Fleiß und Ausdauer

Schwieriger Berufseinstieg Der typische Bachelor-Student arbeitet sechs Semester streng nach Plan - ohne Zeit für Praxiserfahrungen

Über den Bachelor meckern die Humboldt-Nostalgiker, die noch nicht begriffen haben, dass zweieinhalb Millionen Studierende nicht auf der Suche nach Erkenntnis und Vervollkommnung der Persönlichkeit sein können, sondern dass viele von ihnen ganz schlicht gute Startpositionen einnehmen wollen beim Wettlauf um einen befriedigenden und gut bezahlten Job. Genau für diese Studierenden, so heißt es, sei der Bachelor geschaffen worden: Im sechs-semestrigen Schnelldurchlauf zum Examen. Für ein intensives Studium ohne zeitraubende Umwege wird man belohnt mit einem berufsqualifizierenden Abschluss, denn genau das, so heißt es, soll der Bachelor-Grad sein.

Doch wer hofft, die alte Burschenherrlichkeit oder die verschworene Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden - beides gibt es sowieso nicht mehr - eingetauscht zu haben gegen ein marktgängiges Zertifikat, der sieht sich getäuscht. Die Unternehmen stellen Bachelor-Absolventen nur zögerlich ein, und wenn, dann im Durchschnitt für 1.000 Euro im Monat weniger als Menschen mit Diplom, die zumindest auf dem Papier nur zwei Semester länger studiert haben. Das mögen ja nur Übergangsprobleme sein, die spätestens dann beseitigt sein müssten, wenn ab 2010 an deutschen Universitäten überhaupt keine Diplome mehr vergeben werden, sondern nur noch Bachelor- und Master-Zeugnisse.

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung lässt nun daran zweifeln, ob das deutsche Bachelor-Konzept überhaupt dazu taugt, Hochschulabsolventen besser als die alten Diplome auf den Beruf vorzubereiten. Die Studie untersucht das Job-Verhalten von angehenden Ingenieuren an den Universitäten in Berlin, Dortmund und Aachen, die noch nach der alten Diplom-Studienordnung studieren. Hauptziel der Untersuchung war herauszufinden, ob und wie man jobbende Studenten schon an einschlägige Industriegewerkschaften binden kann. Drei Viertel der Studenten arbeiten neben dem Studium, die meisten davon, nämlich 85 Prozent auch während der Vorlesungszeit. Im Schnitt arbeiten sie 14 Stunden in der Woche, und die meisten geben an, dass sie es müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die gleichzeitig befragten Professoren dieser Studenten hatten zum größten Teil keine Ahnung davon, und schon gar nicht wussten sie etwas darüber, wo und was ihre Studenten denn da arbeiten.

Nun wäre es aber falsch zu glauben, dass die Job-Studenten durch gleichgültige und entfremdete Lohnarbeit vom sinn- und lustvollen Studieren abgehalten würden, im Gegenteil. Dreiviertel von ihnen geben an, dass ihre bezahlte Lohnarbeit einen Bezug zum Studium habe und es ihnen ermöglichen würde, Qualifikationen zu erwerben, die sie im Studium ebenso wie im späteren Beruf brauchen. Die Mehrzahl von ihnen sagt, dass sie im Job viel häufiger die so genannten Soft-Skills erwerben würden als im Studium, also Methoden- und Sozialkompetenzen, die heute allenthalben gefordert werden und für deren Erwerb ja an den Unis noch Extrakurse eingerichtet werden. Sie glauben, dass sie über ihren Job auch einen besseren Einstieg in eine spätere Beschäftigung finden würden. Das bestätigte auch die Befragung von Unternehmensvertretern, die parallel dazu durchgeführt wurde: Neben den Studienleistungen interessieren sich die Personalverantwortlichen dafür, was Bewerber in ihren Jobs an sozialen Kompetenzen erlernt haben, einmal abgesehen davon, dass sie Menschen bevorzugen, die schon in ihrer Firma gearbeitet haben.

Ein ordentlicher Bachelor-Student wird für diese Erfahrungen gar keine Zeit mehr haben. Er muss 1.800 workloads im Jahr erbringen, um dafür 60 Credits zu bekommen - für alle Nicht-Studiengangsplaner: 1.800 Arbeitsstunden, macht eine 38-Stunden-Woche an der Uni, damit man das Semester angerechnet bekommt. Alles ist genau durchgeplant, damit er oder sie keine Stunde Zeit auf dem Weg zum Bachelor verliert. Weder im Studium noch im Job wird er die Erfahrung machen können, einen eigenen Weg zu finden, der noch nicht von Studienordnungen eingezäunt und mit workloads und Credit-Points gepflastert ist. An die Stelle der selbst organisierten Praxis-Erfahrungen treten neue Kurse, in denen Sozialkompetenzen auch abgetestet werden können, damit man dafür Punkte bekommt. Und wer, wie die Mehrheit der Studenten, auf das zuverdiente Geld angewiesen ist? Der muss einen Kredit aufnehmen oder auf das Studium verzichten.

Der typische Bachelor-Student wird also sechs Semester streng nach Plan arbeiten. Er wird Fleiß und Ausdauer lernen. Für die Wissenschaft taugt er nicht, dazu braucht man ja den Master-Grad. Und für die Berufspraxis? Die hat er ja während des verschulten Studiums noch nicht kennen lernen können. Da steht er nun, der arme Tor, heißt zwar nicht Magister oder Doktor gar, aber immerhin Bachelor, an seinem ersten Arbeitsplatz und wird fragen, wo denn jetzt sein Arbeitsplan sei. Denn das ist er ja gewohnt, dass er den in die Hand gedrückt bekommt.


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00:00 15.09.2006

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