Fleisch ist sein Gemüse

Porträt Godo Röben ist in einer der größten Fleischfabriken der Republik der Mann mit dem Veggie-Plan

Täuscht Godo Röben, 48, Vater zweier Kinder, Hobbyfußballer, unaufgeregter norddeutscher Typ, die Bürger? Röben ist der Mann, der Produkte, die wie Fleisch schmecken, aber kein Fleisch sind, groß rausgebracht hat. Er muss sich dafür verteidigen. Immer wieder. In diesen Tagen erst recht, seit sich CSU-Bundesagrarminister Christian Schmidt in der Bild-Zeitung mit einem Stück Schweinebraten abbilden ließ und erklärte, Begriffe wie „vegane Currywurst“ oder „vegetarische Schnitzel“ verbieten zu wollen, weil sie die Verbraucher in die Irre führten.

Röben hat als Chef von Marketing und Entwicklung der Rügenwalder Mühle dafür gekämpft, dass einer der größten Wurstfabrikanten Deutschlands vegetarische Schnitzel und Frikadellen einführt. Er hat damit einen Trend entdeckt – oder ihn selbst gemacht. Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Das Geschäft jedenfalls läuft gut. Schon jetzt machen Röben und seine Kollegen rund 20 Prozent ihrer gut 205 Millionen Euro Jahresumsatz mit fleischlosen Produkten. Damit die Veggieprodukte verpackt werden können, brauchte die Firma, die im niedersächsischen Bad Zwischenahn sitzt, einem Kurort nördlich von Oldenburg, extra eine neue Halle. Auch ein neues Verwaltungsgebäude entstand. Zudem stellte Röbens Chef rund 130 Leute ein, nun hat er 560 Mitarbeiter.

Das Fleisch ohne Tier ist gefragt. Die Konkurrenz Meica, Wiesenhof und andere zogen nach. Allein: Die Neuerungen, die Röben im Supermarktregal angestoßen hat, passen nicht jedem. Röben kann das bei Twitter lesen. Sauenhalterin Nadine Henke schreibt da: „Wir kaufen konsequent keine Rügenwalder Produkte mehr.“ Ihren Tweet griff selbst die britische Boulevardzeitung Daily Express auf und machte „Bratwurst Wars“ in Deutschland aus. Bratwurst-Kriege – das ist etwas übertrieben. Doch den Fleischproduzenten behagen die Fleischimitate aus Soja, Eiklar, Rapsöl und Zusatzstoffen nicht. „Was habt ihr für einen Blödsinn vor?“ – das fragen ihn auch die Landwirte an seinem Stammtisch, sagt Röben.

Er lebt und arbeitet dort, wo so viele Schweine und Hühner gehalten werden wie nirgendwo sonst in Deutschland. Er wollte nie weg aus der Gegend, ist in Brake an der Unterweser aufgewachsen, nur knapp 40 Kilometer entfernt von der Rügenwalder Mühle. Dort habe er sich nach seinem BWL-Studium in Bremen, meint Röben, „einfach mal so“ beworben. Christian Rauffus, der Chef, habe gefragt: „Was wollen Sie machen?“, er habe geantwortet: „Marketing.“ Rauffus: „Das haben wir noch gar nicht. Machen Sie mal.“ Das war vor gut 20 Jahren. Röben kreierte fortan Produkte wie die Pommersche Leberwurst oder die Teewurst im Plastikschälchen. Vor gut fünf Jahren kommt ihm dann der Veggie-Plan in den Sinn. Für die 1834 gegründete Rügenwalder Mühle wird er, nun ja, eine Herausforderung.

Oder anders gesagt: ein Kulturbruch. Röben will eigentlich nicht mehr darüber reden. Der Streit sei vorbei, sagt er. So mancher habe ihn „aber wohl schon für einen Spinner gehalten“. Seine fleischlosen Ideen wurden in der Firma verworfen, alle Entwicklungen gestoppt, sobald er in Urlaub fuhr. Dann mussste er wieder von vorne anfangen. Röben wollte fast schon aufhören. Dann setzt er sich an den Schreibtisch und schreibt eine Rede auf, packt alles rein: dass die Leute den Appetit auf Wurst verlieren, sie die Massentierhaltung nicht wollen, dass der Klimawandel durch die Fleischproduktion angeheizt wird, sich mit pflanzlicher Ernährung mehr Menschen ernähren lassen als mit Fleisch, dass sie mit der Zeit gehen müssen. So in der Art. Und er endet mit dem Satz, den sein Chef später in einem Interview aufgreift und der immer wieder zitiert wird: „Die Wurst wird die Zigarette der Zukunft sein“ – also verpönt, nicht mehr gesellschaftsfähig.

Röben tingelt mit dem Vortrag durch die Firma, wirbt bei Betriebsrat und Geschäftsführung für seine vegetarischen Wurstspezialitäten. Vor zwei Jahren bringt die Rügenwalder Mühle die ersten Produkte heraus. Seither hat sie rund 44 Millionen Euro in die Reklame für Vegetarisches gesteckt, fast den gesamten Werbeetat. Sie entwickelt keine neuen Produkte aus Rind, Schwein, Huhn. Röben ist überzeugt, dass Fleisch ohne Tier ankommt. Er selbst gönnt sich mal ein Steak medium, aber eine Mortadella aus Schwein „niemals“. Die sei aus Pflanzen genauso gut, „sogar besser, denn sie hat vergleichsweise weniger Kalorien“. Nur: Warum ist die nicht bio?

„Zu teuer“, argumentiert Röben, „die meisten Kunden würden dann die billigere Fleischwurst kaufen. Damit erreichen Sie nichts.“ Das habe er so auch mit dem Vegetarierbund diskutiert, der das Unternehmen immer wieder berate. „Die sind anstrengend, aber kennen sich aus“, sagt Röben. Bleibt eine Frage: Was spricht gegen fleischlose Namen für Veggieprodukte? „Ein ,Bratstück auf Pflanzenölbasis‘, das isst doch keiner“, meint Röben. Auch habe sich noch keiner seiner Kunden von fleischloser Mortadella getäuscht gefühlt. Die treibe eher um, ob in einer Teewurst oder im Leberkäse Fleisch ist.

Agrarminister Schmidt hat mit Röben bislang noch nicht gesprochen. Aber Röben ist Marketingmann, er sendet seine Botschaften. Gerade erst hat er Winnetou-Darsteller Wotan Wilke Möhring für seine Sache gewonnen. Der erklärt im neuen Werbespot, warum Vegetarisches wie Fleisch sein muss: „Weil viele Menschen den Geschmack von Fleisch mögen, aber trotzdem nicht so viel davon essen wollen.“ Röben wird ab Februar einer von zwei Geschäftsführern der Rügenwalder Mühle. Der bisherige Chef Rauffus wechselt in einen neu geschaffenen Aufsichtsrat. Röben sagt, dass bis zum Jahr 2020 bereits 40 Prozent aller Rügenwalder-Produkte vegetarisch sein sollen.

06:00 09.01.2017

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