Filmische Zwangsgemeinschaft

Im Kino "11´09´´01", ein Episodenfilm von elf Regisseuren aus elf Ländern, zeigt manchmal verharmlosende, oft vereinfachende, aber in jedem Fall verschiedene Sichtweisen auf den New Yorker Anschlag

Die Türme des World Trade Center waren noch nicht eingestürzt, da wurde der Anschlag auch schon in Verbindung zum Kino der Katastrophen und Spezialeffekte gebracht. Was in der unmittelbaren Benommenheit verständlich war, verkam in der Zeit danach zu einer letztlich ärgerlichen Standardformulierung der Feuilletons. Wie man mit Klaus Theweleits Buch Der Knall nun noch einmal nachvollziehen kann, wurden von den Passagierjets aber nicht nur Gebäude, sondern auch die Denk- und Urteilswerkzeuge vieler öffentlicher Stimmen getroffen, was unter anderem zu ambivalenten Verschaltungen von politischen Ereignissen mit Kinowissen führte.

Nicht nur vor diesem Hintergrund erscheint es eine gute Idee, alternative Stimmen gerade auch mit den Mitteln des Films zu sammeln und damit die Perspektiven zu vermehren. Im Vertrauen auf die Definitionsmacht des Kinos und seiner Geschichten beauftragte Alain Brigand elf Regisseure aus ebenso vielen Ländern mit der Herstellung eines Beitrags für einen Episodenfilm mit dem Titel "11´09´´01". Das Datum deutete er zur Längenvorgabe der Beiträge um: Jede Episode sollte genau 11 Minuten, neun Sekunden und ein Bild lang sein.

Die Erwartungen an diese United Nations der Filmkünstler waren schon im Vorfeld gespannt: Zugespitzte Meinungen, "Blicke von außen", Dezentralität der Diskussion, vielleicht würde sogar Genugtuung, Bewunderung, Skepsis, "Anti-Amerikanismus" geäußert. Viele dieser Erwartungen werden tatsächlich erfüllt. In einem waren sich die Regisseure bei aller Unterschiedlichkeit aber erstaunlich einig: Bloß nicht die allseits bekannten Bilder zeigen zu wollen.

Bei dieser Vermeidungstaktik sind offenkundig jene Regisseure im Vorteil, die einen Zustand der Unterversorgung ihres Landes mit Fernsehern glaubhaft machen können. Eine Medienkultur, die nicht primär auf elektronischen Bildern beruht, wird auch auf die Art abfärben, wie die einzelne Nachricht aufgenommen wird - man kann wohl behaupten, sie wird sie abschwächen oder doch relativieren. Der Kult der medialen Armut lässt sich noch weiter treiben: Man siedelt seine Geschichte zum Beispiel dort an, wo das Wissen um die Existenz der New Yorker Türme nicht einmal vorausgesetzt werden kann. Mit dieser Bauernschläue ist Samira Makhmalbaf (Iran) ans Werk gegangen, und die junge Regisseurin erweist sich als engagierte Mitarbeiterin im Ministerium für Information und Einfachheit. In ihrem Beitrag hat eine afghanische Lehrerin im iranischen Exil eine riesige Dorfschulklasse sechsjähriger Kinder zu unterrichten. Am Tag X will sie eine Schweigeminute für die Opfer von New York einlegen, aber die Kinder denken nicht daran, den Mund zu halten. Zwischen einem Jungen und einem Mädchen entsteht vielmehr eine rege theologische Diskussion. Der Junge: Gott hat sich etwas dabei gedacht. Das Mädchen: Gott will keine Menschen töten. Junge: Aber er kann es tun. Mädchen: Wieso sollte er? Junge: Er tötet die alten Menschen, weil er will, dass es neue gibt. Die Lehrerin: Ihr Kinder, bewahrt euch eure Wahrheit.

Es fällt schwer, das den Kindern in den Mund Gelegte nicht als den Kommentar der Regisseurin zu verstehen, vor allem was die Frage der Erzeugung "Neuer Menschen" betrifft. Leichter nachvollziehbar ist da eine Haltung, die sehr verbreitet ist und sich etwa so zusammenfassen lässt: Lasst uns mit eurer Zwangsgemeinschaft der Empörung und Tränen in Ruhe, wir haben genug eigene Probleme. In der Mehrzahl der "11´09´´01"-Kurzfilme wird der Anschlag denn auch mit den Leiden und Widersprüchen des jeweiligen Produktionslandes in Verbindung gebracht. AIDS in Afrika (Idrissa Ouedraogo), tagtäglicher Bombenterror in Nahost (Amos Gitaï), traumatische Kriegsfolgen in Ex-jugoslawien (Danis Tanovic) und Japan (Shohei Imamura), die Missetaten des CIA in Lateinamerika (Ken Loach) werden zu starken Argumenten für eine - allerdings immer nur sehr vorsichtig unternommene - Relativierung. Es lässt sich jedenfalls feststellen, dass die meisten "nicht-westlichen" Regisseure im Namen nationaler oder doch übergeordneter Interessen sprechen, während Regisseure wie der Franzose Claude Lelouch und der Amerikaner Sean Penn auf den ihrer Meinung nach allgemein gültigen Rahmen einer privatistischen Menschlichkeit setzen.

Mira Nair (Indien) erzählt dagegen die verbürgte Geschichte einer New Yorker Familie pakistanischer Herkunft. Sie gerät ins Visier der Terroristenfahndung, weil ihr Sohn nach dem 11.9. verschwunden ist. Es stellt sich heraus, dass er als freiwilliger Helfer im World Trade Center ums Leben kam. Bei Danis Tanovic (Bosnien-Herzegowina) überschneidet sich der Tag des Anschlags mit dem Termin einer Demonstration, mit der die Frauen von Srebenica an jedem 11. des Monats schweigend an die Ereignisse des 11. Juli 1995 erinnern - ihre Entscheidung fällt zugunsten der eigenen Belange aus. Idrissa Ouedraogo (Burkina Faso) lässt sich von der Schwere des Themas in keiner Weise überrollen und erzählt eine heiter-bittere Geschichte als Kinder- und Abenteuerfilm. Ein Junge glaubt, bin Laden beim Besuch in Ouagadougou erkannt zu haben und schon teilen sich er und seine Freunde im Geiste das Lösegeld auf, wissen aber, dass sie die vielen Millionen Dollar im Grunde für AIDS-Projekte spenden werden. Selbstverliebter geht es bei Amos Gitaï zu, der vor allem mit Regievirtuosität anzugeben versucht. Die ganzen elf Minuten in eine Einstellung gepackt! Toughe Polizeihelfer müssen sich darin nach einem Bombenanschlag auch noch mit einer ständig plappernden TV-Journalistin abgeben, die von nichts eine Ahnung hat, aber die Rettungsarbeiten behindert.

Im Beitrag des als Multikulturalist bekannten Youssef Chahine erscheinen dem Regisseur die Geister eines palästinensischen Selbstmordattentäters und eines amerikanischen GI, der in Beirut gefallen ist. Im Zwiegespräch mit ihnen diskutiert der Regisseur die Fragen von Gewalt und ihrem Ursprung. Ganz nebenbei führt Chahine dem Zuschauer eine bezaubernde Verkehrung vor: Hier spielen ägyptische Schauspieler einmal Amerikaner. Bei der Schuldfrage um die Opfer des 11. September platzt dem Regisseur im Film aber der Kragen: "Amerika ist eine Demokratie. Die Regierung wurde für das gewählt, was sie tut."

Solche "Stellvertreterfragen" sind heikel, was aber auch Ken Loach nicht davon abhält, sie zu stellen. Den Freunden einfacher Wahrheiten wirft er einen besonders großen Knochen hin: Zum 11. September - nach einer kurzen Mitleidsnote Richtung New York - fällt ihm, vielleicht vom Zahlenmystizismus des Films angesteckt, vor allem das Jahr 1973 und dessen 11. September ein. Sein Clip zeigt Salvador Allende, die Euphorie eines aufblühenden Gemeinwesens, dann Pinochets Putsch, die Folterung und Ermordung Zehntausender von Chilenen in den Jahren danach im Schnelldurchgang. Doch auch ohne diese Lektion hat man sich über das Wesen der US-Außenpolitik ja keine Illusionen gemacht. Dass Loach durch seinen Vergleich den Anschlag von New York mal eben als eine legitime Antwort auf diese Lage gelten lässt, will er selbst wohl kaum wahrhaben. Schwerer wiegt vielleicht sogar die darin sichtbar werdende Weigerung, sich mit jenen Aspekten zu beschäftigen, die der 11.9. gerade als einzigartiges Phänomen aufgeworfen hat.

Am 11. September wurde ja nicht nur eine außenpolitisch vielfach verstrickte USA abgestraft. Von vornherein war die globale Traumatisierung fest eingeplant. Nur so konnte sich die Sehnsucht nach scharfen Rissen im Weltmaßstab erfüllen, die hinter diesen Anschlägen steckte, bereit, "Identitäten" notfalls herbeizubomben. Auch in dieser Hinsicht war diese Tat ein großer Erfolg. Eine Kultur der Heiterkeit, des Austausches und der Vermischungen hat es seitdem wesentlich schwerer.

So gesehen lässt sich die Vielstimmigkeit von "11´9´´01", so harmlos, unangemessen und heruntergespult einzelne Teile sein mögen, auch als Behauptung eines Gegenpols verstehen. Am Ende steht wie zur Ermahnung das düstere Bild einer Traumatisierung, das Shohei Imamura entworfen hat: Der Mensch ist durch den Krieg zum Tier geworden, als Schlange kriecht er nur noch auf dem Boden herum und ernährt sich von Ratten.

00:00 29.11.2002

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