Fisch im Wasser

Porträt Robert Biedroń will Polen aus der nationalkonservativen Erstarrung lösen und eine neue Partei gründen
Fisch im Wasser
„Ich lasse mich nicht in Parteipolitik ziehen, weil ich nicht an sie glaube“, sagt Biedroń

Foto: imago/Eastnews

Du kannst die Welt nicht ändern – aber dein Sofa.“ Das Plakat mit dieser Aufschrift hängt großflächig und gut sichtbar über einer Straßenkreuzung im Süden Polens. Der werbende Möbelhändler setzt mutmaßlich aus der PR-Überzeugung heraus auf diesen Spruch, die Stimmung der Menschen im Land zu treffen. Und er liegt damit zumindest teilweise richtig: Nach den Protesten der vergangenen Monate gegen Angriffe der rechtskonservativen PiS-Regierung auf das Oberste Gericht und das gesamte Justizwesen ist die Energie des Widerstandes etwas abgeflaut und eher einer „Was nun?“-Stimmung gewichen.

Seit kurzem aber tritt mit Robert Biedroń ein neuer Akteur in Erscheinung. „Ich bin bereit, mich an die Spitze einer Bewegung zu setzen, die das Antlitz Polens, ja das Antlitz dieser Erde verändert“, sagt der 42-jährige Politiker hoffnungsfroh lachend vor der Presse in Warschau. Der studierte Politologe, vor anderthalb Dekaden Gründer der „Kampagne gegen Homophobie“, will innerhalb des nächsten halben Jahres durch das Land reisen und eine Gruppierung ins Leben rufen, die sich links der liberalkonservativen Opposition positioniert. Ein konkretes Programm soll es rechtzeitig vor den Europawahlen im Mai 2019 geben.

Vor allem jedoch will Biedroń – derzeit Oberbürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt Słupsk – im Herbst nächsten Jahres nach den Sternen greifen und die Parlamentswahlen gewinnen. Laut Umfragen könnte eine neue Biedroń-Partei schon jetzt mit fünf bis neun Prozent der Stimmen rechnen. „Ein progressives Angebot hat großes Potenzial, der regierenden Partei für Recht und Gerechtigkeit Wähler zu entziehen, denn für sehr viele Polen sind Gerechtigkeit, Würde und Sensibilität gegenüber sozialer Ausgrenzung fundamental“, so Biedroń jüngst in einem Interview. Er rechne auf PiS-Wähler, schließlich hätten auch bei den Kommunalwahlen 2014 in Słupsk gut 30 Prozent seiner Wähler zuvor für die jetzige Regierungspartei gestimmt.

Das Potenzial für einen Aufbruch links der Mitte hat Biedroń, der sich bei öffentlichen Auftritten wie ein Fisch im Wasser bewegt, allemal. In Umfragen gehört er landesweit zu jenen Politikern, denen die Polen durchaus vertrauen. Würde er sich um das Amt des Staatspräsidenten bemühen, wären bis zu 17 Prozent der Stimmen möglich.

Der aus der südostpolnischen Provinz stammende Biedroń war zwischen 2011 bis 2014 der erste offen homosexuelle Politiker im Sejm, wo er zur Fraktion der linksliberalen, inzwischen nicht mehr existenten Partei Ruch Palikota zählte. Zwar musste er anfangs wegen seiner sexuellen Orientierung viel Häme über sich ergehen lassen, doch bescheinigten ihm Parlamentskorrespondenten bald eine hohe Kompetenz und viel Engagement, hauptsächlich beim Schutz von Minderheiten- und Menschenrechten. In seiner Warschauer Zeit konnte er zudem vielen Landsleuten ihre Vorbehalte gegenüber Homosexuellen nehmen. Biedrońs überraschender Sieg in Słupsk gelang nicht in einer Hippie-Hochburg, sondern in der grauen Provinz.

„Ich habe viel Erfahrung damit, gegen den Strom zu schwimmen. In meinem politischen Leben habe ich dies schon einige Male getan“, sagt Biedroń, der sich besonders für die Rechte von Frauen starkmacht und bei ihnen beliebter ist als unter Männern.

Als Oberbürgermeister von Słupsk brachte er Fahrrad fahrend eine neue, weniger hierarchische Führungskultur ins Rathaus, führte Frauenquoten ein, setzte auf kommunalen Wohnungsbau, städtische Kultur und einen zuverlässigen Nahverkehr. Und auch wenn er wegen verspäteter Investitionen, einer übermäßig verschlankten Stadtverwaltung und zu vieler Reisen kritisiert wird, zeigen die Umfragen, dass er bei der Kommunalwahl im November das Słupsker Rathaus halten könnte.

Doch Biedroń will auf die landesweite Bühne, als Führungsfigur einer zersplitterten Linken. Auch wenn er selbst eine Zuordnung im Links-rechts-Schema verneint und die einst sozialdemokratisch geprägten skandinavischen Staaten als Vorbild nennt, hoffen etliche linke Gruppierungen, dass sich mit Biedroń Polens Linke wieder sammelt. Die linke Graswurzelpartei Razem, die außerparlamentarisch bei drei bis fünf Prozent Zustimmung liegt, hat bereits eine Zusammenarbeit vor der Europawahl angeboten. Die postkommunistische Allianz der Demokratischen Linken (SLD), die nach dem Verlust ihrer Sejm-Mandate 2015 wieder an Stärke gewinnt, wirbt bislang ebenso vergeblich um Biedroń wie die Bürgerkoalition, der größte Oppositionsblock mit der Ex-Regierungspartei Bürgerplattform (PO), der liberalen Nowoczesna und einer linksliberalen Initiative. „Ich lasse mich nicht in Parteipolitik hineinziehen, weil ich nicht an sie glaube“, teilt Biedroń mit.

Wer sich derart exponiert, muss damit rechnen, attackiert zu werden. So wird Robert Biedroń vorgeworfen, in einer städtischen Einrichtung von Słupsk bei der Entlassung eines Pädophilie-Verdächtigen nicht entschieden genug vorgegangen zu sein. Biedroń – jahrelang Aktivist für Schwulen- und Minderheitenrechte – kontert mit der Aussage, er habe in diesem Fall verantwortlich gehandelt. Dass der ihn trotz aller Gegenwehr auch künftig belastet, ist absehbar.

Bis auf Weiteres figuriert seine Initiative unter dem Label „Ich liebe Polen“. Die Menschen würden spüren, meint Biedroń, „wenn ich mich schützend vor Schwule und Feministinnen stelle, dann werde ich mich auch vor Menschen stellen, die ihren Job verlieren“. Viele Polen scheinen ihm das abzunehmen, erst recht, wenn sie ihn persönlich erleben. Und viele davon mögen nicht vorrangig über ein neues Sofa nachdenken.

06:00 04.10.2018
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