Fleischarbeit

Im Kino Ruth Maders schmerzstilles Migrantendrama "Struggle" aus Österreich

Wer von der Prostitution als dem ältesten Gewerbe der Welt spricht, dem dient der Verweis auf den Warencharakter der käuflichen Liebe als Kritik an der Moral. Nimmt man das Argument wörtlich, lässt es sich dagegen als Kritik an der kapitalistischen Organisation von Arbeit verstehen. Dann ist Prostitution das Ideal einer Ich-AG: Die Prostituierte ist selbständig, theoretisch unabhängig, ungemein flexibel, hat geringe Betriebskosten und einen unersättlichen Markt. Schließt man daraus, dass Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen grundsätzlich prostitutiv ist, bliebe wiederum nur ein Problem: die Moral. Wobei - und das wäre das Unangenehme - man sich nicht fragen müsste, ob der Verkauf von Sex moralischen Vorstellungen widerspräche, sondern ob der Kapitalismus es tut und damit die Gesellschaftsform, in der wir leben.

Die österreichische Regisseurin Ruth Mader hat mit Struggle einen Film gedreht, der solche Fragen aufwirft, ohne sie zu stellen. Struggle ist kein gesellschaftskritisches Pamphlet, sondern einer Ästhetik der Zurückhaltung verpflichtet, wie man sie aus Filmen von Angela Schanelec oder Ulrich Köhlers Bungalow kennt: einem dokumentarisch anmutendem Stil, der mit wenig Handlung, beinahe ohne Dialog auskommt und dem das Beobachten seiner Figuren mehr bedeutet als ihre Inszenierung zu Charakteren. Nur langsam wird die junge Polin Ewa (Aleksandra Justa) zur Protagonistin, man erfährt nicht mehr über sie als über ihre Landsleute, die im Bus nach Österreich sitzen. Ewa unterscheidet sich darin, dass sie ihre Tochter mitgenommen hat. Der Bus bringt die Frauen und Männer jeden Alters zur Erdbeerernte in den Westen, sechs Wochen, 25 Cent pro Kilo. Es muss nicht im Akkord gepflückt werden, sagt ein Einweiser, und wer 200 Kilo am Tag schafft, für den sind das 50 Euro. Wer 200 Kilogramm am Tag schaffen will, kann nicht oft pausieren, und dennoch verspricht die Fronarbeit auf dem Feld mehr als die Heimat bieten kann. Auf der Rückfahrt entläuft Ewa mit ihrer Tochter am letzten Rastplatz vor der Grenze in den Wald. In den nächsten Tagen steht sie gemeinsam mit anderen Schwarzarbeitslosen an einem Fahrbahnrand vor der Stadt, an dem die Arbeitgeber wie Freier halten: Kannst du putzen? 30 Euro.

Ruth Mader zeigt ausführlich die Arbeit - das Erdbeerpflücken, das Staubabwischen, das Swimmingpoolreinigen, das Fleischverarbeiten. In der ungerührten Darstellung liegt die erschütternde Wirkung von Struggle, weil die ungeschminkte Arbeit alle sozialen Träume platzen lässt. Bei Arbeit denkt hier niemand an Tariflöhne oder Steinkühler-Pausen, an Betriebsräte oder Weihnachtsfeste, sondern allein an das Geld, das man dafür bekommt. Zwischenmenschliche Beziehungen gibt es nicht, weil Einsamkeit die Voraussetzung von Flexibilität ist, wie sie auf dem illegalen Arbeitsmarkt verlangt wird. Der Mangel an Zuneigung, der anonyme Umgang miteinander, kurz: das geschäftliche Verhältnis von Menschen untereinander ist die Grausamkeit, für die der Film die stärksten Bilder findet. Vom Kontrolleur, der während Ewa ihre Erdbeeren aus dem Korb auf die Waage legt, ebenfalls in den Korb greift, um die schlechten Früchte auszusortieren, was seine Arbeit ist, aber wie Sabotage wirkt. Vom Fleischverarbeiter, der seine Arbeitskräfte per Fingerzeig auswählt und sie in dem fensterlosen Transporter mitnimmt, der für das tote Fleisch geeignet ist. Der Umgang mit dem Arbeiter, wie ihn Struggle ausstellt, ist barbarisch, aber Ewa wird nur eine Szene gegönnt, in der sie verzweifelt weinen darf, in der sie nicht mit disziplinierten Gefühlen gezeigt wird. Der Film klagt nicht an, er führt vor, und manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass Ruth Mader deshalb so hart schneidet, so abrupt erzählt und so distanziert fotografiert, weil man die Trostlosigkeit, von der sie berichtet, anders nicht aushalten würde im Kino.

Die zweite Hälfte des mit 74 Minuten recht kurzen Films rückt unvermittelt Marold (Gottfried Breitfuß) in den Mittelpunkt, einen Immobilienverwalter leerer Häuser. Marold ist allein wie Ewa, aber nicht einsam in ihrem Sinne: Er hat seine Wohnung, sein Auto, er kann sich Liebe kaufen oder auch eine Frau mit Kind, wie sich am Ende herausstellt, wenn er mit der frisch blondierten Ewa und ihrer Tochter durch die strahlend-klimpernden Einkaufswelten spaziert. Marold mag man nicht im Gegensatz zu Ewa, weshalb Liebe wohl das falsche Wort ist für die Beziehung. "Sieh zu, dass du im Leben vorankommst, sonst endest du als Prostituierte", hat Marold seiner leiblichen Tochter geraten, nachdem sie ihm auf die Frage nach einem Freund mit Nein geantwortet hatte. So gesehen ist Ewa vorangekommen.


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00:00 22.10.2004

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