Flüstern lernen

Interview Mehr Klima war nie in der Kunst: Lucia Pietroiusti über Schnee im Mai und das unheimlichste Stranderlebnis der Saison
Ein Gefühl der Überwältigung stellt sich ein
Ein Gefühl der Überwältigung stellt sich ein

Foto: Giuseppe Cottini/ZUMA/Imago Images

Kein Kunstwerk hat sich dieses Jahr klüger und poetischer mit dem Klimawandel auseinandergesetzt als die Opern-Performance Sun & Sea (Marina) von Lina Lapelytė, Vaiva Grainyté und Rugilė Barzdžiukaitė im Litauischen Pavillon, die dafür auf der Biennale von Venedig zu Recht auch den Goldenen Löwen gewann. Kuratiert hat den Pavillon Lucia Pietroiusti, die in London eine in der Kunstwelt einzigartige Position innehat: Kuratorin für Allgemeine Ökologie Was macht man da eigentlich?

der Freitag: Frau Pietroiusti, im November hat ein Hochwasser in Venedig für katastrophische Zustände gesorgt. Hat es eigentlich auch den von Ihnen aufgeschütteten Sandstrand überflutet?

Lucia Pietroiusti: Da war unser Pavillon schon geschlossen. Wir hatten die Aufführungen kurz davor eingestellt, da wir nicht mehr in der Lage waren, die Halle für Performer in Badehose und Bikini zu heizen. Aber keine Frage, wir wären komplett überschwemmt worden. Das war nicht das einzige Mal, dass es zu Überschneidungen mit den realen Klimaverhältnissen kam. Schon während der Eröffnung Anfang Mai spielte das Wetter verrückt. Während es draußen hagelte und stürmte, sangen die Performer in Badeoutfits drinnen davon, dass es im Mai friert und der Schnee fällt.

Man erzählt sich, dass Besucher weinend den Pavillon verließen.

Vielleicht auch, weil das Szenario – ein Tag am Strand – so alltäglich ist, dass sich jeder damit identifizieren kann. Ganz allmählich verdichtet sich in den einzelnen Liedern, die in Form von Gesprächen, Gedanken und Träumen der Badegäste vorgetragen werden, das Bewusstsein einer Katastrophe, die irgendwo anders stattfindet, nur nicht hier am Strand: eine düstere Ahnung vom langsamen Zerfall unseres Planeten. Da das Ganze ein riesiges Tableau ist und die Performance im Loop läuft, sieht man immer nur einen Ausschnitt – und das meine ich auch im übertragenen Sinne: Eingeklemmt zwischen dem großen Ganzen und der eigenen Perspektive stellt sich so etwas wie ein Gefühl der Überwältigung ein. Es ist schlicht unmöglich, die gigantischen Ausmaße der Klimakatastrophe überhaupt zu verstehen.

Normalerweise ist der Ton in der Klimadebatte alarmistisch. Hat „Sun & Sea (Marina)“ gerade deswegen funktioniert, weil es einen eher unaufgeregten Stil pflegte?

Die Frage taucht immer wieder auf. Aber was heißt es vor dem Hintergrund der Klimakatastrophe, dass etwas „funktioniert“? Dass sich das Publikum in einer Stadt, die zwar durch ihre Lage in einer Lagune direkt vom Klimawandel betroffen ist, sich aber dennoch im privilegierten globalen Norden befindet, emotional berührt fühlt, während die Folgen des Klimawandels anderswo zugleich Gemeinschaften und Arten zerstören? Der Klimawandel ist nicht einfach nur ein Thema. Er besteht aus dem unendlichen, undurchdringlichen Zusammenspiel politischer Systeme, Regierungstechniken, Wirtschaftsmechanismen, Kolonialismus, wissenschaftlicher Paradigmen und vielem mehr. Letztlich hat man es mit einer 1:1-Karte der Welt zu tun: Der Klimawandel, die Katastrophe, ist der Zustand der Welt. Und wir tragen so oder so dazu bei. Da zu denken, es gäbe eine richtige Lösung für alles, ist absurd – ein techno-utopischer Traum à la Silicon Valley.

Zur Person

Lucia Pietroiusti, 1985 in Rom geboren, studierte u. a. Englische Literatur und Gender Studies am Trinity College, Dublin. Seit 2018 ist sie „Curator of General Ecology“ der Londoner Serpentine Galleries – die erste und bisher einzige in der Kunstwelt

Was soll man dann tun?

Man kann eigentlich nur für Kollaboration und Verknüpfung werben – in der Kunst wie überall anders auch. Manches ist aktivistisch und laut, anderes unsichtbar oder zurückgenommen. Man muss lernen, dass die eigene Position immer nur ein winziger Ausschnitt ist. In gewisser Weise geht es um eine Art kopernikanische Wende. Wir müssen uns „de-anthropozentrieren“ – und damit meine ich, verstehen, was es heißt, als Menschen nicht an der Spitze der Pyramide zu stehen, sondern wie alles andere auch in die konstante Transformation von Materie eingebunden zu sein. Erst dann begreift man, dass Kollaboration und Symbiose der allgemeine Modus Operandi der Welt ist und die Erzählung vom Individuum, das nach Gewinn und Einzigartigkeit strebt, nur ein Mythos, der längst nicht mehr funktioniert.

Was kann Kunst da im Speziellen beitragen?

Kunst und Literatur können helfen, neue Erzählungen, neue Bilder zu schaffen. Es gibt keinen Grund, warum morgen genauso aussehen soll wie heute. Wir machen die Welt jeden Tag aufs Neue auf Grundlage unserer Erzählungen. Und die kann man ändern. Kunst hat zudem ein ausgeprägtes Verständnis von Fürsorge und konkreter Verortung. Vor allem aber sind Künstler Amateure. Sie interessieren sich vage und allgemein für irgendetwas. Die Architektin und Autorin Keller Easterling hat in diesem Kontext einmal von „halb geschlossenen Augen“ gesprochen. In so einem Zustand erkennt man zuerst die Gemeinsamkeiten – und erst dann die Unterschiede.

Was macht man als Kuratorin für Allgemeine Ökologie?

Ziemlich viel. Die Arbeit speist sich aus den Recherchen zum „Extinction Marathon“, den Hans-Ulrich Obrist, der künstlerische Direktor der Serpentine Galleries, 2014 ausgerichtet hatte. Wir haben uns damals mit der Auslöschung der Arten auseinandergesetzt. Auf der Internetplattform „extinct.ly“ verwendeten wir auch das Symbol, das nun mit Extinction Rebellion bekannt wurde. Unser Programm ist absichtlich recht offen angelegt, sodass man schnell und reaktiv handeln kann. Natürlich entstehen zum einen Ausstellungen, Veranstaltungen, Radioprogramme und Bücher, die sich thematisch mit Klimathemen auseinandersetzen. Daneben gibt es aber auch eine ausgeprägte infrastrukturelle Komponente. Es geht darum, die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen und mit anderen Disziplinen voranzutreiben. Denn wir müssen davon wegkommen, dass wir uns in einem Wettbewerb um Ideen, Ressourcen und Aufmerksamkeit befinden. Und schließlich ist das General-Ecology-Programm eine Art Prototyp. Wir wollen herausfinden, wie so etwas innerhalb des Gefüges einer Kunstinstitution überhaupt funktionieren kann. Für mich ist das Programm wie eine Art Pilz, der unter der Oberfläche Netzwerke bildet und wuchert. Ich halte das für ein besseres Bild als das eines Daches oder Schirms.

Können Sie konkrete Projekte nennen?

Etwa das wiederkehrende Festival „The Shape of a Circle in the Mind of a Fish“, das sich mit Fragen eines artenübergreifenden Bewusstseins auseinandersetzt. Bei den ersten Veranstaltungen ging es darum, ob man zur Kommunikation überhaupt so etwas wie Sprache, Symbole oder auch nur Stimme braucht. Denn eigentlich heißt Kommunikation nichts weiter, als Zeit miteinander zu verbringen; Zeit, in der man sich beobachtet, sich umeinander kümmert und füreinander da ist. In anderen Veranstaltungen ging es um unser Verständnis des Individuums, wenn doch längst klar ist, dass 90 Prozent der menschlichen Körperzellen eigentlich Bakterien sind und wir sowieso schon eher „Wir“ und weniger „Ich“ sind. Oder um unser Verhältnis zu Pflanzen.

Wie spricht man mit Pflanzen?

Pflanzen machen auch nichts anderes als das, was wir immer für uns reklamieren, nur eben mit anderen Mitteln: Sie kommunizieren, sie teilen untereinander, sie kümmern sich um sich, gedeihen zusammen, warnen sich, wenn es nötig ist, und machen sogar Geräusche. Natürlich bleiben bestimmte Dinge unübersetzbar. Aber auch hier zählt letztlich: Zeit, Beobachtung und Fürsorge.

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