Finger weg von meinen Daten!

Smartphone Einfach mal nicht ausspioniert werden? In Besitz eines Handy kaum mehr möglich. Doch eine kleine Handytasche soll da jetzt Abhilfe schaffen.
Ausgabe 34/2013
Finger weg von meinen Daten!

Foto: Alexa Hoyer

Schluss mit Abhören! In Zeiten der NSA-Debatte und sich häufenden Abhörskandalen wird die Privatsphäre zum Luxusgut. Die Modedesignerin Johanna Bloomfield und der Künstler Adam Harvey entwickeln in New York Produkte, mit denen sich das Private schützen lässt. Aktuell eine Handytasche namens Off-Pocket, die das Mobiltelefon von der Außenwelt abschirmen soll. Denn selbst wenn man das Handy ausschaltet oder es im Flugmodus betreibt, können ein- und ausgehende Daten theoretisch übermittelt und das Gerät lokalisiert werden. Das soll die Tasche nun verhindern.

Wie kommt man auf so einen Einfall? Harvey störte sich daran, dass alle seine Aktivitäten über sein Handy nachverfolgt werden konnten. „Daher wollte ich etwas entwickeln, in das man sein Handy einfach reinstecken kann und seine Ruhe hat“, sagt der 32-Jährige. Wie genau das aussehen soll, wusste er damals noch nicht. Dafür holte er sich die gleichaltrige Bloomfield ins Boot, die sich Gedanken über Materialien und die Art der Herstellung machte.

Privatsphären-Freaks

Bei der Finanzierung entschieden sich die beiden für die Internetplattform Kickstarter. Denn mit dem US-Start-up-Unternehmen hatten nicht nur ihre Bekannten gute Erfahrungen gemacht, sondern es gilt auch als Crowdfunding-Vorreiter. Dabei wird ein Projekt online vorgestellt, um Geldgeber zu gewinnen. Im Falle des Off-Pocket darf jeder Interessierte innerhalb von 25 Tagen eine Handytasche für 85 US-Dollar (etwa 64 Euro) auf der Plattform erwerben. „Die ersten 50 gab es zum Sonderpreis von 75 US-Dollar, und sie waren innerhalb der ersten paar Stunden weg“, berichtet Bloomfield. „Das eigentliche Ziel von 35.000 US-Dollar haben wir auch schon innerhalb von sieben Tagen erreicht“, ergänzt Harvey.

Privatsphären-Freaks, Design- und Technologieliebhaber sowie Journalisten und Schulkinder – alle wollen das Off-Pocket haben. Und wie erklären sich die Entwickler den Ansturm auf ihr Produkt? „Der Schutz der Privatsphäre ist zu einem essenziellen Bedürfnis der Gesellschaft geworden“, sagt Bloomfield. „Meistens benutze ich mein Off-Pocket, wenn ich nicht abgelenkt werden will, entweder bei privaten Treffen oder bei der Arbeit“, sagt Harvey. „Genau, oder wenn ich schlafen gehe“, sagt Bloomfield. Beide Designer setzen sich sehr bewusst mit dem Thema Privatsphäre auseinander, aber sie finden auch, dass man es nicht übertreiben muss.

„Wenn man sich sozialen Netzwerken ganz entzieht, ist das für mich eine Schwäche, weil man nicht von den positiven Dingen profitieren kann“, sagt Harvey. „Ich offenbare bei Facebook beispielsweise nicht mein ganzes Leben“, erklärt Bloomfield. „Und auch ich zensiere, was ich poste, und schütze mein Profil durch Privatsphäre-Einstellungen“, sagt Harvey. Man solle nicht gleich paranoid werden, finden beide. Vielmehr gehe es doch darum, die Kontrolle über die Privatsphäre wieder zuerlangen. Und genau das wollen immer mehr Menschen und diskutieren öffentlich darüber.

Das war vor ein paar Jahren noch anders. „Ich interessierte mich schon sehr früh dafür, wie man Konsumenten durch Technologie mehr Handlungsmacht geben kann“, sagt Harvey. Da seine Karriere mit Fotografie begann, entstand sein erstes Projekt auch dort: die Anti-Paparazzi-Clutch, eine Handtasche, mit der man sich gegen ungewolltes Fotografieren wehren kann, indem man sie dem Blitz entgegenhält, der zurückgespiegelt wird und das Bild quasi zerstört. Diese Produktentwicklung inspirierte ihn, weitere Accessoires und Kleider zu gestalten, bei denen es weniger um die Ästhetik als um die Funktion ging.

Da die Modebranche für ihn aber noch Neuland war, tat er sich mit Bloomfield zusammen, die nach mehreren eigenen Kollektionen ebenfalls nach einer neuen Herausforderung suchte. „Es passte perfekt, weil ich mich mehr auf Projekte mit Technologiebezug konzentrieren wollte“, sagt sie. So entwickelten sie gemeinsam die „Stealth Wear“-Kollection, bei der spezielle Metalllegierungen in die Kleidung eingearbeitet werden. Ein Kapuzencape soll seine Träger dadurch beispielsweise für Thermosensoren von Drohnen unsichtbar machen. Auch für das Off-Pocket haben sie einen besonderen Nylon-Metallmix verwendet, um die Strahlung abzuhalten, was Harvey selbst getestet hat.

Selbst die NSA prallt ab

Es zahlt sich aus. Denn der aktuelle Stand, wenige Tage vor Aktionsschluss am 27. August, lautet: Die Macher des Off-Pocket haben rund 48.000 US-Dollar von über 560 Unterstützern eingenommen und rund 470 Off-Pockets verkauft. Wer mitgerechnet hat, dem fällt auf, dass über 100 Personen keine Tasche erworben haben, aber trotzdem in das Projekt investieren wollten. Ihr Geld wird nicht nur dafür genutzt, die Kosten des Off-Pocket zu decken, sondern auch um neue Prototypen zu entwickeln. So wie die “Metal Dollar Bills“, zwei Metallscheine, die man sich in sein Portemonnaie stecken kann und damit elektromagnetische Wellen zur Identifizierung abhält, und eine Abwandlung des „I love NY“-T-Shirts mit Textkodierung, die selbst von der NSA nicht entschlüsselt werden kann. Beide Artikel sind auch schon ein Hinweis darauf, was bei den Designern in Zukunft auf der Agenda steht: noch mehr Artikel zum Schutz der Privatsphäre.

„Besonders interessant wäre es, etwas zu entwickeln, das alle digitalen Transaktionen sichert“, sagt Harvey, dabei sei die Verschlüsselung von E-Mails wohl das größte Feld. Das geht zwar auch jetzt schon, ist aber extrem aufwendig. „Und ich will einfach Produkte entwerfen, die alle nutzen können.“ Kickstarter soll dafür aber erst mal nicht genutzt werden, da Harvey gerade versucht, Investoren für das eigene Unternehmen zu bekommen. „Genau dafür ist Kickstarter auch gedacht, als erster Schritt, um seine Firma zu gründen.“

Katharina Finke ist freie Journalistin in New York. 85 Dollar würde sie für die Handytasche dann doch nicht ausgeben

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