Fleisch ohne Augen

Essen Der Konzern hinter der Marke Wiesenhof investiert drei Millionen Dollar in ein Start-up für veganes Hühnchen

Vor bald einem Jahr hatte sie der Philosoph gewarnt. 2017 traf sich Richard David Precht mit Vertretern der Fleischbranche und prophezeite: „Über die Fleischwirtschaft wird ein Sturm hinwegfegen.“ Was er meinte: die Entwicklung von Kultur-, sogenanntem In-vitro-Fleisch, das nicht an Tieren, sondern ohne sie in Nährflüssigkeit wächst: derzeit noch in der Petrischale, bald in großen Tanks wie in einer Bierbrauerei, so die Vision.

Mastanlagen und Schlachtfabriken wären damit Vergangenheit. Laut Precht verschliefen die deutschen Fleischer die Entwicklung. Doch jetzt hat sich die erste Annäherung einer deutschen Schlachtfirma an das neue Fleisch vollzogen: Die PHW-Gruppe, der größte deutsche Geflügelschlachter, gab bekannt, sie investiere in das israelische Start-up SuperMeat. Der Firmenname PHW mag unbekannt sein, doch eine PHW-Tochter ist sehr oft in aller Munde: die Fleischmarke Wiesenhof, die von Tierschützern immer wieder quälerischer Praktiken angeklagt wird.

SuperMeat selbst erklärt, es habe eine Frühfinanzierung in Höhe von drei Millionen Dollar von PHW sowie zwei US-amerikanischen Risikokapitalgebern erhalten. PHW nennt den Deal eine strategische Partnerschaft. In jedem Fall wird deutlich: Der größte deutsche Geflügelschlachter hat Interesse an dem neuen Fleisch, das ganz ohne Schlachthaus auskommt. Weltweit acht Firmen forschen derzeit an marktfähigem Kulturfleisch (Freitag 48/2017). Dass PHW sich ausgerechnet SuperMeat ausgesucht hat, liegt auf der Hand: SuperMeat arbeitet, passend zu dem Produktportfolio von PHW, ausschließlich an kultiviertem Geflügelfleisch.

Nur 200 Kühe braucht die Welt

Allerdings hat die Firma der Öffentlichkeit noch keine essbaren Belege ihrer Forschung präsentiert. SuperMeat, gegründet im Dezember 2015, sammelte 2016 mit einer Crowdfunding-Kampagne 240.000 Dollar Startkapital ein. Als Dankeschön für die Spender gab es Gutscheine. Eine Art Vorbestellung für das Fleisch der Zukunft.Mehrere Kulturfleischfirmen befinden sich in einem Wettlauf: nicht nur darum, zu zeigen, dass Kunstfleisch keine Science-Fiction, sondern eine echte Alternative zu Fleisch sei. Sondern vor allem darum, die Ersten zu sein, die das neue Fleisch in die Supermärkte bringen. Die amerikanische Firma Hampton Creek kündigte an, sie werde schon 2018 Kulturfleisch verkaufen.

Da vor allem profitorientierte Firmen an dem Fleisch der Zukunft arbeiten, ist kaum etwas über den genauen Stand der Forschung bekannt. Die Nährflüssigkeit etwa, in der Kunstfleisch wachsen soll, scheint eine der Hauptschwierigkeiten zu sein. Noch ist sie viel zu teuer für die Massenproduktion. Und sie erschwert die Umsetzung des Anspruchs von SuperMeat, Fleisch zum Verkauf zu bringen, das vegan ist. Momentan ist dies noch nicht möglich, denn sowohl für das Serum, in dem das Fleisch wächst, als auch für die Fleischproben werden noch Tiere benötigt.

Der niederländische Pharmakologe Mark Post, der mit seinem Burger aus der Petrischale als weltweit Erster im Labor gezüchtetes Fleisch hergestellt und präsentiert hat, errechnete, dass es anstelle der heutigen 1,5 Milliarden Kühe nur 200 bräuchte, um den globalen Bedarf an Fleisch aus dem Labor zu decken.

Was auch ein Grund war, warum sich Mark Post in seiner Forschung auf Rindfleisch konzentriert hatte: Ihm ging es primär um die Vermeidung von Umweltschäden, die durch die Rinderhaltung entstehen. Die Gründer von SuperMeat hingegen, Ido Savir und Koby Barak, leben beide vegan und waren früher Aktivisten in der Tierrechtsbewegung. Sie wollen Tiere vor einem Tod im Schlachthaus verschonen. Deswegen setzen sie auf Hühnerfleisch: Kein anderes Tier wird in so großer Zahl in Schlachthöfen getötet.

Das Schlachten geht weiter

PHW tut sich also mit einer Firma zusammen, die Tierhaltung und vor allem Schlachtungen abschaffen will. Nicht auf politischem Weg, sondern durch technischen Fortschritt: Das Fleisch von SuperMeat soll die Schlachtfabriken von PHW stilllegen. Überrascht es, dass der Konzern da einsteigt? Es bedeutet zunächst einmal nur, dass PHW die Entwicklung ernst nimmt und versucht, sich dranzuhängen, ohne Geld für eigene Forschung auszugeben. Sobald das Produkt marktreif wäre, könnte es mit dem Wiesenhof-Logo die Supermarktregale füllen – und PHW könnte so seine Marktdominanz aufrechterhalten.

Das aber wäre eine Abkürzung, die auch den Kritikern von Wiesenhof zugutekäme. Viele Tierschützer wissen, wie schwierig es ist, tatsächliche Verbesserungen in der Tierhaltung zu erkämpfen. Trotz des Booms von vegetarischen und veganen Produkten geht die Zahl geschlachteter Tiere kaum zurück. Investoren und Profiteuren des Kunstfleisches geht es nicht um die Umwelt, den Welthunger und schon gar nicht um die Tiere. Für sie sind das höchstens nette Nebeneffekte. Aber eigentlich ist das egal. Wer hätte schon gedacht, dass Metzger und Massentierhalter bei der Befreiung der Tiere behilflich sein könnten?

06:00 13.03.2018

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