Filme über das Böse

Interview Der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi über seine Angst vor der Selbstzerstörung der Gattung und seinen Willen, die Menschen mit seiner Kunst wachzurütteln

der Freitag: In Wiesbaden wurde Ihnen neulich eine Hommage gewidmet und in Berlin im Zeughauskino läuft gerade eine Reihe mit Ihren Filmen – schmeichelt Ihnen so viel Aufmerksamkeit, Herr Zanussi?

Krzysztof Zanussi: Es wäre absolut heuchlerisch, nicht zuzugeben, dass es mir schmeichelt. Jeder Mensch, besonders jeder kreative Mensch, hat und muss Zweifel an seiner Arbeit haben. Selbstbewusstsein ist etwas, das Kreativität abtötet. Es plagen mich viele Zweifel. Vielleicht ist es nicht sinnvoll gewesen und wird sofort vergessen, vielleicht ist es anderer Menschen Zeit- und Geldverschwendung. Zweifel gehören zu meinem Leben. Jeder Tribut, jede Retrospektive ist also ein Argument, das besagt: "Nein, da ist ein Mehrwert."

Zur Person

Krzysztof Zanussi wird am 17.06.1939 in Warschau geboren. Nach abgeschlossenen Studien der Physik und Philosophie in Warschau, absolviert er 1966 ein Regiestudium in Łódź. Seit Anfang der Siebzigerjahre macht er abendfüllende Spielfilme und verdient sich einen großen Namen als polnischer Autorenfilmemacher. Die Einflüsse seiner universitären Bildung sind in vielen seiner wichtigsten Werke wiederzufinden – die dominantesten Themen seiner Arbeit sind Freiheit, Sklaventum und ethische Fragen. Eine starke Autorenpräsenz und Dichotomien sind charakteristisch für seine Filme, dem christlichen Glauben wird stark kontrastierend der wissenschaftliche Realismus gegenüber gestellt, so auch in seinem letzten Film „Äther“ (2018).

Zu den wichtigsten Filmen Zanussis zählen „Die Struktur des Kristalls“ (1969), "Illumination" (1973), „Zwischenbilanz“ (1974), "Tarnfarben" (1977), "Ein Mann bleibt sich treu" (1980).

Krzysztof Zanussi inszeniert auch Theater und Oper und unterrichtet nach wie vor Regie an mehreren europäischen Univesitäten. Zanussis Arbeit wurde international mehrfach preisgekrönt, das Filmfestival goEast in Wiesbaden hat ihm gerade eine Hommage in seiner 19. Ausgabe gewidmet.

Sie kamen über Umwege zum Kino – zuerst haben Sie Physik, danach Philosophie und erst zum Schluss Kino studiert...

In der stalinistischen Zeit war es unvorstellbar Filmemacher werden zu wollen, Kino galt als ein propagandistisches Medium und war für die meisten Kandidaten nicht zugänglich. Und dann hatte ich unterschiedliche Vorstellungen. Es dauerte zehn Jahre, bis ich herausfand, dass Kino meine eigentliche Berufung ist. Es ist vielleicht von Interesse, dass ich erst recht beschlossen habe, Filmemacher zu werden, als ich aus der Filmakademie geworfen wurde. Es war ein Moment der absoluten Erniedrigung, als das Urteil gefällt wurde, ich sei hoffnungslos. In diesem Moment war ich sehr versucht, es als persönliche Kränkung aufzufassen und alles hinzuschmeißen, aber stattdessen wurde mir klar, dass ich es sehr will.

Zum Glück. Reden wir über Ihren letzten Film. Warum haben Sie „Ether“ gemacht?

Ich wollte einen Film über das Böse machen, weil ich das Gefühl habe, dass die reiche und stabile Gesellschaft von heute die Gefahr des Bösen vergessen hat und dass das Böse jeden Moment wieder ausbrechen kann. Ich habe diese Erfahrung mit dem Bösen während meiner Kindheit im Kriege intensiv gemacht. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit ansieht, sieht man: in aller Regel haben sich die Menschen gegenseitig umgebracht. Es ist außergewöhnlich, dass sie es in den letzten Jahren nicht tun. Das Leben ist ein sehr gefährliches Abenteuer und deshalb dürfen wir nicht frivol und unbeschwert sein, so wie wir es heutzutage in den reichen Ländern sind.

Wir treffen verantwortungslose Entscheidungen, in den verschiedensten Ländern wählen wir populistische Politiker, ja Kabarettisten. Es bedeutet, dass mit uns etwas schwer nicht in Ordnung ist. Deshalb habe ich diesen Film gemacht.

Die Dichotomie zwischen wissenschaftlichem Realismus und christlichem Glauben ist ein sehr wichtiges Thema in Ihrer Arbeit. Ein Zitat aus „Ether“ lautet „Viele Philosophen behaupten, dass die Wissenschaft das erreichen wird, was keine Religion getan hat. Es wird die Menschheit glücklich machen.“ Die Wissenschaft ist zweifelsohne sehr fortgeschritten, aber fraglich ist, ob die Menschheit glücklicher geworden ist.

Ich denke, sie ist glücklicher, aber nicht zu dem Ausmaß, das die Menschen erwartet hatten, denn Wissenschaft ist ein beeindruckendes, fantastisches Werkzeug für die Entwicklung des Fortschritts, aber wir kennen Entwicklungsbereiche, in denen Wissenschaft völlig nutzlos ist. Der Mensch hat eine geistige Dimension und Wissenschaft ist dafür keine Hilfe, sie ist auch kein Hindernis. Das 19. Jahrhundert war eine Zeit, in der die Menschenwürde so überwältigend behandelt wurde und dann hat der erste Weltkrieg bewiesen, dass die Menschheit falsch liegt und ihre Prognosen, dass es eine bessere Welt geben wird, für den Müll waren. Nein, die Welt wurde überhaupt nicht besser. Und in diesem Kontext wollte ich diesen Film machen.

Der ständige Kampf zwischen Werten und der Versuchung, sie abzulehnen, ist ein sehr wichtiges Thema für Sie. Haben Sie diesen Kampf so intensiv erlebt, wie Sie ihn in Ihren Filmen darstellen?

Ja, mit einer ähnlichen Intensität. Ich musste diesen Konflikt nicht aufblasen, da ich in einer sehr schwierigen historischen Zeit gelebt habe. Unser privilegierter Kontinent befindet sich in einer großen Krise. Wenn wir Europa mit einem Boot vergleichen, in das viele weitere Passagiere einsteigen möchten, stellt sich die Frage: ist denn noch ausreichend Platz am Bord? Ich denke, das Territorium ist definitiv überfüllt und die Ressourcen sind erschöpft, aber wir haben unseren Lebensstil und unsere Werte stets in andere Länder exportiert und erst in letzter Zeit aufgehört, dies zu tun. Es gibt hunderte Millionen Menschen in Afrika, die keine Chance haben, ihr Leben zu verbessern, wenn wir nicht enorme Anstrengungen unternehmen und ihnen Brunnen bauen, Wasser und etwas wirtschaftliches Wachstum bringen.

Ansonsten?

Ansonsten werden sie hierher kommen wollen und wir können nicht nein sagen, weil wir keine moralische Berechtigung haben, auf die sich nähernden Boote auf offener See zu schießen. Zurzeit sind es noch sehr wenige, wenn man das mögliche Potenzial bedenkt. Es gibt hunderte Millionen Menschen, die unser Leben auf ihren iPhones beobachten und sehen, wie gut dieses Leben ist und möchten es auch für sich haben. Und nun stellen sie sich mal einen Politiker vor, der genug Glaubwürdigkeit hat, zu sagen „Hören Sie in Europa auf, reicher und reicher zu werden! Sie brauchen kein zweites Auto. Kaufen Sie nicht all diesen Müll, all diese Kleidung und all diese nutzlosen Produkte! Geben Sie dieses Geld aus, um anderen Kontinenten und Nationen zu helfen. Teilen Sie es, anstatt es zu konservieren!"

Demjenigen, der es wagt, werden wahrscheinlich die Steine entgegenfliegen.

Ja, fürchte ich und ich sehe keine andere Lösung, außer eine revolutionäre Veränderung, nämlich einfach zu sagen – etwas Sinnvolles zu tun, ist wertvoller als reich und bequem zu sein. Und wir haben diese Chance, aber ich fürchte, wir werden sie nicht nutzen.

Ist das eine individuelle Chance, die jeder Einzelne ergreifen kann?

Ja, aber dann muss die Gesellschaft einen Rahmen schaffen, damit wir unser Potenzial an Großzügigkeit zum Ausdruck bringen und wirklich mit anderen Menschen teilen können. Wir kennen die Korruption, auch unsere Skepsis. Und dieses wenige Geld, das wir mit anderen Menschen teilen, kehrt hauptsächlich an den Aktienmärkten in New York oder London zurück. Wir gewinnen immer noch Zeit, aber irgendwann wird es zu spät sein und es wird eine große Bewegung von Millionen von Menschen geben, sie werden vielleicht einfach das wegnehmen, was wir nicht mit ihnen teilen wollten.

Der Rahmen könnte also nur von der Politik geschaffen werden?

Wir sind politische Tiere und müssen geführt werden. Jemand muss genug Vertrauen gewinnen, um so ein Führer zu sein, ich sehe am Horizont aber niemanden. Wie auch immer, ich beobachte in der internationalen Politik eine wachsende Besorgnis, viel größer als in der nahen Vergangenheit. Jetzt reden Politiker offener über diese Werte als noch vor zehn Jahren.

Was wäre die politische Weisheit?

Daran zu erinnern, dass Politik genauso wichtig ist, wie das Steuern eines großen Verkehrsflugzeugs. Sie entscheiden sich nicht leichtfertig für einen Piloten. Sie möchten, dass Ihr Flugzeug von kompetenten Personen gesteuert wird, denen Sie vertrauen. Diese müssen geistig gesund sein und dürfen nicht verrückt sein, wie es schon mal vorgekommen ist. Wir müssen unsere Kräfte vereinen und Opfer aufbringen, was durch die Philosophie des Marktes und des materiellen Wachstums aber negiert wird. Es heißt „Sie sind mehr wert, also sollten Sie mehr bekommen.“ Das weniger populäre, aber richtige Gegenpostulat wäre „Sie sollten weniger bekommen, weil Sie viel wert sind, aber Sie müssen nicht all diese unnötigen Dinge besitzen.“

Eine Metapher, die Sie gerne verwenden, stammt vom Papst Johannes Paul II: „Europa hat zwei Lungenflügel und nur wenn beide zusammenatmen ist Europa lebens- und überlebensfähig.“

Ja, es geht um Osteuropa und das griechische Christentum, was ein großes Mitspracherecht hat. Es war früher technologisch weniger entwickelt und ist es noch immer, aber ich bin überzeugt, dass der Osten und Byzanz über Jahrhunderte geistig viel weiter entwickelt waren als die lateinische Welt. Ich denke, dass die Schätze der östlichen Spiritualität enorm sind, und wir sollten nach ihnen suchen, weil diese vielleicht für das restliche Europa und der Rest der Welt sehr nützlich sein können.

Gibt es denn etwas, das Ihnen richtig Angst einflößt?

Ich habe Angst, wissend, dass der Mensch die einzige Spezies ist, die zur Selbstzerstörung fähig ist, und Selbstzerstörung kann beobachtet werden, wenn ich die Zunahme von Drogenmissbrauch und verantwortungslosem Verhalten und ökologischen Verbrechen und die Zerstörung des Planeten sehe. Es gehört alles zusammen, es ist dieselbe Einwilligung, die uns zum Tode bringen könnte. Und ich denke, das ist, was Johannes Paul II. im Sinne hatte, als er von „der Zivilisation des Todes“ sprach. Es ging nicht bloß um Abtreibung und Euthanasie, es war die Tatsache, dass wir uns immer mehr für das selbstzerstörerische Verhalten öffnen und natürlich sind Drogen die größte Herausforderung. Und unsere Zivilisation hat keine tiefere Antwort auf die Frage „Warum denn nicht Drogen?“

Wenn Genuss der ultimative Wert ist, dann sind Drogen legitimiert und die Tatsache, dass man ziemlich schnell stirbt, ist aus sozialer Sicht eher positiv, weil dann keine Rente für denjenigen gezahlt werden muss. Das ist natürlich eine extreme Schilderung wie gefährlich Drogenmissbrauch ist. Es kann auch leicht zu Katastrophen kommen, bei denen jedes Mal der moralischer Stand der Menschheit und deren Konsistenz geprüft wird, können wir uns organisieren und anständig handeln, oder werden wir zu Horden von Barbaren, die einander auf der Straße töten. Ich sehe keine so große moralische Stärke hinter unserer Zivilisation, und ich würde diese gerne wiedersehen, für den Fall einer erneuten Prüfung.

Worauf hoffen Sie?

Nun, ich hoffe, dass das Böse nicht überhand nehmen wird, dass all diese Gefahren uns nicht zerstören werden. Ich hoffe, dass die Menschheit dieses Wachstum fortsetzen wird, das wir in den letzten 1000 Jahren seit dem ruhmreichen Mittelalter beobachten, das dümmlicher weise während der Aufklärung diffamiert wurde. Das Mittelalter war eine Phase, während die Menschheit die Errungenschaften der Antike überwunden hatte. Es war der Beginn eines unglaublichen Wachstums und es wurde unnötig von Voltaire und den anderen als dunkles Zeitalter diffamiert. Ich spreche lieber über das 19. Jahrhundert als dunkles Zeitalter.

Was kommt als nächstes?

Nun, ich bereite gerade ein paar Projekte vor, vielleicht kann ich sie realisieren. Projekte in meinem Alter zu planen ist jedoch ein bisschen zu optimistisch, es kann zu deren Umsetzung kommen oder auch nicht. (lacht)

Ich bin optimistisch. Und danke Ihnen für das Gespräch.

16:15 30.04.2019
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