Filz

A–Z Joseph Beuys pflegt seine Legende – noch zum 100. ist er der Mann von Fett und Filz. Und Helmut Schmidt signierte mit grünem Filzstift statt mit Mont Blanc: Unser Lexikon

A

Aldi Wer beim Discounter kauft, soll sich wie bei der Bio Company fühlen, und so führt auch Aldi ein Sortiment für die ökologisch bewusste Klientel. Neben Regio-Gemüse gibt es da auch Krabbelschuhe aus Filz. Nein, nicht die „minifußbio“-Krabbelschuhe aus dem Allgäu, liebevoll selbst gefertigt mit dem grünen Fuß-Etikett, für 33 Euro. Auch nicht im Vintage-Look, für das „perfekte Fußklima“ (schlappe 36 Euro). Aber immerhin sind sie aus Filz – alles für die ersten Schritte. Allerdings wurden die Aldi-Schuhe vor Kurzem zurückgerufen, sie enthalten gesundheitsgefährdende Chromverbindungen, die in der Außensohle und an dem am Oberteil angebrachten Lederpatch gefunden wurden. Unbeabsichtigte Hautberührungen können bei Babys schwere Allergien auslösen. Warum müssen Babyschuhe überhaupt aus Filz sein? „Die Füße bleiben warm, schwitzen nicht, der Trittschall wird absorbiert und der Fußboden geschont.“ Mit letzterem ist wohl Parkett gemeint. Maxi Leinkauf

B

Bogart Humphrey Bogart (1899 – 1957), begnadeter Hollywood-Actor und Namensgeber für den legendären Filzhut. Er trug ihn mit tragischer Würde, als er Ingrid Bergmann (sie auch mit Filzhut) am Schluss von Casablanca Adieu sagte. Er sah ihr nicht nur in die Augen, sondern war auch auf der Hut, der große Bogey. Konventionell bedeckt, darunter aber brodelten die Emotionen. Für ihn ein bleibendes Markenzeichen. Männer sind ihren Kopfbedeckungen treu, Frauen weniger. In Die Spur des Falken spricht er vom „Stoff, aus dem die Träume sind“. Er meint natürlich Rauschgift, aber vielleicht gilt das auch für den Filz, aus dem so ein Hut gemacht wird. Eine Menge Walkarbeit ist da zu leisten ( Handarbeit). Hoffentlich tragen die berüchtigten „Schlapphüte“ nicht auch alle Filz, aber vielleicht ist das Legende. Geheimdienste verfilzen manchmal selbst. Magda Geisler

D

Dreadlocks Als ich für etwas längere Zeit in Südafrika lebte, beglückwünschten meine Schwarzen Freund*innen und ich uns oft gegenseitig zu unseren Haaren. Ihnen gefiel die Länge und die Glätte, mir die Stärke und Gestaltbarkeit; in stundenlanger Handarbeit würden sie sich eng an der Kopfhaut anliegende, wundervolle Braids flechten. Bei mir hielten die immer nur ganz kurz. Damit wollte ich mich nicht abfinden und suchte einen Friseur auf, einen Schwarzen Friseur mit Schwarzer Kundschaft. Die Aufteilung der Salons in Südafrika nach Hautfarbe mag Erbe der Apartheid sein, hat aber wohl durchaus auch mit der unterschiedlichen Beschaffenheit der Haare zu tun.

Ob er mein Haar nicht so verfilzen könne, dass mir Dreadlocks blieben, für länger? Der Friseur schüttelte den Kopf, schickte mich weiter, zu einem weißen Friseur mit weißer Kundschaft. Der schüttelte auch den Kopf, schickte mich weiter zu einem anderen, Schwarzen Friseur. Der wiegte den Kopf und „verfilzte“ meine Haare dann mit gefühlt fünf Kilogramm Bienenwachs. Die Dreadlocks hielten, nur etwas Wachs bröselte im nächsten Jahr ab und an vom Kopf. Sebastian Puschner

F

Filzstift Kennen Sie die Anlage 2 zu § 13 Absatz 2 GGO (Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien)? Dort ist genau geregelt, wer in Bundesministerien mit welcher Farbe unterschreibt. In braun die Unterabteilungsleitung, blau die Abteilungsleitung, rot der Staatssekretär, violett der parlamentarische Staatssekretär und in grün, ja damit zeichnet nur der Minister. Somit signierte seit seiner Zeit auf der Bonner Hardthöhe Helmut Schmidt mit einem grünen Filzstift. Er behielt dies auch nach seiner Demission als Kanzler bei und so zieren Tausende Manuskriptseiten als Herausgeber der Zeit dieses geschriebene Understatement. Wie mit pompösen Titeln, er brauchte sie nicht. Er war es. Jan C. Behmann

H

Handarbeit Das Walken von Filz ist anderswo immer noch Knochenarbeit, von mehreren Frauen gemeinsam geleistet. Heiß gewaschene, getrocknete und zerkleinerte Wollfasern werden durch aufwändiges Pressen, Kneten, Klopfen zusammengefügt. Ein dichter Stoff entsteht, der gegen Hitze wie Kälte schützt und den asiatische Viehzüchter bis heute für ihre Jurten und Kleidung brauchen. Hierzulande kann man Filz im Bastelladen kaufen. So wie der Freizeitsport namens Walken dem Ausgleich für sitzende Tätigkeit dient, will kreative Handarbeit im städtischen Milieu ( Netzwerk) der Entfremdung durch Mechanisierung und Digitalisierung trotzen. Irmtraud Gutschke

K

Korruption Der Maskenskandal und die Aserbaidschan-Connection der Union sind die jüngsten von vielen Fällen politischer Korruption in Deutschland. Filz oder Filzokratie werden als Synonym für Vetternwirtschaft verwendet. Vom Filz spricht man, weil die Machtverhältnisse und korrupten Akteure so eng miteinander verwoben sind wie das dichte Material. Die engen Verbindungen erleichtern gegenseitige Begünstigungen. Die Berater-Affäre von Ursula von der Leyen oder Philipp Amthors ehemalige Verstrickung mit Augustus Intelligence sind klare Fälle von Filz. Wenngleich Korruptionsfälle häufig mit der Union in Verbindung gebracht werden, haben sich auch SPD und FDP in ihrer Parteiengeschichte nicht immer mit Ruhm bekleckert. Bei Konservativen tritt die Vetternwirtschaft jedoch in dichteren Abständen zutage – der Filz verfilzt sich bei CDU und CSU quasi. Da helfen auch keine Ehrenerklärungen. Ben Mendelson

L

Laus Die beste Antwort auf die Frage, wie man etwas umschreiben könnte, das ausgesprochen lästig und schwer loszuwerden ist, gibt eine französische Komödie aus dem Jahr 1973. Im Original heißt sie L’emmerdeur, aber ein einfallsreicher Geist des westdeutschen Filmverleihs hat ihr den genialen Titel Die Filzlaus verliehen. Die Titelrolle wird von Jacques Brel gespielt, der hier einen schwachbrüstigen Hemden-Vertreter darstellt, der gerade von seiner Frau verlassen wurde. Auf ungeschickte Weise versucht er sich in einem Hotelzimmer umzubringen – und stört dadurch seinen Nachbarn, einen von Lino Ventura verkörperten Profikiller. Dem bleibt nur noch eine Stunde, um seinen Auftrag auszuführen, weshalb er sich notgedrungen darum bemüht, den unglücklichen Nachbarn zu beruhigen. Was dieser wiederum völlig falsch als echte Freundschaft interpretiert und so geht es in einem fort weiter mit den Fehleinschätzungen und Missverständnissen. Es ist einfach herrlich. Barbara Schweizerhof

M

Mythos Fett und Filz. Das ist der Ursprungsmythos des Joseph Beuys. Eine vielfach erzählte Legende, der Absturz mit der JU 87, die Rettung durch Krimtataren, die ihm die Wunden mit Fett salbten und ihn in wärmenden Filz (Walenki) hüllten. Heute wissen wir, dass Beuys nicht zwölf Tage bei Tataren weilte. Schon einen Tag nach dem Absturz kam er in ein Militärlazarett. Doch der Mythos, die Opfersage, wird weitergetragen. Sie wäscht den Kriegsfreiwilligen rein, lässt aus dem Soldaten den Künstler werden. Beuys trägt mit seinen Fett- und Filz-Arbeiten die Soldaten-Legende in die junge Bundesrepublik und schafft den eigenen Mythos, der substanzieller Teil seines Werkes wird. Glückwunsch zum 100., Joseph Beuys. Marc Peschke

N

Netzwerk In angesagten Vierteln gilt als Rabenmutter, wer seine Kinder nicht in Filzkrabbelschuhe steckt ( Aldi). Und es herrscht keinerlei Scheu, Selbstgefilztes im Bekanntenkreis zu verschenken. Man muss nüchtern feststellen: Es gibt ein ganzes Netzwerk von Filzbegeisterten. Und ein Teil davon heißt sogar so. Der Verein Filz-Netzwerk organisiert jährlich die sogenannte Filzbegegnung. Das Treffen findet dieses Jahr zum 26. Mal statt. Es werden auch „international anerkannte Filzkunst-Wanderausstellungen“ herumgereicht. Seit 30 Jahren gibt auch ein eigenes Magazin der Filzer. Zuerst erschien es als verFilzt Und zugeNäht, heute heißt es Filzfun. Darin ist zu erfahren, wie man Meditationskissen filzt und dass das auch Männersache ist. Der nächste Geburtstag kann kommen. Tobias Prüwer

P

Polizei Festivalbesucher kennen das: Beamte von Zoll oder Polizei tasten einen am ganzen Körper ab, um zu checken, ob man illegale Drogen oder andere verbotene Gegenstände mit sich führt. So geht es auch nicht-weiß gelesenen Personen, denen durch Racial Profiling unterstellt wird, ein Dasein als Drogendealer zu führen: Sie werden gefilzt. Der Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert und der deutschen „Gaunersprache“ Rotwelsch und ist von Filzer (Kamm) abgeleitet. Handwerksburschen nannten so die Reinlichkeitsprüfung durch den Herbergsvater. Heutzutage darf die Polizei nach § 102 StPO Menschen grundsätzlich nur dann filzen, wenn sie des Begehens einer Straftat verdächtigt werden. Ben Mendelson

W

Walenki, aus Filz gemachte Stiefel, eine russische, im 17. Jahrhundert in Sibirien auftauchende Erfindung, Kultobjekt bis heute. Was einst als kostbares Luxuskleidungsstück galt, Zaren wie kommunistische Führer schätzten es gleichermaßen, wird heute millionenmal verbraucht. Hippe Russen:innen tragen sie farbig, doch nur ungefärbt behalten die grauen oder braunen nahtlosen Filzstiefel mit einem Aussehen wie aus einer Form ihre Isoliereigenschaften bei Temperaturen bis minus 80 Grad Celsius. Armee, Polizei und Ölarbeiter sind damit ausgerüstet, Moskaus Verkehrspolizisten so wie Häftlinge in sibirischen Gefängnislagern. Die Herstellungstechnik ist uralt, Handarbeit der Maschine an Qualität überlegen. Bis zu fünf Stunden und circa zwei Kilogramm Wolle, ausschließlich von im Sommer geschorenen Schafen, braucht der Valeki für ein Paar Herrenstiefel. Schließlich schrumpfen die auf runde Holzleisten aufgezogenen Stiefel bis zu sechs Stunden lang auf Originalgröße. Die Filzdicke bestimmt die Qualität. Helena Neumann

Z

Zurück Angesichts des Booms könnte man annehmen, Filz sei ein Phänomen der näheren Zeitgeschichte. Dabei ist das Material weit älter als die Geschichte der Mitlebenden umfasst, es ist uralt. Es wird behauptet, Filz sei der erste von Menschenhand geschaffene Stoff. Dafür gibt es keinen Beleg, aber Filzen gehört immerhin zu den frühen Techniken der Textilverarbeitung. Es existieren erste Funde aus der Bronzezeit, es ist aber plausibel, dass gerade Schafhirten schon vor Jahrtausenden das Filzen ausübten, etwa Material für Mäntel herstellten. Später entstanden wohl vor allem Kappen und Stiefel aus dem Textil. Zu antiken Zeiten war Filzen nachweislich weit verbreitet. Als Handwerk wie im Hausgebrauch blieb die Technik bis in die Moderne modern. Im Zeitalter der Industrieproduktion dann sank ihr Stern. Nun ist das Filzen als Phänomen zurück (Netzwerk). Tobias Prüwer

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06:00 12.05.2021
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Ausgabe 24/2021

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