Flügel aus Flammen und Rosinen

Die Welt ist Poesie Ein Sammelband mit palästinensischer Lyrik

In meinem Lande/ Lieben die Menschen schwankendes Schilf ... Da ist niemand, der nach/Dem Odem des Basilikums/ Und den Schmetterlingen der Kindheit fragt". So schildert die 37 Jahre alte Lyrikerin Suheir Abu Aqsa in ihrem Gedicht Raum der Freiheit die nüchterne Stimmung in ihrer Heimat Palästina. "Bei uns / Werden die Wellen im Herzen des Landes geschlachtet/ Und der Schrei hüllt die Leichentücher der Gischt ein." Die Dichterin Abu Aqsa ist eine der zwei Lyrikerinnen, deren Stimmen sich mit denen von 30 palästinensischen Dichtern durchmischen und die wunderbar klangvollen Melodien der Anthologie Nach dem letzten Himmel erzeugen.

Diese bezaubernden Stimmen unterscheiden sich erheblich von den Stimmen der Vertreter der literarischen "Al-Ard"-Bewegung, die sich 1958 gegen die unerbittlichen Restriktionen der Israelis durchsetzte. Diese Bewegung, die von Emil Habibi, Tawfiq Fayyad, Muhammad Ali Taha und Hanna Ibrahim gegründet wurde, ermutigte besonders die Studenten, sich nicht mit ihrer literarischen Ohnmacht abzufinden. Bis in die siebziger Jahre wurden an den Universitäten literarische Lesezirkel ins Leben gerufen, in denen Gedichte vorgestellt und diskutiert wurden. Herausragende Vertreter dieses Genres sind die Poeten Mahmoud Darwisch, Samih al-Quasim und Rashid Husayn.

In ihren Gedichten erzählen sie überwiegend vom Leid der Palästinenser. Hoffnung und Sehnsucht wechseln sich mit der Trauer über die verlorene Heimat ab. Lyrische oder individualistische Elemente bedienen mit ihrer Poesie das Hauptanliegen dieser Lyrik: die politischen und sozialen Probleme der Bevölkerung. Ihre Vertreter dichten vor allem über den nationalen Konflikt und seine Folgen, über die politischen Restriktionen und den Widerstand der Palästinenser sowie über das Elend in den Flüchtlingslagern. Vielleicht hätten ein Sieg und der Frieden den palästinensischen Dichtern weniger Inspiration gegeben als der Kampf, die Niederlage und die Hoffnungslosigkeit.

Die politische Poesie entwickelte ihre eigenständige Symbol- und Bildsprache. Die wichtigsten Bilder dieses Symbolinventars stammen aus dem Naturbereich. Oliven-, Mandel- und Feigenbäume, die Orange und der Obstgarten versinnbildlichen das Land und die organische Beziehung zwischen dem palästinensischen Menschen und seiner Erde. Himmel, Sonne, Meer, Felsen, Adler und Pferd stehen für die Freiheit und die Revolution, während wilde und bösartige Tiere wie Wolf, Schakal und Raben für den Feind eingesetzt werden. Palästina wird in der Figur der Geliebten oder der Mutter dargestellt, die immer Erd- und Lebensnähe ausstrahlt.

In dieser Anthologie nun bleibt das explizit Politische als "Gebrauchs- und Wegwerfliteratur" außen vor. Der Band hat den Anspruch, die "unpolitischen" Gedichte von den nach 1950 geborenen Lyrikern vorzustellen. Was sich in dieser Sammlung zeigt, ist das verschobene Verhältnis zwischen dem Wir, dem Ich und dem Sie/Er als Symbolbild der Heimat, des Dichters. Noch immer wird er im Orient wie ein Prophet gefeiert. Das Wir, das in der explizit politischen Poesie in den Vordergrund gestellt wird, ist hier in eine schmerzvolle Vergangenheit verbannt worden. In den meisten Gedichten dieser Lyriksammlung regiert ein Ich. Es residiert in den Verlustregionen, betrauert sich selbst in der schwindenden Erinnerung, wie in dem Gedicht Fluch von der 35-jährigen Lyrikerin Rana Nezzal, die heute als Lehrerin in Amman arbeitet: Ich eröffne die Jahreszeiten des Weinens/Ich feiere die Feuchtigkeit der Sekunden und Schluchze/ Hier habt ihr den Kern des Herzens/Zerkaut ihn langsam/und du, oh Seele, erbrich deine Bitterkeit/Auf die Fußspuren derer, die/Über meinen Leib gewandert sind/Und bewirkten, dass das Herz sie verflucht/Ohne dabei zu weinen! Wenn aber kein Ich da ist, werden diese Gedichte auf verblüffende Weise menschenleer. Dann "sprechen" die Gegenstände in einer bildhaften, hoch individualisierten Anordnung wie im Gedicht Weiße Finsternis des 42-jährigen Poeten Ali Al-Amiri: "Sie saß neben dem eingerollten Blitz/Ihr Jackett war tiefgrün/Ihr Verlangen eine Treppe/Mit Flügeln aus Flammen und Rosinen". Dieses Sie/Er ist meist ein maskiertes Ich. Denn es berichtet von den intimen Momenten, die eigentlich nur ein Ich schildern kann, wie das Gedicht Sie war kein Jungfrau der Dichterin Suheir Abu Aqsa: "Sie war keine Jungfrau /Doch sie war wie die Lilie nahe den Bächen/ Sie war wie die Träume des Abends/Sie war ein sich brechender Lichtstrahl/Der sich mir unter den Flügel schmiegte".

In diesem Buch ist die Dichtung meist eine Sprache des klagenden Gedächtnisses, wie im Gedicht Psalm des 46-jährigen Zuheir Abu Sha´ib, der in Amman lebt: "Ach/Meine Worte, die ich nicht sagte, schmerzen mich./Ach/Meine Worte, die ich sagte, schmerzen mich/Ach/ Meine Worte, die die anderen sagten, schmerzen mich/Ach, wie wird meine Stimme brüchig."

Mag die Stimme des lyrischen Ich auch brüchig werden, in diesem Gedichtband finden sich keine brüchigen Autorenstimmen. Alle Gedichte kombinieren klar Erfahrung, Beobachtung und Nachdenken. Sie erzeugen keine melancholische Reflexion, sondern lösen eine Energie, eine Strahlkraft aus, die Schmerz und Hoffnung, Zorn und Unerreichbarkeit, Ironie und Fairness miteinander verbindet, wie im Gedicht Erstes Bittgebet des 41-jährigen Lyrikers Othman Hussain aus Gaza-Stadt: Der Weg zu dir ist beschwerlich, oh Gott/Die heute Abend geschriebenen Briefe wirst du nicht erhalten/Drum/Wirst du nicht die Kälte aufheben/Und wirst den Soldaten nicht befehlen abzuziehen/Du wirst den blauen Hut nicht tragen, wenn du durchs Flüchtlingslager gehst/Und wir werden Heute Abend nicht rufen/Hilfe/Rette uns aus dem Feuer, oh Gott. Die Innovationskraft dieser Lyrik zeigt sich besonders in den kühnen Bildfindungen. Da "hechelt die Umarmung", man hat die Befürchtung, dass "der Geruch, an dem man hängt, vertrocknet", und "die Palmen" verwandeln sich in "einen Gendarm." Hier ist die Zeit bedeutungslos, die Uhr übernimmt die Sonne. In dieser surreal-realen Welt versinkt die Bedeutung des Wirs und Ichs in einem fernen Land aus Meer und Schatten, das Palästina heißt. Was übrig bleibt, zeigt uns der 44-jährige Bassim An-Nabris: "Auch wenn Intifada ist/Auch wenn du nur einen einzigen Schekel /in der Tasche hast/Die Welt ist voller Poesie/Die Welt ist Poesie."

Khalid al-Maaly (Hg.): Nach dem letzten Himmel. Neue palästinensische Lyrik (zweisprachig; arabisch-deutsch). Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly und Heribert Becker. Kirsten-Gutke-Verlag, Köln 2003, 397 S., 20 E


00:00 02.04.2004

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