Fliegende Wiesen

Kino Ava DuVernay hat den Jugendbuchklassiker „Das Zeiträtsel“ verfilmt. Sie setzt auf einfache Gefühle als Antwort auf Kinderfragen
Fliegende Wiesen
Haarverlängerer im Roggen: Während es im Buch um Wissenschaft geht, bietet der Film schick herausgeputzte Frauen

Foto: Walt Disney Pictures/Imago

Kinder zieren die geklonten Vorgärten des amerikanischen Wohntraums und lassen die Vorortsiedlung im Gleichklang erzittern: Wie Playmobil-Spielzeug prallen ihre Bälle gleichzeitig auf den Asphalt. Das dröhnt als gewaltiger Marschschritt nach, bis die Mütter aus den Häusern tänzeln und zum Abendessen hereinbitten. Die bonbonfarbenen Blusen, ihre unheimlich synchronen Schritte, das Ballspiel als starre Performance der isolierten Langeweile: Ava DuVernay kann in Das Zeiträtsel dann beeindrucken, wenn sie die reale Gesellschaft als Referenz für ihre Fantasiewelten nutzt. Leider verwehrt ihr das Drehbuch aber den dafür notwendigen Raum.

Die Verfilmung des Kinderbuchklassikers von Madeleine L’Engle kreist um die Familie Murry, insbesondere um Meg und ihren Bruder Charles Wallace, deren Eltern, die Wissenschaftler Kate und Alex, eine Theorie des Tesserakts erforschen: eine Energie, die Reisen durch das Universum möglich macht. Vier Jahre zuvor verschwand Alex während eines Experiments spurlos. Zum Jahrestag des Verschwindens folgt die Handlung der Protagonistin Meg und erzählt, dass sie durch das Unverständnis und den anhaltenden Schmerz über den verlorenen Vater zur Außenseiterin wurde. Sie wird gemobbt, stetig aber durch ihren jüngeren Bruder daran erinnert, Stärke im Selbstvertrauen zu finden, weshalb sie wortwörtlich zurückschlägt.

Eines Abends erscheinen den Geschwistern und dem Schulfreund Calvin im Garten drei Frauengestalten: Mrs. Whatsit (Reese Witherspoon), Mrs. Who (Mindy Kaling) in opulent ausgestatteten Kostümen und Oprah Winfrey als Mrs. Which, die überdimensional, gottgleich, zwischen den Wolken schwebend, ihre Arme zur Segnung positioniert. Die weibliche, transkulturelle Dreifaltigkeit hat es sich zum Auftrag gemacht, den Kindern bei der Suche nach dem Vater zu helfen und gemeinsam durch das Universum zu reisen.

Ein Auftakt, der Orte etabliert und dadurch die Neugier auf Figuren und Objekte filmischer Welten entfacht, kann zum visuellen Genuss werden. Es scheint hier aber, als habe die Künstlichkeit der computeranimierten Landschaften zu einer Lähmung der Fantasie geführt: hellgrüne Wiesen, gelbe Blumen, ein blauer See und im Gegensatz dazu glühende Kohle oder weiße Zellen. Die glatte 90er-Jahre-Videoclip-Ästhetik in übersättigten Farben hat kein Interesse an selbstständigen Entdeckungen der ZuschauerInnen.

Dieser abgesicherte Modus ist der problematische Kern des Films. So gibt es kein Vertrauen in die eigenen Bilder, genauso wenig wie Konzentration auf das Drehbuch; beides muss sich gegenseitig immer wieder ermüdend bestätigen: Erscheint ein schwieriger Weg vor ihnen, wird ausgerufen: „Das ist der einzige Weg.“ Entdecken die Kinder, dass sie fliegen können, rufen sie: „Ich fliege.“ Die Botschaft des Films wird schnell klar: Liebe kann vor dem Bösen bewahren. Eine Haltung zu diesem Gefühl, das der modernen Welt eher durch semantische Aufsplitterungen abhandenkommt, scheint zunächst sympathisch. Liebe, so will verkündet werden, beginnt bei jedem Menschen selbst.

Menschen als Marionetten

Doch worauf stützt sich diese Behauptung? Es hätte die Chance gegeben, sich herauszutrauen aus den Emotions-Wolken und die progressive Intention, die hinter der Besetzung der Figuren steht, ernst zu nehmen, ihr durch Sprache Kraft zu verleihen. Wenn sich Mrs. Who nur in Zitaten ausdrückt und diese entweder zusammenhanglos oder offensichtlich eingesetzt werden, zeigt sich die sprachliche Limitierung der Figuren, deren Behauptungen deshalb leer bleiben. Auch ihre Bewegungen und Gesten werden durch überladene Masken und Kostüme ausgebremst.

Alles Böse, das auf der Welt existiert und im Universum parallel dazu als „Es“, in Form einer schlingernden schwarzen Herzmuskulatur, durch die Kinder neue Kraft gewinnen möchte, bleibt schematisch. Es ist die alte Tragödie, die sich zwischen Gut und Böse entspinnt, doch hier findet diese Konstruktion eine noch mehr verkürzte Aktualisierung. Der Film erklärt anhand als böse codierter Verhaltensweisen und Eigenschaften der Menschen: „Das kommt davon.“ Eine vorgefertigte Moral in großen Dosen und verkürzte Urteile werden als kindgerechter Ansatz verkauft.

Menschen verkommen in Das Zeiträtsel so zu Marionetten in einer von höheren Kräften bestimmten Lebenshandlung. Es lässt einen wütend zurück, wenn eigenständiges Handeln vor allem in Kinder- und Jugendfilmen so banal verklärt wird. Anstatt Interesse für das Abstrakte zu entfachen, wird ihnen ein einfaches, märchenhaftes Schicksal übergestülpt. Die Buchvorlage hat dagegen emanzipatorische Stärke: Es ist die Mutter, die nach dem Verschwinden des Vaters die Forschungen vorantreibt und die Kinder daran teilhaben lässt.

Umso verwunderlicher ist es, dass Rolle und Funktion der Wissenschaften im Film verschwinden und als Höhepunkte fliegende Blumenwiesen oder die Äußerlichkeiten der Frauen inszeniert werden. Dabei geht es keineswegs um die Forderung nach einem lehrreichen Film – es geht darum, Begeisterung durch Offenheit zu wecken; gesellschaftliche Zustände nicht bloß in binäre Wertevorstellungen zu pressen, sondern sie kritisch zu hinterfragen.

Dann wäre deutlich geworden, dass die Kunst der Wissenschaft darin liegt, Selbstvertrauen als Prozess des eigenen Denkens zu begreifen – und nicht bloß als Gefühlsschalter, der eine Universallösung bewirkt.

Info

Das Zeiträtsel Ava DuVernay USA 2018, 110 Min.

06:00 08.04.2018

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