy Reagan, lange bevor diese ins Weiße Haus einzieht, als ein Ort der biederen Erfüllung traditioneller Erwartungshaltungen vorgeführt, als eine Landkarte aus Individuen, die einfaltslose, politisch korrekte und sich stetig beklagende"brave Bürger" geworden sind.

Überlegene Nonchalance

Die andere Seite des gesellschaftlichen Spektrums, die amerikanische Studentenbewegung der Sechziger beobachtend, konstatiert Didion im Essay Am Morgen nach den Sechziger Jahren mit ebenso überlegener Nonchalance: "Das Hochgefühl sozialen Engagements", sei "nichts weiter ... als eine Möglichkeit, dem Persönlichen zu entkommen, eine vorübergehende Verschleierung dieser entsetzlichen Sinnlosigkeit, die das Schicksal des Menschen ausmacht". Diese Aussage ist dabei weit von jeder Form des Zynismus entfernt, vielmehr ist sie eine Feststellung, die Didion betrauert.

In vieler Hinsicht sind die Essays aus Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben die besten Ergebnisse von Didions steter Befragung jener Sinnlosigkeit, die im Zentrum unserer Existenz steht. Didion entpuppt sich hier als eine radikale amerikanische Existenzialistin. Der Titel des Bandes - einer der berühmtesten Sätze der Autorin - könnte gleichsam als ein Leitmotiv für ihr Werk stehen, wenn auch nur zur Hälfte. Denn Didion ist nicht fähig, die Fantasien, Mythen und zurechtgelegten Unwahrheiten zu ignorieren, mit denen jeder gezwungen ist, sein Leben zu bestreiten. Bei sich selbst hat die Autorin diese Neigung immer in die Tiefe ihrer Psyche verbannt, wie sie oft in großer Anschaulichkeit beschrieb - zwanzig Stunden Schreibarbeit wurden bei ihr schon mal mit einer Mischung aus warmem Gin und Medikamenten befördert. Doch ihre eleganten, stilistisch brillanten Texte sind Zeugnis jener intellektuellen Muskeln aus Stahlseil, die sie im Laufe ihres Lebens ausgebildet hat, um nicht in diesen Abgrund zu stürzen. Das Ergebnis ist das aparteste Argument für eine umfassende, intellektuelle Desillusionierung, das man sich vorstellen kann.

Joan Didion Play It As It Lays. A Novel. Farrar, Straus and Giroux, New York 2005, 214 S., 13,00 $, washington square press-TB 6,10 EUR

Joan Didion Run, River. Vintage, New York 1994, 272 S., 14,00 $

Joan Didion Das Jahr magischen Denkens. Aus dem Amerikanischen von Antje Ravic Strubel. Claassen, Berlin 2006, 288 S., 18,00 EUR, Ullstein-TB, 8,95 EUR

Joan Didion Im Land Gottes. Wie Amerika wurde, was es heute ist." Aus dem Amerikanischen von Sabine Hedinger und Mary Fran Gilbert. Mit einem Vorwort von Antje Ravic Strubel. Tropen, Berlin 2006, 192 S., 18,80 EUR, Ullstein-TB, 8,95 EUR

Joan Didion Demokratie. Aus dem Amerikanischen von Karin Graf. Mit einem Nachwort von Antje Ravic Strubel. Claassen, Berlin 2007, 19,90 EUR, Ullstein-TB 8,95 EUR

Joan Didion Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Aus dem Amerikanischen von Antje Ravic Strubel et. al. Claassen, Berlin 2008, 304 S., 22,90 EUR

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