Fliegen muss sein, sagt der Vielflieger

Klima Von Politikern die Kerosinsteuer zu erwarten, ist wie darauf zu hoffen, dass die Raucher das Rauchverbot fordern
Fliegen muss sein, sagt der Vielflieger
Chemtrails gibt es nicht. Aber auch die normalen Kondensstreifen schaden uns leider – indirekt

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Von 1958 an wurde es voll im Himmel. Es war das Jahr, in dem die Economyclass eingeführt wurde und endlich auch Menschen mit dem Flugzeug reisen konnten, die nicht Champagner zum Frühstück tranken. Mittlerweile fliegen auch die, die Dosenbier frühstücken. Die Zahl der Passagiere, die jährlich in Deutschland in ein Flugzeug steigt, hat sich seit 1997 fast verdoppelt, auf 119 Millionen Menschen. Richtig, das sind mehr Menschen, als in Deutschland wohnen. Das ist so, als würden alle Deutschen und fast alle Polen zusammen in den Urlaub fliegen. Jedes Jahr. Das ist zwar irgendwie auch eine schöne Vorstellung, besser wäre es aber, wir führen alle zusammen mit dem Zug.

Der Anteil des Flugverkehrs an den globalen C02-Emissionen beträgt zwar nur drei Prozent, das viel größere Problem sind aber die Kondensstreifen, die sich hoch oben am Firmament manifestieren. Weil die vom Himmel eh nicht mehr wegzudenken sind, nahm die Weltvereinigung der Meteorologen sie vor zwei Jahren in den Wolkenatlas auf, unter dem Namen „Homomutatus“, Lateinisch für „vom Menschen gemacht“. Nein, der Name ist kein Hinweis darauf, dass es sich hierbei um Chemtrails handelt, mit der uns eine verschworene Elite heimlich vergiftet, schaden tun uns die Streifen aber schon. Denn unsere schönen selbst gemachten Wolken heizen das Klima leider an, anstatt es – wie alle anderen Wolken – zu kühlen. Die wahre klimatische Belastung des Flugverkehrs könnte deswegen bis zu dreimal höher sein.

Angesichts dessen leuchtet es ein, den Flugwahnsinn regulieren zu wollen. Man könnte zum Beispiel endlich mal eine Kerosinsteuer einführen, oder eine Mehrwertsteuer für Auslandsflüge. Oder Inlandsflüge streichen. Aber das ist von den deutschen Politikern leider ähnlich viel verlangt, wie von einem Raucher ein Rauchverbot einzufordern oder von einem Spieler die Schließung aller Casinos. Sie verstehen, die Politiker hängen gewissermaßen selbst an der Nadel. Daran ist zu großen Teilen die damalige deutsch-deutsche Teilung schuld. Denn alle Bundesministerien haben immer noch einen zweiten Standort in der ehemaligen Hauptstadt Bonn. Weil die Bonner und Berliner sich viel und schnell sehen wollen, fliegen sie zueinander. Alle Ministerien verzeichneten im letzten Jahr 230.000 dienstliche Inlandsflüge – 630 am Tag.

Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen, stellte seinen Kollegen bis 2035 aber nun kühn einen kalten Entzug in Aussicht, er findet ein Inlandsflugverbot sei „möglich und erstrebenswert“. Das sieht aber ausgerechnet sein baden-württembergischer Parteikollege Winfried Kretschmann ganz anders. Die Politik dürfe den Menschen nicht vorschreiben, wie sie sich fortzubewegen hätten. Was er eigentlich meinte: Sie soll es ihm – Kretschmann – nicht vorschreiben. Denn er sagte auch noch: „Kurzflüge von Stuttgart nach Frankfurt oder München sind Unsinn, aber auf Flüge nach Berlin kann ich aus Zeitgründen nicht verzichten.“

Eine Bahnfahrt von Stuttgart nach Berlin dauert fünfeinhalb Stunden. Vom Staatsministerium in Stuttgart sind es acht Autominuten zum Bahnhof, in Berlin liegt das Regierungsviertel gleich neben dem Hauptbahnhof. Ein Flug von Stuttgart nach Berlin dauert eine Stunde und zwanzig Minuten. Die Autofahrten zwischen Flughäfen und Büros dauern zwanzig und dreißig Minuten, dazu kommt eine Stunde Warten vor Abflug. Macht insgesamt einen zeitlichen Unterschied von knapp zweieinhalb Stunden.

Zweieinhalb Stunden, die Herr Kretschmann im Zug sinnvoll nutzen könnte, indem er etwa eifrig an der Energiewende oder am Dieselverbot arbeitet. Oder er könnte verträumt die Homomutatus-Wolken am Himmel zählen, die sieht man ja aus dem Flugzeug so schlecht.

06:00 16.08.2019
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