Fleisch, Schmerz und Blut

Romantiker Über den amerikanischen Bestseller-Autor Chuck Palahniuk

Vom Stendhal-Syndrom spricht man, wenn ein Mensch beim Betrachten von Gemälden seine Emotionen nicht mehr kontrollieren kann, und in Tränen, Wahnsinn oder wilde Verzückung ausbricht, wie weiland Stendhal in den Uffizien von Florenz. So erklärt es Chuck Palahniuks in seinem Anfang des Jahres auf deutsch erschienenem Roman Das letzte Protokoll, und es ist gut möglich, dass er damit einen Schlüssel zu seinem eigenen Werk liefert. Denn der direkte Einfall der Kunst in den Gefühlshaushalt der Menschen scheint dem amerikanischen Schriftsteller nicht nur als literarisches Motiv, sondern auch als Effekt seiner eigenen Texte spitzbübischen Spaß zu machen. Was in Besprechungen dann oft mit der Formel umrissen wird, Palahniuk schreibe Bücher, die weh täten.

Aber beginnen wir vielleicht an dem Punkt, den man wahrscheinlich besser kennt als Palahniuks Bücher, bei der Verfilmung von Palahniuks erstem Roman Fight Club aus dem Jahre 1999 nämlich. Wir erinnern uns. Im Mund eines arg lädierten namenlosen Mannes in Unterhosen (Ed Norton) steckte eine Pistole. Er erzählt uns von seiner Schlaflosigkeit, vom Verschwimmen im geregelten Ausweinen und in geplanten Umarmungen von Selbsthilfegruppen. Dann tritt der attraktive Nachtarbeiter Tyler Durden (Brad Pitt) als dunkler Doppelgänger unseres erzählenden Jammerlappens auf den Plan. Der spleißt Pornobilder in Familienfilme, pisst als Kellner in die Suppe der Reichen und sagt schließlich den Satz, den wir nicht so schnell vergessen sollten: "Ich möchte, dass du mich so hart schlägst, wie es nur eben geht." Der etwas andere Boxclub ist eröffnet.

Ab sofort haut Mann sich Samstagnacht unter dem Kneipenboden gegenseitig die Nase blutig. Die Müden, Erfolglosen, Gelangweilten entdecken Blut, Fäuste und die Lust am Schmerz. Ziel ist es, den Kampf zu verlieren. Dazu gibt es eine der eindringlichsten Filmszenen der neunziger Jahre. Krise, Symptom und Kur einer Zeit schießen in einer wahnwitzigen Bildsequenz zusammen: Norton prügelt sich vor den fassungslosen Augen seines Chefs blutig und k.o. Wenn die Verhältnisse - hier das zwischen Autoritätsfiguren und Söhnen - hoffnungslos aus den Fugen sind, kann man dem nur mit immer noch paradoxeren Bildern beikommen. Das war David Finchers filmische Übersetzung, die gleichzeitig auch eine scharfsinnige Umschreibung von Palahniuks Erstling (englisch 1996, deutsch 1997) war. Vor allem hat Fincher dem Text eine etwas unbeholfene moralische Haltung ausgetrieben - in bestem Einverständnis mit dem Autor übrigens. Das Kino als Katalysator der literarischen Vorlage also. Dabei glaubt Palahniuk selber ganz vehement ans Buch und ans geschriebene Wort: "Bücher werden von niemandem beachtet. Darum sind Bücher der ideale Ort, um die wirklich ungeheuerlichen Sachen zu veranstalten."


Wer ist dieser Chuck Palahniuk? Das Leben des 1962 in Pasco im US-Bundesstaat Washington geborenen Mannes russisch-französischer Abstammung ist von gewalttätigen Episoden geprägt: Palahniuks Großvater hat zuerst die Ehefrau und dann sich selbst getötet. Sein Vater ist zusammen mit einer Geliebten von deren Ex-Mann erschossen worden. Gleichzeitig zeigen sich Interviewpartner überrascht, dass der Mann, der hinter den wilden Geschichten steht, keineswegs exzentrisch anmutet, sondern eine bescheidene, unauffällige Art sowie perfekte Manieren hat. Chuck Palahniuk scheint seine Obsessionen in Fantasie, Literatur und akribischen Recherchen gut aufgehoben zu haben. Was auch erklärt, warum er mit 44 Jahren, und obwohl er relativ spät mit Schreiben angefangen hat, bereits auf ein stattliches Werk verweisen kann: sieben Romane, eine Kurzgeschichtensammlung mit Titel Non-Fiction sowie einen besonderen Reiseführer über seinen Wohnort, die Stadt Portland im Bundesstaat Oregon.

Vor Fight Club, seiner ersten Publikation, lag 1999 schon der Roman Invisible Monsters in der Schublade. Doch anfangs wollte niemand diesen etwas anderen Roadmovie drucken, eine deutsche Übersetzung gibt es bis heute nicht. Darin ziehen verstümmelte Supermodels übers Land und hinter die schillernden Glamourfassaden der Laufstegwelt. Im Visier haben sie eine Geschlechtsumwandlung, und zwar als Entstellung wider Willen. Willkommen auf der monströsen Rückseite des androgynen Geschlechterspiels der braungebrannten, immerjungen künstlichen Modellkörper. In Palahniuks Paralleluniversum zu einer abgestumpften und gedankenlosen Glitzerwelt geht es um Fleisch, Schmerz und Blut. Und um eine Rückeroberung der Gefühle. Wie auch im Roman Der Simulant (Choke; 2001) einer Geschichte von Sexsucht, inszenierten Erstickungsanfällen zwecks Geldbeschaffung, und vom Sterben einer alten verwirrten Frau im Todestrakt des Altenpflegeheims.

Ihr verlorener Sohn besucht derweil eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige - weil man dort am besten Gleichgesinnte abschleppen kann. Wir hätten uns daran gewöhnt, sagt Palahniuk, unsere Erlösung im zwanghaftem Verhalten zu suchen. Bloß reicht das nicht. Die Sehnsucht nach dem Jenseits ist nicht verschwunden. Aber sie will, ja muss, im Hier und Jetzt erfüllt werden. Die vielbeschworene Jagd nach dem Glück verfolgt nun ihrerseits die Jäger: Sie wandelt sich zu einer unerbittlichen Diktatur des Genießens - unter chronischem Zeitdruck.

Produkt, Gegenfigur und Märtyrer dieses Fun-Imperativs ist die Hauptfigur von Flug 2039. Er ist der letzte Überlebende einer streng religiösen Sekte, die ihre Nachkommen zu mustergültigen Haushältern heranzieht und dann in die Welt hinausschickt. Als heimlichen Paralleljob zu seiner Arbeit als Haushaltsprofi betreibt er eine Suizid-Hotline - eine dargebotene Hand, die zum Selbstmord rät. Schließlich gerät er - der letzte lebende Zeuge dieser obskuren Sekte - in die Mühlen der Celebrity-Fabrik. Oder mit seinen eigenen Worten: "Stell dir vor, das sei jetzt ›Pygmalion‹ oder ›My Fair Lady‹. Nur umgekehrt." Als Erzählmotor im wörtlichen Sinn dient ein Flugzeug, das auf den Crash zurast, die Seitenzahlen und auch der Kapitel- Countdown laufen rückwärts, auf eins zu. Der Roman kommt als Diktat aus der Black-Box daher. Es geht also um eine Neuauflage des Scheherazade-Motivs, erzählt wird in einer tödlichen Gefahrenzone, um das Sterben hinaus zu zögern. Aber da das Flugzeug so oder so crashen wird, reicht Erzählen allein nicht zum Überleben. Zusätzliche Tricks sind gefragt.

Diese ganz neu radikalisierte alte Verschränkung von Schreiben, Zeichen, Tod und Überleben - im Originaltitel heißt das Buch bezeichnenderweise Survivor (1999) - schlägt sich im Rhythmus und der Vehemenz des Textes nieder. Sowieso ist Palahniuks Literatur immer auch wütend rappende Thesenpoesie. Getrieben von kurzen, prägnanten Sätzen. Emphatisch und hysterisch um Schmerz, Zerstörung und Versehrtheit kreiselnd. Das will zumindest von der Schreibweise her cool und Pop sein, keine Frage. Aber mit dunklen Rändern und Rissen - und im Zerrspiegel eines schrillen, rabenschwarzen Humors.


Der vermeintliche Nihilist Palahniuk kann aber auch altmodische Töne anschlagen. Sein todeslustiger Sarkasmus über die schiefe Lage der Dinge ist zwar stets ein wichtiger Wesenszug seiner Bücher, und so verständigt er sich auch mit seinen Lesern. Doch zum Schluss sind wir ganz woanders. Nämlich beim beherzten und sehr ernsthaften Versuch, eine verrückt und unverständlich gewordene Welt wieder kenntlich zu machen - und sei es in der Überzeichnung. Denn eigentlich ist Palahniuk ein eingefleischter Romantiker, der diese Welt und die Menschen als etwas Großartiges und Staunenswertes erfinden möchte, indem er neue Sinnbilder und Geschichten für unerlöste alte Sehnsüchte und verschüttete Begierden findet. Die systematische Selbstzerstörung und der unzimperliche Zynismus seiner Charaktere sind das eine. Dahinter lauert der Wunsch nach Erlösung aus dem tötenden Einerlei. Darüber spannt sich meistens, als letztes Refugium, der Bogen und Umweg einer Liebesgeschichte, eines Zusammenprallens zweier Menschen. Aber ohne Zuckerguss. "Meine Romane sind alle romantische Komödien - mit sehr dysfunktionalen, abgründigen Charakteren", sagt Palahniuk. In Fight Club klingt das dann so: "Ich will eine Abtreibung von dir" - die Liebeserklärung auf postromantisch.

Auch der Roman Das letzte Protokoll (Diary 2003) - der mittlere Teil einer dreiteiligen "Neuerfindung des Horrorromans" - wird im Innersten von der Liebe zwischen zwei (halb)toten Männern zusammengehalten. Eigentlich handelt die Geschichte aber von der Malerin Misty Wilmot und von ihrem Ausbruch aus dem von einer gewalt- und geldgierigen Tradition vorgeschriebenen Opferritual. Dabei geht es auch um eine präzise Entlarvung der gerade in den USA äußerst beliebten Rags-to-Riches-Aufstiegsgeschichte, die - über reale Armut frivol hinwegtäuschend - behauptet, dass der amerikanische Traum schließlich jedem die Chance gebe, ein Star zu werden. In diesem Fall eben der Malerin Misty Wilmot, die aus mausarmen Verhältnissen stammt, und deren verhüllte Bilder die Menge und die Medien derart magisch anziehen, dass diese sich ob des brennenden Wunschs, die Gemälde endlich zu sehen, in eine tödliche Falle locken lassen.

Womit wir zurück beim Stendhal-Syndrom, also der Kunst als eines psychosomatischen Wirkungsfeldes wären. Dieses spielt auch in Lullaby, dem ersten Teil dieser Trilogie des Grauens, eine zentrale Rolle. Und zwar in krass verschärfter Form: Der Protagonist ermittelt als Journalist Fälle von rätselhaftem Kindstod und stößt dabei auf ein afrikanisches Wiegenlied, das die ahnungslosen Eltern ihren Kindern als Gute-Nacht-Gedicht vorgetragen hatten. Als ob Worten tatsächlich ein böser Zauber innewohnen könnte, liegen sie am anderen Morgen leblos im Bett. Sie sind gleichsam in den Tod gelesen worden.

Der letzte Teil der Horrorreihe ist diesen Sommer unter dem Titel Haunted (deutsch: Heimgesucht) erschienen. Es ist eine Sammlung von neuartigen Gruselgeschichten - inklusive unheimlicher Rahmenhandlung. Die erste dieser Geschichten trägt Palahniuk gern an Lesungen vor. Nach seinen Berechnungen sind bereits über 60 Leute darob in Ohnmacht gefallen. Der Titel - Guts - bedeutet "Innereien", aber auch "Mut". Vielleicht die knappestmögliche Zusammenfassung von Chuck Palahniuks literarischem Programm.


Bücher von Chuck Palahniuk

Der Simulant. Roman. Deutsch von Werner Schmitz. Goldmann-Taschenbuch, München 2002, 317 S., 8,90 EUR

Flug 2039. Roman. Deutsch von Werner Schmitz. Goldmann-Taschenbuch, München 2003, 313 S., 8,90 EUR

Fight Club. Roman. Deutsch von Fred Kinzel. Vorwort übersetzt von Werner Schmitz. Goldmann-Taschenbuch, München 2004, 253 S., 7,95 EUR

Lullaby. Roman. Deutsch von Werner Schmitz, Blanvalet, München 2004, 254 S., 9,90 EUR

Das letzte Protokoll. Roman. Deutsch von Werner Schmitz, Goldmann, München 2005, 283 S., 19,90 EUR

Bis jetzt nur auf Englisch:

Invisible Monsters. Novel. Vintage, New York 1999, 278 S., 13,95 EUR

Non-Fiction. Short Novels. 233 S., 12, 40 EUR

Haunted. Roman. Random House, New York 2005, 538 S., 17,90 EUR

Offizielle Homepage: www.chuckpalahniuk.net

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00:00 28.10.2005

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