Flohmarkt

A–Z Beim Stöbern und Vergleichen, beim Bieten und beim Feilschen sind eben alle Menschen gleich. Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 12/2016 3

A

Apps Wer Menschenmengen scheut (➝Facebook) und beim ➝Feilschen rot wird, kann sich inzwischen ganz in Ruhe auf digitalen Flohmärkten umschauen. Bei Ebay, dem größten aller Online-Marktplätze, wechseln schon seit über 20 Jahren kleinere und größere Schätze den Besitzer – die Definition liegt hier, wie bei den analogen Märkten, natürlich im Auge des Betrachters. Einer der ersten versteigerten Gegenstände war zum Beispiel ein kaputter Laserpointer.

Als Ebay-Gründer Pierre Omidyar den Käufer darauf hinwies, dass er für 14,83 Dollar ein defektes Gerät erstanden hatte, antwortete dieser glücklich: „Ich bin ein Sammler von kaputten Laserpointern.“ Während sich Ebay immer mehr zum schmuddligen Bruder von Amazon entwickelt, erscheinen ständig neue Apps. Die heißen Quoka, Shpock oder Stuffle und sind alle mehr oder weniger Ableger von Ebays Kleinanzeigen-Segment. Claudia Reinhard

D

Dialektik Auf Flohmärkten, denkt man, sind die Rollen klar verteilt. Während die Besucher kleine Kostbarkeiten für wenig Geld suchen, steht für die Anbieter im Vordergrund, überflüssiges Zeug loszuwerden und idealerweise Geld damit zu machen. Tatsächlich greift diese Charakterisierung aber zu kurz, zumindest wenn es sich bei den Verkäufern nicht um ausgebuffte Profis, sondern Freizeitkrämer handelt (➝Typen). Schon oft habe ich beobachtet, dass Flohmarktverkäufer ihre Stände auch gegenseitig besuchen, miteinander plaudern und sich untereinander Dinge abkaufen. Klar: Verkäufer wären ja keine, hätten sie nicht diese Schwäche für hübschen, preiswerten Plunder. Und den tauschen sie offenbar lieber gegen anderen hübschen, preiswerten Plunder ein, als ihn zu Geld zu machen. Um am Ende, beseligt über die Schnäppchen, mit mehr Zeug heimzufahren, als sie anfangs hatten. Sophie Elmenthaler

F

Facebook Ich hasse Flohmärkte. Das Gedränge, der Geruch, das Geschnatter (➝Zeitverschwendung). So blieben mir lange die tollsten Trödelschätze verborgen. Nun gibt es aber eine Facebookgruppe, die den herrlichsten Plunder anbietet. Einzige Regel: nur Frauen, kein Kinderkram. Manchmal sind die Geschichten hinter dem Tand origineller als die Objekte. Die meisten Frauen wohnen in Berlin und verabreden sich zu konspirativen Übergabeterminen, die oft weinselig ausgehen.

Oder es werden Kurierfahrten verabredet, um die Waren zwischen den Städten zu verteilen. Charmant werden Amazon und Zalando umgangen, und die Zweitverwertung bekommt hübsche Gesichter. Dankbar werden Fotos von glücklichen Neubesitzerinnen gepostet. Auch gibt es eine Liste mit Empfehlungen von „local dealern“, aus der man sich bei Bedarf Handwerker oder Änderungsschneiderinnen raussuchen kann. Elke Allenstein

Feilschen Jedes Kind weiß, dass Preisverhandlungen zum Flohmarkt gehören wie verstaubte Videokassetten, vergilbte
Wandteller und bunte Hüllen für alte Nokia-Handys. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Alle Preise sind verhandelbar. Der Erfolg des Feilschens hängt deshalb von der Persönlichkeit der Verhandlungspartner ab. Die Verhaltenstheorie kennt Warriorsund Shopkeepers, wobei Erstere hartnäckige Knauser und Letztgenannte nachgiebige Händler sind.

Folgt man dem Mathematiker und Spieltheoretiker John Nash, zeichnet einen guten Feilscher die Fähigkeit aus, den
Nichtübereinstimmungspunkt seines Gegenübers so präzise abzuschätzen, dass dieser haarscharf nicht erreicht wird. Mit anderen Worten: Der Flohmarktveteran kennt die Schmerzgrenze des anderen und weiß, wie fest er die Daumenschraubenanziehen kann (➝ Promis), ohne dass
es zu sehr schmerzt. Der Flohmarkt hat daher auch eine pädagogische Dimension. Kinder lernen dort schnell, wie sehr der Wert von Gegenständen beeinflusst werden kann. Joseph Möller

G

Geschichte Eine Erklärung für die Entstehung des Flohmarkts geht auf Napoleon zurück, der seinerzeit Krämer aus ihren Geschäften warf, als er die Pariser Straßen in Alleen verwandelte. Diese mussten sich nun mit dem Handel unter freiem Himmel begnügen. Die slumartigen Zustände führten rasch zu dem Spitznamen „marché aux puces“, Markt der Flöhe. Eine weitere Erklärung sieht im Flohmarkt Reste eines karitativen Brauchs: Fürsten verteilten Altkleider an die Bevölkerung, die sogleich mit den Luxusstoffen Handel trieb (➝Dialektik). Der Hermelinmantel als Nebenwährung, sozusagen. Nicht auszuschließen, dass man Flöhe mitkaufte. Flöhe sind auf Flohmärkten heute eher selten, Hermeline allerdings auch. Joseph Möller

H

Harlem Vor sechs Jahren lebte ich in New York und kaufte mir auf einem Flohmarkt in Harlem ein italienisches Vintage-Rennrad (➝Retro). Völlig heruntergerockt handelte ich es auf 50 US-Dollar runter und radelte damit, nachdem ich es wieder repariert hatte, gern durch Manhattan und Brooklyn. Zwei Jahre später ging ich wieder zum Flohmarkt. Allerdings nicht in den USA und auch nicht, um etwas zu ersteigern, sondern in der Hamburger Schanze, um Dinge loszuwerden. Und zwar fast alles, was ich zu dem Zeitpunkt besaß. Warum? Konsumkritik, die Erkenntnis, dass ich nicht viel brauche, vor allem nicht auf meinen vielen Reisen – genau kann ich das mit wenigen Worten nicht erklären. Aber auf alles kann auch ich nicht verzichten. Etwa auf mein Rennrad, mit dem ich nach wie vor durch die Welt düse. Katharina Finke

K

Kater Betrunkene Flohmarktbesuche direkt nach dem Ausgehen können dazu führen, dass man im berauschten Zustand Dinge ersteht, die nach dem nächsten Aufwachen ehrliche Verwunderung hervorrufen. Beispielsweise wenn es sich dabei um ein 20-teiliges Teeservice aus den 1970er Jahren handelt oder um eine lebensgroße Plüschversion des Pink Panther. Etwas berechenbarer sind verkaterte Flohmarktbesuche. Noch etwas müde durch die Reihen schlurfen, bewaffnet mit Sonnenbrille und einem frisch gepressten Orangensaft, wurde dies für mich während meiner Zeit in Wien zum samstäglichen Boheme-Ritual.

Verzaubert vom Ostblockcharme des Naschmarkt-Flohmarkts kaufte ich Stiefel von keck mit ihren Goldzähnen funkelnden ➝Typen, stets mit der Faustregel: Nie mehr als drei Euro fürs Paar. Man traf Freunde und kehrte schließlich mit Schätzen wie einer Lenin-Büste aus Kunstharz ins nahegelegene Café Drechsler ein, wo man bei Specklinsen und einem Reparaturseiterl (kleines Bier) die Ereignisse der vergangenen Nacht Revue passieren ließ. Sophia Hoffmann

P

Privatsphäre Auf Flohmärkten lauert ein Spannungsverhältnis (➝Dialektik). All die Besonderheiten üben ihren Reiz aus, gleichzeitig dringt man aber ständig in die Privatsphäre unbekannter Menschen ein. Die Fotoalben, die ein ganzes Leben bebildern, die Notizbücher, die Kalender, die von Zahnarztterminen und Rendezvous zeugen. Man steht davor und fragt sich: Geht mich das was an, oder ist das Voyeurismus? Wie fände es Onkel Ernst, wenn er wüsste, dass seine Postkarte aus Rimini an Tante Ella jetzt in einem Schuhkarton verkauft wird? Bei allen Hemmungen ist die Neugier aber eben auch immer groß, das Leben der anderen ist einfach spannend. Und inspirierend. William Boyd zum Beispiel bebilderte seinen neuen Roman Die Fotografin mit Fotos, die er sich auf Flohmärkten zusammengesammelt hatte. Benjamin Knödler

R

Retro DDR-Kinderwagen, 50er-Räder, Rock-’n’-Roll-Revival: Die Retrowelle rollt und rollt. Gern wird der Quark mit Rückgriff aufs schon Dagewesene – selbst Joghurt wird wieder stichfest angeboten – auch als Vintage verklärt. Was ist so erlesen, denn das bedeutet das Wort, an Yps und Super-Mario, Petticoats und Holzfällerhemden? Die Macht der Gewohnheit und die Erzählung, dass früher alles besser war. Dass dieser Konservatismus mit Chic im alternativen Milieu populär ist, wundert nicht. Vertrauter Kram aus Kindheitstagen und Papas Gesichtsfrisur, das macht das Leben übersichtlich. Und der Euro mehr für das Design unterstreicht den eigenen Status. Das neue Biedermeier (➝Geschichte) ist eben auch nicht besser als das alte. Tobias Prüwer

T

Typen Flohmärkte sind soziale Schmelztiegel, offen für jedermann. Studierende kaufen alles, was nicht nach dem Haushalt ihrer Eltern aussieht. Oder das, was sie von dort vermissen: „Wir brauchen dringend ein Brotmesser!“ Junge Mädchen stürze sich auf verwaschene Pullover von H&M, weil die dann ja irgendwie Vintage sind. Freaks, meist über 30 und männlich, leben ihre Spleens offen aus: „Verkaufen Sie auch Unterwäsche?“ oder „Ich suche Damenstrumpfhosen aus Nylon – gern getragen“ (➝Privatsphäre).

Die Sammler kommen, wenn man noch im Halbschlaf seinen Stand aufbaut, und spulen ihre Wünsche ab: „Haben Sie Fotoapparate, Uhren, Gold- und Silberschmuck oder Meißner Porzellan?“ Eltern hassen es, wenn durchgenudelte Kuscheltiere die Herzen ihrer Zöglinge erobern, Lego sieht nach einem Spülgang doch eher aus wie neu. Trüffelschweine scannen jahrelang Stände ab, nach der Bibi-Blocksberg-Kassette oder dem Überraschungseier-Bausatz. Trittbrettfahrer fragen frech, ob man für sie Sachen mitverkauft. Wenige greifen in die Umsonstkiste und nehmen mit, was sie tatsächlich brauchen oder sich sonst nicht leisten würden. Sarah Alberti

Z

Zeitverschwendung Wer den Erwerb von Materie als Freizeitspaß und nicht als notwendiges Übel betrachtet, der mag auch Flohmärkte. Dort bieten Menschen Dinge feil, die fast im Müll gelandet wären, der Preis muss langwierig erfeilscht werden und der Aufenthalt zwischen drängelnden Menschen und chaotisch präsentiertem Krempel dauert stets gefühlte drei Tage. Online-Shopping (Apps) fühlt sich da im Vergleich wie ein Fußbad in einem eiskalten Gebirgsbach nach einer langen Wanderung an. Unter dem Aspekt des Lebensqualitätsverlusts liegt ein Flohmarktbesuch irgendwo zwischen „Ikea am Samstag“ und nächtlichem Dumpster Diving, wird also vermutlich von der CIA als Foltermethode eingesetzt und ist von der UNO geächtet. Uwe Buckesfeld

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00:00 06.04.2016

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