Fischerboot Potemkin

Film Rau und grobkörnig erzählt Mark Jenkin von der Gentrifizierung eines Küstendorfs in Cornwall
Fischerboot Potemkin
Die Wucht der Bilder ist die einer sturmgepeitschten grauen See im November

Foto: Presse

Selber habe er noch „bloody principles“, erklärt der Fischer Martin (Edward Rowe) an einer Stelle in Bait. Martin, ein Mann mittleren Alters, sitzt verdrossen in seinem Stamm-Pub, die Besitzerin hat ihm gerade nahegelegt, er solle doch mit seinem Bruder Steven (Giles King) raus aufs Meer fahren, um endlich noch mal Geld zu verdienen. Denn im Gegensatz zu Martin hat sich Steven mit dem Strukturwandel, der in Form von wohlhabenden Touristen aus der Stadt über ihren Heimatort, ein Dorf im südenglischen Cornwall, gekommen ist, arrangiert. Die Fischerei, einst die vorherrschende lokale Industrie, liegt weitgehend brach. Das vom Vater geerbte Boot nutzt Steven jetzt, um Vergnügungsfahrten für zahlungsfreudige Besucher anzubieten. Martin hat dafür nichts als Verachtung übrig. Er spannt jeden Morgen am Strand stur von Hand sein Fischernetz, um ein paar Fische zu fangen. Er will Geld für ein eigenes Boot sparen, zu Hause hat er dafür eine kleine Plastikdose, es liegen ein paar Zehn-Pfund-Scheine drin.

Ihr recht pittoresk am Hafen gelegenes Erbe, offenbar das Elternhaus, haben Martin und Steven an ein Londoner Ehepaar, Tim und Sandra Leigh (Simon Shepherd und Mary Woodvine), verkauft. Die machen dort mit ihren beiden Kindern Wochenendurlaube und vermieten ansonsten an andere Touristen. Die Fischerei-Kultur dient dabei bloß noch als Einrichtungsaccessoire, mit dem der Airbnb-Kundschaft der Charme des Authentischen vorgegaukelt wird. Ihr Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er das alles sähe, ätzt Martin einmal zu Steven.

Kein Geld, trotzdem machen

Mit Bait legt der selbst in Cornwall aufgewachsene Filmemacher Mark Jenkin ein ästhetisches, politisches und wirtschaftliches Zeitdokument vor. Die Arbeit zu dem experimentellen Schwarz-Weiß-Film begann zwar schon vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016 – dennoch gewinnt Jenkins Darstellung von Klassenressentiments und dem Verfall traditioneller Industrien durch die politischen Entwicklung der letzten drei Jahre eine zusätzliche Dringlichkeit. Zugleich ist der mit niedrigstem Budget entstandene Film auch ein Zeugnis von künstlerischer Resilienz und Selbstbehauptung angesichts einer Austeritätspolitik, in deren Zuge in Großbritannien seit 2010 nicht zuletzt die Kulturförderung radikal zusammengestrichen wurde. Verglichen mit Bait sehen selbst die frühen Filme von Jim Jarmusch aus wie aufwendige Hochglanzproduktionen.

Man denkt beim Schauen des Films, der auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Forum gezeigt wurde, zunächst an die britischen „Kitchen Sink“-Filme der späten 1950er und frühen 1960er Jahre, die den kargen Alltag vornehmlich nordenglischer Industriestädte zeigten. Jedoch ist Jenkins Film visuell von einer gänzlich anderen Textur geprägt, die man so im britischen Kino noch nicht gesehen hat. Das Setdesign ist minimalistisch, die auf 16-mm-Material gedrehten Bilder rau und grobkörnig. Statt eines pittoresken Badeorts sieht man eine unwirtliche Landschaft. Als Steven in einer Szene alleine in der Hafenbucht zwischen zwei großen Betonwänden steht, wähnt man sich fast in einem expressionistischen Horrorfilm.

Sieht aus wie stumm

Wie seine vorigen Arbeiten hat Jenkin Bait stumm gedreht und den Ton nachträglich synchronisiert, was den Dialogen eine entrückte Qualität verleiht. Überhaupt erschließt sich Bait oft weniger über das Gesagte als über die Montage. Ein spontaner Gewaltausbruch ist so zusammengeschnitten, dass Vorlauf, Echtzeit und Nachhinein ineinanderfließen. Mit derlei Verfremdungseffekten bricht der Film mit der Realismusästhetik, wie sie die meisten Sozialdramen dominiert.

Vielmehr erinnern die harten Schnitte sowie die sprunghaften Wechsel zwischen weiten Totalen und Gesichter-Großaufnahmen an die Avantgarde der Stummfilm-Ära, etwa die Filme von Sergej Eisenstein oder Carl Theodor Dreyer. Durch diese konfrontative Bildsprache fängt Bait die gesellschaftlichen Konflikte in dem Fischerdorf ebenso verstörend wie effektiv ein. Gleichzeitig schafft der Film damit eine Distanz zum Gezeigten und untergräbt die einfache Identifizierung mit den Figuren. Martins Wut etwa ist einerseits nachvollziehbar, andererseits auch das Produkt von Starrsinn und falschem Traditionsbewusstsein. Die Leighs denken, sie kurbeln die lokale Wirtschaft an, verhalten sich aber meist versnobt. Die Anspannung droht beständig zu eskalieren, mal ist der Anlass falsches Parken, mal Beschwerden über zu viel Bootslärm.

Die soziokulturellen Trennlinien, die sich durch Bait ziehen, sind bekannt aus unzähligen Leitartikeln und Analysen: dort das alteingesessene Arbeitermilieu, das mangels Bildung und Mobilität kaum noch vom Strukturwandel profitieren kann, hier die urbanen Bildungsbürger, die morgens auf ihren MacBooks Podcasts hören und den weniger Privilegierten meist mit Unverständnis begegnen. Damit bedient sich der Film einer gewissen Vereinfachung, allerdings wird dieser Gegensatz auch immer wieder aufgebrochen. Stevens Sohn Neil (Isaac Woodvine) etwa hat einerseits mehr Lust, bei Martin das Fischerhandwerk zu lernen, als mit seinem Vater die zumeist besoffenen Touristen umherzufahren. Andererseits beginnt er eine Affäre mit Katie (Georgia Ellery), der Tochter der Leighs, und hegt auch sonst keinen Groll gegen die Besucher – die vielen jungen Leute beleben schließlich am Wochenende den ansonsten verschlafenen Pub.

Jenkins Film ist gerade deshalb so vielschichtig, weil er sich letztlich mit keiner Perspektive gemeinmacht. Niemand habe ihn gezwungen, sein Haus zu verkaufen, erklärt Sandra einmal gegenüber Martin. „Ach nein?“, antwortet der nur hämisch. Wer hat recht? Bait bietet keine einfachen Antworten auf derlei Fragen, sondern dokumentiert konsequent gegenwärtige Spannungen.

Info

Bait Mark Jenkin Großbritannien 2019, 88 Minuten

06:00 27.10.2019
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