Flexibel Festgelegt

"Sie müssen aber zusammen bleiben", erklärte mir die Verkäuferin am Fahrkartenschalter. Damit meinte sie mich und meinen Mann. Seltsame Bedingungen ...

"Sie müssen aber zusammen bleiben", erklärte mir die Verkäuferin am Fahrkartenschalter. Damit meinte sie mich und meinen Mann. Seltsame Bedingungen stellt das Tarifwesen der Deutschen Bahn den Kundinnen und Kunden. Zumutungen dieser Art muss man allerdings nur dann in Kauf nehmen, wenn man die Tickets günstig bekommen will. Ich erwarb also dieses günstige Ticket in den Norden und zurück, obwohl ich dabei immer das Gefühl hatte, in ein logisches Loch zu stolpern. Wenn eine Hin- und Rückfahrt fast genau so viel kostet, wie eine einfache Hinfahrt, und man dabei auch noch zusammen bleiben muss, das alles beleidigt das Individuum in der Ausübung jener Funktion, die es so erhoben hat in der Hierarchie der Wesen - im Denken nämlich.

Seit Jahren trage ich Beweise für die These zusammen, dass sich zwei Phänomene in dieser Gesellschaft andauernd in die Quere kommen. Das erste ist die ständig erhobene Forderung nach Flexibilität und Spontaneität. Das zweite sind die ebenfalls und überall lauernden Anreize, genau diese hochgepriesenen Tugenden aufzugeben zugunsten günstiger Tarife, Mieten, Leasing- und Zinsraten und was der Teufel noch alles. Wie ein Kampf Gut gegen Böse muten mich diese ständigen Versuche an, jeden eigenen Impuls aus Menschen hinauszumanipulieren, bis dass er oder sie tut, was für sie geplant ist.

"Dies alles will ich dir geben, wenn du niederkniest und die Kundenkarte, das Billigticket und das Jahresabonnement für den Fitnessclub anbetest." So höre ich einen Satan sprechen, der uns um die Tugend der Flexibilität bringen und zu geldsparenden Schritten der Festlegung verleiten will. "Sie müssen aber zusammenbleiben - hieß es schon beim Ticketkauf". Ich sag´s ja, nicht mal einen spontanen Allerweltsstreit kann ich mir jetzt auf der Reise in den Norden leisten. Ich könnte nicht wutentbrannt aussteigen, denn dann wäre der Weitertransport ein teures Unterfangen. Dieses Planungssystem erzwingt allergrößte Hinterlist, denn einen Streit müsste man dann planen und zwar so, dass der Kontrahent zu spontanem Handeln gereizt und gedrängt wird, man selbst aber im Besitz einer Fahrkarte bleibt.

Eine Welt vorausgeplanter Rankünen und Reaktionen. Und die gute alte Ehe, sie ist ja am Ende vielleicht die Urmutter dieses bösen Tausches von Ungebundenheit und plötzlichen Sinneswandeln gegen biedere Beständigkeit und kostengünstige Versorgung. Der flexible Mensch - ein Horrorbild von einem kritischen Soziologen entworfen. Es gibt ihn ja eigentlich gar nicht. Es gibt Fahr- und Dienstpläne, es gibt die Knaus-Ogino-Tabelle, es gibt Ladenschlusszeiten und ein System von Leitplanken, die unser Leben vor Spontaneität und Chaos bewahren.

Spontan und flexibel reagieren können nur Menschen, die sehr reich sind. Stimmt das? Reiche Leute haben den nächsten "jour fixe" zur Wohltätigkeit zu bedenken und überall lauern Habenichtse, die verhindern, dass sie einfach die Tür hinter sich zuknallen, ohne die Alarmanlage anzuschalten.

Also doch andersrum - nur wirklich Arme können spontan und flexibel sein. Auch nicht, auch sie haben Termine bei den Wohltätern und Verwaltern ihrer Armut wahrzunehmen. Jedenfalls in unseren Breiten.

Jetzt habe ich es - flexibel sein sollen alle Arbeitgeber in dieser Welt, die sollen verfügbar und auf dem Sprung bleiben. Festgelegt sein sollen alle jene, die als Verbraucher irgendwo schon an der Angel hängen. Stimmt das nun wenigstens? Ich weiß es nicht, ich bin wohl auch schon zu festgelegt.

00:00 27.12.2002

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