Fitness-Flops

A–Z Wieder viele gute Vorsätze? Bevor Sie ins nächste Fitnessstudio laufen, um ein Zweijahresabo abzuschließen, lesen Sie lieber unser Lexikon! Das ist günstiger
Fitness-Flops

Foto: Simplyabbey

A

Aquafitness Als Reha nach meinem Schulterbruch empfahl mir der Orthopäde ein sanftes Ganzkörpertraining in lauwarmem Wasser, bei dem „man nicht hinfallen kann“ – so der humorvolle Mediziner. Wahlweise werden zusätzlich noch sogenannte Schwimmnudeln benutzt.

Die gutgelaunte Übungsleiterin turnt die Bewegungen am Beckenrand als Trockenübung vor: ausholende Bewegungen zu stampfenden Europopbeats (Zumba), die man im Nudelwasser unmöglich in derselben Geschwindigkeit nachmachen kann. Die Wasserballerinas – alle ungefähr im Alter meiner Mutter – verheddern sich in der Schaumstoffnudel und schlucken reichlich Chlorwasser. Alle strampeln angestrengt gegen den Wasserwiderstand an, wissen um den würdelosen Anblick und denken beim Anblick der jungen Athletin auf den Schwimmbadfliesen ganz offensichtlich über Waterboarding nach. Elke Allenstein

C

Crossfit Vor etwa drei Jahren hörte ich von Crossfit, in meinem Rugbyteam. Einige Spielerinnen hatten privat damit angefangen und schätzten die Trainingsmethode des US-Amerikaners Greg Glassman. Sie kommt ohne viele Geräte aus, arbeitet mit dem eigenen Körpergewicht. Also meldeten wir uns alle bei einem kostenlosen Schnuppertraining an, standen Tage später zusammen mit etwa 50 anderen in einem Berliner Park (Parkfit). Joggingrunden wechselten sich mit Kraft-Ausdauer-Einheiten ab: gegenseitiges Huckepacktragen, Liegestütze, Sprünge. Tierisch anstrengend, sogar für uns Frauen der 7er-Rugby-Klasse.

Spaß hatten wir. Die Trainer schienen alles im Griff zu haben. Das böse Erwachen kam später: Ich hatte tagelang den schlimmsten Muskelkater meines Lebens. Später las ich, dass es durch schlecht ausgebildete Trainer vor allem bei Untrainierten öfter zu krassen Überbelastungen kommt, bis hin zu Nierenschäden durch Rhabdomyolyse, also akuten Muskelschwund. Sophie Elmenthaler

D

Damensitz Think elegant. Reiten im Damensattel ist wieder en vogue – dank Elisabeth II. Dabei mag das Reiten zwar eleganter aussehen als im Herrensattel, doch im Damensattel bella figura zu machen, korrekt zu sitzen und das Gleichgewicht zu halten, ist ungleich schwerer und gefährlicher. Bei dem linkssitzigen Sattel fehlen das rechte Bein und die Kreuzeinwirkung durch Gegensitzen zur Hilfestellung. Für schwere Springen ist der Damensattel seit 1928 in Deutschland verboten. Dagegen heißt es im Ullstein-Blatt Berliner Illustrirte Zeitung von 1912 noch: „So berechtigt aber die Warnung vor dem Seitensitz ist, der im Falle eines Sturzes größere Gefahr birgt, indem der Fuß leicht in der Gabel und im Bügel hängenbleibt, zieht man doch den Sitz immer wieder dem Herrensitz vor. Die Linie im Seitensitz ist eine bei weitem elegantere.“

Apropos „Gefahrenlinie“ (Saunaanzug, Aquafitness): 1904 feierte man Eunice Winkless in Pueblo, Colorado, als die sich, frei nach dem Slogan „Hauptsache jede Frau“, mit emanzipatorischer Verve im Damensitz mit eigens abgerichtetem Pferd von einem zehn Meter hohen Gerüst in ein Wasserbecken stürzte. Dem Preisgeld von 100 Dollar durfte Eunice wohl hinterherlaufen und musste es vor Gericht einklagen. Helena Neumann

F

Flipflops Nicht mehr im Trend liegen Fitness-Flipflops, sicherlich auch, weil sie der Grundidee leichter Fußbekleidung zuwiderliefen. Das Versprechen klang – wie alle Fitnessverheißungen (Parkfit) – bei Markteinführung vor zehn Jahren verlockend: Jeder Schritt führe zu stärkeren Muskeln, strafferem Po und Gewichtsverlust. Die Sandaletten sind derart konstruiert, dass sie die Füße ein wenig destabilisieren. Das sollte größere Muskelanstrengung bewirken. Das reicht natürlich nicht für fühl- und sichtbare Resultate. Wer sich wirklich stärken will, sollte Turnschuhe anziehen und richtig trainieren. Immerhin sind Fitness-Flipflops aufgrund ihrer weicheren Sohle nicht ganz so plattfußformend wie die normalen, zum Watschelgang führenden Plastiksandaletten. Das hässliche Ploppen bleibt den Umstehenden aber auch hier nicht erspart. Tobias Prüwer

P

Parkfit Jahrelang habe ich mich im Tiergarten fit gehalten. Auf einem „Vita Parcours“. Diese Parcours (Schulsport) hat eine Zürcher Versicherung ins Leben gerufen. Keine Ahnung, warum es einen im Tiergarten gab. Er war in die Jahre gekommen, Balken waren morsch, einzelne Übungen mussten im Gebüsch verrichtet werden. Meistens waren da nur ich und die Kaninchen. Einmal, im Winter, stieß ich auf einen anderen. Es war Detlev Buck, der da Klimmzüge machte. Den Parcours gibt es nicht mehr. Der Tiergarten hat jetzt andere Sorgen. Michael Angele

R

Rückenschule Anfangs pikt es gelegentlich. Dann kommt das Ziehen, das in die Beine ausstrahlt (Iliosakralgelenk, kein Mensch weiß, warum das heilig ist). In der erweiterten Krankheitszone kriecht man dann schon am Boden zum Telefon, um den Notarzt zu rufen (Bandscheibenvorfall). Wer das je hatte, weiß: Jetzt wird es (so man es überlebt) Zeit für die Rückenschule. Eine ziemlich demokratische Veranstaltung, denn ob man oder frau es am Rücken kriegt, hängt nur bedingt vom Geldbeutel ab, auch wenn Dachdecker oder Bildschirmarbeiter besonders gefährdet sind. Eine gute zu finden, die einem auch Heimstätte wird, ist nicht leicht. Nach vielen Flops (Flipflops) habe ich sie gefunden – und gebe sie nicht preis! Ulrike Baureithel

S

Saunaanzug Ob man bekleidet in die Schwitzhütte darf, darüber scheiden sich die Geister. Dieser Trend empfiehlt es geradezu – und belässt es nicht bei Bikini und Badehose (Aquafitness).

Mit dem Saunaanzug wird die Kleidung selbst zur schweißtreibenden Hülle, indem die atmungsinaktiven Dinger eine Sauna simulieren. Manche sitzen einfach darin herum, andere treiben Sport, um die Transpiration zu befeuern. Vielfach wird der rasche Gewichtsverlust gelobt, allerdings verliert man nur Wasser. Überlegt eingesetzt, kann das für Durchblutungsförderung und Stoffwechselanregung nützlich sein, nur sollte der Anwender Vorsicht walten lassen. Denn zu viel Schwitzen kann zur Überhitzung des Körpers und zum Dehydrieren führen. Ein Schlaganfall aufgrund von Wassermangel oder ein Hitzschlag könnten die krassesten Konsequenzen sein. Auch der Verlust von Mineralien und mögliches Nierenversagen drohen. Also muss der Saunaanzugträger immer auch Wasser zuführen, was der eigentlichen Funktion, dem schnellen Abnehmen, natürlich widerspricht. Vielleicht doch lieber eine richtige Sauna aufsuchen. Ist sowieso sozialer. Tobias Prüwer

Schulsport 80er Jahre, Hamburgs Osten, Oberstufe. Die Jungs müssen zum vier Kilometer entfernten Park laufen, um dort noch mal vier Kilometer um den See zu spurten. Der Sportlehrer M. fährt mit dem Auto, die Mädchen nimmt er mit, damit sie erst im Park laufen. Ungerecht, denke ich, schließe mein Fahrrad los und fahre neben den Leichtathleten her. „Lars“, ruft da einer, „ich glaube, hinter uns läuft Herr Merz.“ In der Tat! Und er näherte sich im Höllentempo, er war ein ehrgeiziger Sportlehrer, ich ein ehrgeizloser Eleve. Weit hinter ihm drein trabten die Mädchen. Damit ich nicht zu dumm dastand, schulterte ich das Rad und lief, was aussah wie Private Hartmann bei den US-Marines (Volkshochschule).

Alle Camouflage nützte nichts, das Fahrradschultern war eine dumme Idee. Die Mädchen lachten zwar, die Jungs grienten, doch der Sportlehrer war außer sich. Womit ich nicht gerechnet hatte: Sein Deutsche-Wertarbeit-Mercedes hatte den Geist aufgegeben. So mussten Mädchen wie Sportlehrer laufen. Mich erwartete eine Kasernenhofstandpauke samt Extrarunde. Aber auch das kecke und süße Lächeln Brittas. Lars Hartmann

V

Volkshochschule Kraulschwimmen zu können wäre mein Traum, erzählte ich schon länger. Ich kann brustschwimmen, dabei den Kopf ins Wasser eintauchen. Aber die richtige Atemtechnik beim Kraulen? Würde mein Leben verändern, bin ich überzeugt. Dann kriege ich einen Kurs geschenkt. An der Volkshochschule. Um zur Schwimmhalle zu kommen, muss ich einen schummrigen Parkplatz überqueren oder zwischen Hochhausschluchten hindurch. Der Mann sagt: „Ich bring und hol dich ab.“ Dass am Schlüsselarmband die Nummer vom Umkleideschrank fehlt, scheint mir kein Problem, ich präge mir einfach grob ein, wo mein Schrank hängt.

In der Halle fragt die Schwimmlehrerin vom Typ DDR-Leistungssportlerin nach unserem Fitnesslevel, wo wir uns verbessern wollten. Stellt sich heraus, es gibt auch Triathleten unter uns „Anfängern“. Und warum sind die nicht beim Hochschulsport? VHS, das ist altersgerechtes Häkeln, das sind Deutschkurse, Psychologie, Rückenschule. Sieht aus, als würde das hier mein härtester Kampf für mich selbst. Es ist 22 Uhr, als ich glaube, vor meinem Schrank zu stehen. Volle Körperspannung, mental fit (Yoga). Es war doch der da rechts unten? Also je nachdem, von welcher Seite man reinkommt. Der Hausmeister muss kommen, er bricht den Schrank auf, diverse Schwimmhilfen fallen raus. War doch der Schrank links unten. Katharina Schmitz

Y

Yoga Der Hype vergeht nicht. Die ständige Erfindung neuer Variationen garantiert, dass die indische Körperverrenkungspraktik auch zukünftig die Faszien der Nation trainieren wird. Ob Nackt- oder Bier-Yoga, selbst Menschen, die auf den ersten Blick nicht zum Vorzeige-Yogi taugen, falten ihren Körper hingebungsvoll auf Bodenmatten. Yoga ist Balsam für den stressverhärteten Rücken der Bürohengste. Und hält die Leiber der Magermodels in schlanker Form.

Trotz allem umweht Yoga ein Hauch von Angst. Es gibt eine Horrorvorstellung, genährt von Comedyshows und instagramisierten urbanen Mythen: unvorhergesehene, unfreiwillige Entladung von Flatulenz. Man stelle sich das nur vor: Ein Furz entfleucht, während man den herabschauenden Hund turnt. Bei manchem ist die Angst angesichts der Vorstellung so groß, dass er sich gar nicht erst in einem Yogastudio blicken lässt. Schade! Im Rahmen meiner ersten Yoga-Session sah ich der Lehrerin verblüfft dabei zu, wie sie ihren kleinen, rundlichen Körper kunstvoll zu einer Brezel verbog. Gefurzt (Schulsport) hat in dem Kurs übrigens niemand. Marlen Hobrack

Z

Zumba Die Ikone Jane Fonda wurde dieser Tage unglaubliche 80 Jahre alt. Wer erinnert sich nicht gerne an ihre Auftritte im Aerobic-Dress? Schöner noch als Aerobic, das seine 80er-Jahre-Anmutung ja nie so ganz ablegen konnte, ist Zumba. Das ist übrigens ein eingetragener Markenname, er bezeichnet eine Mischung aus Aerobic und südamerikanischen Standardtänzen. Selbst in den kleinsten Dörfern gibt es inzwischen Zumba-Kurse. Und junge Mütter schwingen neben alten Omis begeistert die (bisweilen künstlichen) Hüften, mal mit dem Beat von Salsa und Rumba, mal dagegen. Ob das so effektiv (Crossfit) ist wie gutes Intervall-Training? Vermutlich nicht. Drolliger anzusehen ist es aber allemal. Marlen Hobrack

06:00 08.01.2018

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