Flucht aus der Empirie

Ferndiagnose In seinem Buch über 1968 ruiniert der Historiker Götz Aly mit einer Mischung aus Küchenpsychologie und Denunziation seinen wissenschaftlichen Ruf

Götz Aly ist ein ausgewiesener Historiker. Sein neues Buch handelt - wie momentan viele Neuerscheinungen - von 1968. Als Historiker weiß Aly, was 1967/68 alles passiert ist. Es waren verrückte und allein durch die Zahl der Großereignisse außergewöhnliche Jahre. Aly zählt die wichtigsten auf: Dutzende von Befreiungsbewegungen kämpfen weltweit, die Obristen putschten in Griechenland, 500 Tote bei Studentenunruhen in Mexiko, Aufstände von Schwarzen in den USA, die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, der Sechs-Tage-Krieg Israels, die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik, der Vietnamkrieg, der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei und obendrein eine weltweit agierende Protestbewegung von Studenten und Schülern gegen diese Zustände.

Natürlich hatten diese Protestbewegungen ihre nationalen Eigenarten, aber sowohl in den Formen und Inhalten ihres Protests wie auch in den wichtigsten politischen Forderungen glichen sie sich stark. Das weiß auch der Historiker Aly, aber der Buchautor Aly schlägt von der ersten bis zur letzten Seite einen anderen Weg ein. Für ihn ist die deutsche Protestbewegung vor allem deutsch und "in mancher Beziehung auch die Erbmasse der rechtsradikalen Studentenbewegung der Jahr 1926 bis 1933."

Oberflächenanalyse

Die 68er sind - so die These - die Söhne der 33er und das auf ziemlich verquere Weise. Das empirische Material, das Aly für die ausgreifende These beibringt, ist eher dürftig: "Die nationalsozialistische Studentenrebellion nannte sich ebenfalls Studentenbewegung." Ferner waren beide Bewegungen von Aktionismus geprägt, beide wollten Wohngemeinschaften, Chancengleichheit, Studieninhalte, die sich auf gesellschaftliche Relevanz reimen, sowie einen Bruch mit dem bürgerlich-großbürgerlichen Bildungsmonopol. Aly betont zwar, er ziele mit diesem Vergleich nicht "auf die Gleichsetzung von Rot und Braun", aber seine Konstruktion des Kampfes zwischen der "Generation Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" und der "Generation Heil-Hitler" beruht einzig auf oberflächlich und formal gleichen Eigenschaften.

Aly verzichtet auf eine Analyse der Unterschiede der beiden Bewegungen. Dem bloßen Formvergleich, den er anstellt, muss man nur eine Frage stellen, um ihn als medial-boulevardeskes Theater zu erkennen. Nationalsozialistische Studenten von 1933 wie Berliner Demonstranten von 1968 wehrten sich mit den gleichen Worten gegen polizeiliche Übergriffe und Prügelorgien. Aber was sagt das aus über die beiden Studenten- und Polizistengenerationen? Ohne inhaltliche und funktionale Differenzierung bleibt alles grau: Mörder und Chirurgen verwenden Messer.

Generationenkonstruktionen sind sozialwissenschaftlich gesehen ein extrem heikles Unterfangen. So beruht die feuilletonistische Rede über Generationen, wie Karl Mannheim 1928 und Eike Hennig jüngst im Blick auf die 68er gezeigt haben, weitgehend auf Zuschreibungen und Selbstzuschreibungen - je nach Bedarf positiv oder negativ akzentuiert. 1968 gab es in der Bundesrepublik 280.000 Studenten, fünf Prozent eines Jahrgangs. Der SDS hatte bundesweit höchstens 2.500 Mitglieder, selbst in Berlin gehörte bestenfalls ein Drittel der Studenten zu den Demonstranten, die nach 1969 in eine Vielzahl von politisch organisierten Gruppen zerfielen. Dass sich, wie Aly großspurig schreibt, "eine Generation auf den Revolutionstrip" begeben habe, ist haltloses Geraune.

Aly kümmert sich jedoch nicht um empirische Befunde und spricht durchwegs von "den" 68ern und "wir", so als hätte es sich bei denen um eine homogene Gruppe gehandelt. Wenn man aus Alys Kampfbuch versucht herauszufiltern, wen er meint, wenn er "wir" sagt, stößt man auf ganz kleine Einheiten wie die "Roten Zellen" und die "Proletarische Linke/Parteiinitiative", denen er selbst angehörte oder auf selbsternannte Avantgardeparteien wie "KPD", "KBW" etcetera. Alle diese sektenartigen Gebilde, die sich in kultureller Spießigkeit und politischer Vernagelung gegenseitig überboten, verband die Affinität zur rustikalen Ideologie des Maoismus.

Nur ein Beispiel für Alys Interpretation empirischer Befunde. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass 1968 rund vier Fünftel der Studenten dafür votierten, "dass die deutsche Politik sich von westlicher Bevormundung freimachen sollte." Daraus leitet Aly den folgenden spekulativen Schluss ab: "Im Antiamerikanismus überschnitten sich die Gedankenwelten der von Goebbels verformten Eltern und ihrer zu hartem Contra aufgelegten Kinder ... Die Wende zum Antiamerikanismus verlief als unkontrollierte, emotionalisierte, erst langsam, dann stark beschleunigte Rückwärtsfahrt." Abgesehen davon, dass 1968 kein politisch zurechnungsfähiger Student "antiamerikanisch" war, sondern allenfalls kritisch gegenüber dem die USA regierenden Personal und dessen "Politik aus der Luft" (so schon die FAZ vom 4.3.1965), lebt der Schluss von einer psychologischen Spekulation, die sich durch das ganze Buch zieht.

Aly kann nicht bestreiten, dass rund um 1968 zwischen Studierenden und ihren Eltern harte Auseinandersetzungen um die deutsche Vergangenheit und die Mitverantwortung dafür stattgefunden haben. "Zum Crash kam es in den Familien, beim Abendessen. Was immer die Eltern gewusst, wie immer sie sich verhalten hatten, sie reagierten hilflos. Sie schwiegen verstört, wütend, suchten nach Ausflüchten." Aly belegt das nicht näher, aber er stellt eine psychologische Ferndiagnose. Obwohl er eben noch massenhafte Familienkräche einräumte, schreibt er: "1967/68 wandte sich die Protestjugend von den familiengeschichtlich noch verstörend nahen NS-Verbrechen ab und verhüllte sie hinter dafür geeigneten Faschismustheorien ... Damit war die Flucht aus der historischen Verantwortung vollzogen."

Verwirrter Blick

Die ganze Protestbewegung erscheint in Alys von starken Ressentiments gegen Theorien und Intellektuelle geprägter Perspektive als "Schuldabwehr-Antisemitismus", worin die zerstrittenen Familien angeblich wieder zueinander fanden. Küchenpsychologisch funktioniert das so: Weil der Kampf gegen die Väter unentschieden blieb, richteten sich die Aggressionen danach gegen den Staat und die Staatsgewalt. Auch darin, dass sich der SDS in einer präzisen und politisch klugen Erklärung im Sechs-Tage-Krieg nicht auf die Seite des Eroberers und Siegers Israel stellte, sondern auf die Seite der Palästinenser und Flüchtlinge, zeige sich - so Aly - nur "die auf Schuldabwehr und Schuldübertragung gerichtete Tendenz des linken Antisemitismus." Will Aly dem Leser weismachen, der weltweite Protest sei ein Produkt deutsch-spekulativer Psycho-Historie gewesen? Das ist kein "irritierender Blick zurück", den der Untertitel verspricht, sondern ein rundweg verwirrter Blick.

Aly verweist auch in diesem Buch darauf, dass er sich nicht auf gedruckte Darstellungen verlasse, sondern in die Archive gegangen sei. Dieses Mal war der Gang in die Archive vergeudete Zeit. Was Aly da an Ministerialbeamtenlyrik und Verfassungsschutzprosa über die Protestbewegung zu Tage förderte, ist ein Berg von Belanglosigkeiten. Die Beamten merkten zum Beispiel, dass ein Teil der Studenten "den totalen Umsturz" plane oder dass nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg mehr Studenten demonstrierten als zuvor. Aktenfunde in dieser Preislage finden sich bei Aly auf Schritt und Tritt.

Alys Kampfbuch richtet sich pauschal gegen "die" 68er, vor allem aber gegen jene unter seinen ehemaligen maoistischen Weggefährten, die es irgendwie geschafft haben, politisch oder geschäftlich Karriere zu machen. Einige werden namentlich genannt, andere bleiben so anonym, dass jeder Insider merkt, wer gemeint ist. Nach Alys Motiven für dieses denunziatorische Verfahren zu fragen, hieße, sich auf das intellektuelle Niveau des Autors zu begeben.

Für den Historiker Aly könnten ein paar seltsame Fauxpas nachhaltige Wirkungen haben. Kein Leser ordentlicher Zeitungen bezeichnet heute die Übertragung der Macht an Hitler durch die gesamte konservative deutsche Elite noch als "Machtergreifung". Und während Aly in seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch noch über Hitlers "Gefälligkeitsdiktatur" improvisierte, tauft er sie nun situationsgerecht in "mörderische Jungenddiktatur" um, allein um sie mit der Jugendrevolte von 68 wenigstens in einen suggestiv-rhetorischen Zusammenhang bringen zu können. Mit solchen Mätzchen und substanzloser Polemik ruiniert Aly seinen Ruf ebenso wie mit Thesen wie der, die Vorliebe der 68er für Fremdwörter zeuge davon, dass sich diese "präpotenten Wahnsinnigen" von deutscher Sprache und deutscher Nation verabschiedeten. Es gab seitens vieler 68er eine unentschuldbare Toleranz gegenüber Exzessen auf dem Campus und ein ignorantes Wegsehen vom mörderischen Vandalismus in China und Kambodscha. Schlicht unredlich ist jedoch Alys Versuch, die gesamte Protestbewegung in Sippenhaft zu nehmen für den Schwachsinn der maoistischen Sekten und die mörderischen Taten der restlos Verblendeten bei der RAF, der Bewegung 2. Juni und den Revolutionären Zellen. Wenn es eine Strafe für unnötige Bücher gäbe, müsste man den Autor (und den Verlag!) dazu verurteilen, die verkauften Exemplare zurückzukaufen.

Götz Aly Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008, 247 S., 19,90 EUR

00:00 07.03.2008

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