Fisch beisst, wo er will

Laichplatz Kolumne

Willi Krüger hat einen Vierer! Der Rentner aus Schwedt lächelt stolz. Er ist um vier Uhr morgens los, kommt jedes Jahr mindestens für einen Tag zum Heringsangeln auf den Rügendamm. Obwohl die Angeln mit fünf Haken ausgestattet sind, holt man sonst höchstens drei Fische hoch.

Der Strelasund strahlt wie der wolkenlose Himmel. Der Rügendamm vibriert unterm endlos polternden Verkehr zwischen Festland und Rügen. Piktogrammschilder warnen, dass hier Angelruten über die Fahrbahn schwingen. Seit Karfreitag stehen wieder die Angler auf der Brücke zwischen Dänholm und Altefähr. Erst waren es rund 200, ab April stehen gut doppelt so viele Angler auf der Brücke. Der Hering kommt spät. Ostern war diesmal schon im März, und der war lange zu kalt. Jetzt endlich wird es wärmer.

Wenn die Heringsschwärme von der See in den Greifswalder Bodden zum Laichen ziehen, surren die Sehnen dicht an dicht durch die Luft, blinkt das Blei, glitzern die Haken. Im Minutentakt zerrt es an den Ruten, winden sich silberblaue Körper durch´s Wasser, zappeln ein bis drei Fische an einer Sehne. Die Angler klatschen die Silberlinge in ihre Farbeimer oder auf den Fußsteig zwischen Fahrbahn und See. Viele haben Lappen ans Geländer geknotet, zum Glibberabwischen. Mancher Hering entkommt noch in Augenhöhe, fliegt hinab und verschwindet im Wellengrün. Ein Mittdreißiger, mit dicken Pullovern und langen Unterhosen zum Kegel aufgeplustert, flucht deftig. Einen Meter neben ihm füllen Halbwüchsige ihren 15-Liter-Eimer ohne Pause mit Fischen. Sie schwören auf die Frühe, sind seit sechs Uhr morgens da, bleiben, wenn sie beißen, bis über Mittag. Ostern hatte ich 36 und mein Kumpel über 40!, heißt es und klingt nicht nach Anglerlatein. Bier wird geschlürft, ein Flachmann aus dem Parka gefischt. Der Wind zerrt und stiebt. Zigarettenkippen verglimmen in den Böen. Eine Frau schiebt ihren Wurstgrill vorbei, eine Fahrradklingel bimmelt. Die Heringssaison am Strelasund ist an Deutschlands Ostseeküste einmalig, noch aus Brandenburg und Berlin reist man an, um hier ein Wochenende an nichts zu denken als an Fisch und wo er beißt.

Im Hintergrund grüßt die Backstein-Kulisse von Stralsund, drei Kirchen, die Speicher, ein Segler. Parallel zum alten Damm rostrote Fundamente für die neuen Brückenpfeiler. Dazwischen dümpeln Pontons und Bagger. Eine riesige Ramme schwebt überm Wasser, doch Rammen darf sie zur Laichzeit nicht. Man schweißt, schaufelt und schüttet; 2007 soll die neue Querung fertig sein. Die Hängebrücke wird den Damm überragen, und wegen der malerischen Sicht auf den Sund grollen die Angler: Kann man die Brücke nicht auf die andre Seite setzen!

Ist der Hering durchgezogen, folgt der Hornfisch, der wirkt wie eine zu groß geratene Seenadel mit Gräten, die türkis und unheimlich chemisch leuchten. Den holt man mit Blinker und Pose hoch. Oder - mit Heringsstücken.

Auf dem Strelasund schaukeln Motorboote. Die Jungs sagen: Joa kloar, die kriegen mehr, die sind näher dran. Hier auf der Brücke entwischt jeder dritte Fisch wegen der Höhe. Außerdem haben die Sonar. Solche Jollen haben Echolot?! Kloar, das gibt´s jetzt tragbar, da siehst du es im Handy, wo ein Schwarm durchzieht. Im Stralsunder Anglerladen winkt man lachend ab: Der Fisch beißt, wo er will. So´n Echolot zeigt dir nur, wo was raus ragt aus dem Untergrund, Grate, Balken. Wenn sich unten was bewegt, kann´s auch ´ne Plastetüte sein.

Ob die Angler an der Route zu den Laichgebieten den Bestand nicht gefährden? Oach! Das besorgen schon die Schleppnetze draußen auf See.

Die Boote rollen von Altefähr in den Sund. Der kleine Jachthafen hat jetzt seine Hochzeit. Der Strand wird zu geparkt mit Anhängern, und auf dem Wasser bilden sich Bootsrudel: immer über den Fischschwärmen. Die Segelschule verleiht Boote, Angelzeug, Schwimmwesten und Thermosflasche inklusive. Im Ort sind die vermietbaren Zimmer belegt und auf dem Zeltplatz trudeln die Caravans ein.

Schnaufend hieven Schnauzbartträger Eimer, Außenborder und Boote aus dem Wasser. Beim Bier zwängen sie sich aus den Gummihosen. Der Kneipier vom "Hol über!" feuert seinen Räucherofen an.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 29.04.2005

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare