Flucht und Elend des Dritten Reichs

Bühne Zwei Granden des Berliner Ensembles führen ein zeitloses Gespräch über Bildung, Demokratie und Pornografie sowie das traurige Schicksal großer Ideen

Ziffel zu Kalle: „Die schärfsten Dialektiker sind die Flüchtlinge... Wenn Sie zahlen können, sind Sie nirgends auf Nächstenliebe angewiesen.“ Zwei Granden des Berliner Ensembles führen ein zeitloses Gespräch über Bildung, Demokratie und Pornografie sowie das traurige Schicksal großer Ideen. Mit Manfred Karge und Roman Kaminski sind die Rollen perfekt besetzt. Karge als Ziffel, ein Hochgewachsener mit feinen Gesichtszügen, in feinem Zwirn und akurat frisiertem Scheitel, mimt die Rolle des bourgeoisen Akademikers. Im Kontrast dazu Kaminski als Kalle; untersetzt, zerfurchtes Antlitz, mit Klamotten und fettigen Haaren – ein Proletarier aus dem Bilderbuch. Der eine raucht Zigarre, der andere Tabak im Papier.

Es ist dunkel. Sobald das Licht angeht, entsteht etwas, das im zeitgenössischen Theater selten auftaucht: Aura. Auf der für das kompakte Stück (70 Minuten) völlig ausreichenden Probebühne verschwimmen Schauspieler und Figuren zu einer Präsenz, die keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass Brechts Text noch immer funktioniert. „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch“, sagt Kalle und fügt hinzu: „Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Der deutsche Pass zählt neben den skandinavischen und kanadischen wohl zu den besten Reisedokumenten weltweit. Und die deutsche Asylpolitik zu den restriktivsten. Perverserweise müsste Kalles Aussage heute dahingehend ergänzt werden, dass Flüchtlinge ohne nachgewiesenen Bürgerkriegshintergrund besser gar keinen Pass besitzen als einen schlechten.

Brecht schrieb die postum veröffentlichten Flüchtlingsgespräche im Jahre 1940/41, als er selbst im finnischen Exil auf sein Visum für die USA wartete. Und natürlich hat Brechts Emigration etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun wie jene der literarischen Figuren Ziffel und Kalle. Der eine ist Jude, der andere Kommunist. und alle sind sie auf der Flucht vor dem „Wieheißterdochgleich“ (Hitler).

Es kann davon ausgegangen werden, dass der Proletarier Kalle und der Intellektuelle Ziffel zwei Aspekte des einen Brecht sind. Doch die Verdienste der ansonsten recht unsichtbaren Inszenierung (Manfred Karge) bestehen darin, dass sie auf das historische Setting am Bahnhof in Helsinki nicht eingeht. Die Textfragmente mit dem größten Zeitbezug stehen im Vordergrund. Die haben es in sich.

Das Gespräch der Flüchtlinge ist von surrealer Komik und hintersinnigem Witz, wodurch sich jeder Identifikationsversuch mit einer Figur verunmöglicht. Ziffel fragt sich, „warum die linken Schriftsteller zum Aufhetzen nicht saftige Beschreibungen von den Genüssen anfertigen, die man hat, wenn man hat“. Worauf Kalle kontert: „Wir brauchen nicht den Appetit, wir haben den Hunger.“

Wer annimmt, dass die Klassenstandpunkte beider Protagonisten in Streit und Dogmatismus münden, liegt falsch. Ziffel und Kalle durchlaufen einen Anerkennungsprozess, der sie in wechselseitiger Rede und Gehör zu Freunden werden lässt. Mit subversivem Ergebnis: „Die beste Schule für Dialektik ist die Emigration“, weil die Flüchtlinge „für die Widersprüche ein feines Auge haben“. Ein starkes Wort, besonders im Kontext der globalen Migrationsbewegungen heute.

Flüchtlingsgespräche Manfred Karge. Weitere Termine unter berliner-ensemble.de

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 25/13 vom 20.06.2013

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