Flügelkämpfe

Zwiespältiges Erbe Vor 90 Jahren wurde die KPD gegründet

Rosa Luxemburg war ursprünglich gegen die Gründung einer neuen Partei zum damaligen Zeitpunkt und hätte es vorgezogen, noch eine längere Zeit innerhalb der Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD) auf größere Arbeiterschichten Einfluss zu nehmen. Erst auf Drängen Karl Liebknechts wirkte sie maßgeblich an der Bildung der Kommunistischen Partei Deutschlands mit, deren Gründungsparteitag vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 - mitten in der Revolution - stattfand. Luxemburgs Position, an den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung teilzunehmen, um sie als Tribüne der revolutionären Agitation zu nutzen, konnte sich nicht durchsetzen. Stattdessen ließen sich im Januar Teile der Partei auf ein putschistisches Abenteuer ein. Luxemburgs und Liebknechts Ermordung durch die Freikorps Gustav Noskes nahm der Organisation die Führungspersonen, die mit dem Konzept einer revolutionären Politik im Respekt vor der Arbeiterdemokratie der Partei vielleicht eine andere Richtung hätten geben können.

In den ersten Jahren der Weimarer Republik schwankte die 1920 durch den Zusammenschluss mit dem linken Flügel der USPD zur Massenorganisation gewordene KPD zwischen Einheitsfrontpolitik und willkürlichen Aufstandsversuchen, letztere wie die Märzaktion von 1921 auch von der Exekutive der Kommunistischen Internationale betrieben. Nachdem 1923 der "deutsche Oktober" gescheitert war, dominierte mit Ruth Fischer und Arkadi Maslow eine linksradikale Führung, die trotz der Konsolidierung der politischen Verhältnisse weiter eine revolutionäre Situation unterstellte. Sie trieb die KPD binnen kurzem in die politische Isolation und ging gegen innerparteiliche Gegner mit Ausschlüssen vor. "Luxemburgismus" - die "Syphillis der kommunistischen Bewegung", so Ruth Fischer - wurde zum Schimpfwort in der Partei.

Ab Mitte der zwanziger Jahre - in der Sowjetunion hatte eine Schicht von Bürokraten die Macht übernommen - setzte dann der Prozess der Stalinisierung ein, durch den Ernst Thälmann an die Parteispitze gelangte. Wie die anderen Parteien der Kommunistischen Internationale degenerierte die KPD zunehmend zum Instrument der russischen KP, die Machterhalt und Privilegien an die Stelle revolutionärer Ziele gesetzt hatte. Spätestens 1929, nur zehn Jahre nach ihrer Gründung, war aus der Partei Liebknechts und Luxemburgs eine Organisation geworden, in der der Apparat bestimmte, der seinerseits Empfänger Moskauer Direktiven war. Unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise stieg die Zahl der Wähler von 3,3 Millionen 1928 auf knapp sechs Millionen 1932.

Zwar nahm dadurch die Bedeutung der KPD erheblich zu, eine Stärkung des Kampfes gegen den Faschismus bedeutete das aber nicht - im Gegenteil. Die KPD betrieb im Namen einer "Revolutionären Gewerkschaftsopposition" die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung und erklärte die Sozialdemokraten zu Sozialfaschisten. Thälmann verkündete: "SPD und NSDAP sind Zwillinge", und die SPD sei sogar gefährlicher als die Nazis. Das erleichterte dem deutschen Faschismus, an die Macht zu gelangen. Die Nazis dankten es mit dem sofortigen KPD-Verbot und der blutigen Verfolgung ihrer Mitglieder und Anhänger.

Der Mut und die Opferbereitschaft zehntausender von Kommunisten im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur sind unbestreitbar. Tatsache ist aber auch, dass Stalin ihnen in den Rücken fiel, als er 1939 den Pakt mit Hitler einging. Dass viele deutsche Kommunisten, die Zuflucht in der Sowjetunion gesucht hatten, dort Opfer diverser Säuberungswellen und von Stalins GPU erschossen wurden, gehört zu den bittersten Erfahrungen der Linken im 20. Jahrhundert.

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00:00 18.12.2008

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