Fluss ohne Brücke

Wasserscheide Warum der Kongo-Strom bis heute nicht nur zwei Staaten, sondern auch Völker und politische Kulturen teilt
Fluss ohne Brücke
Die Rotnasen- heißt auch Nacktgesicht-Grüntaube und ist weder auf Brazzaville noch Kinshasa festgelegt

Foto: Per-Anders Pettersson/Getty Images

Es ist Sonntagmorgen, und die Menschen drängen in Scharen zu den zahlreichen Kirchen am westlichen Stadtrand von Kinshasa. Das heißt, sie betreten scheunenartige Hallen, um zu hören, wie die Priester das Wort Gottes verkünden. Auf der Terrasse des Chez Tintin, eines der bekanntesten Restaurants der Stadt, schlagen zu dieser Stunde nur ein paar Fischer und Touristen die Zeit tot. Jenseits der Plastiktische des Etablissements fließt hinter einer niedrigen Ziegelmauer der Kongo. Bis Kinshasa hat der Strom bereits 4.500 Kilometer zurückgelegt, ist an dieser Stelle knapp 1.000 Meter breit und drängt mit enormer Wucht durch sein Flussbett.

Dieser Wasserlauf ist der Grund dafür, dass hier zwei Hauptstädte so eng beieinanderliegen wie nirgendwo sonst auf der Welt: Kinshasa, die Kapitale der Demokratischen Republik Kongo (DRK), und Brazzaville, Hauptstadt der verwirrenderweise fast gleich lautenden Republik Kongo (RK). Stromaufwärts verbreitert sich der Kongo und ist bis weit ins Landesinnere schiffbar. Unterhalb der Stromschnellen bei Kinshasa/Brazzaville jedoch – auf den 450 Kilometern bis zu seiner Mündung in den Atlantik – kann den Fluss kein Schiff befahren.

Dieser geografische Umstand war Ende des 19. Jahrhunderts von entscheidender Bedeutung, als Frankreich und Belgien an den Ufern des Stroms rivalisierende Kolonien errichteten. Elfenbein, Kautschuk und andere Rohstoffe konnten per Schiff bis zu den Stromschnellen gebracht werden – dann war Schluss. So verlegten die beiden Kolonialmächte jeweils eine eigene Eisenbahnstrecke zum Atlantik. Die Belgier bauten die ihre in den 1890er Jahren entlang des südlichen Flussufers, die Franzosen zogen 30 Jahre später auf der nördlichen Seite nach. Die Schienen begannen an der Stelle, bis zu der gerade noch Güter auf dem Wasserweg transportiert werden konnten.

Flugzeit fünf Minuten

Genau hier liegen heute Kinshasa und Brazzaville, Letzteres benannt nach Pierre de Brazza, dem jungen französischen Entdecker, der den Weg dafür bereitete, dass man in Paris das Territorium als afrikanische Filiale dem eigenen Staat einverleiben konnte. Rivalitäten und Missgunst sind daher recht tief in das Erbgut der beiden Städte versenkt. Sie haben zwar gemeinsame Wurzeln, sind aber durch den berühmten Strom getrennt.

Wenn Joseph Kabila, der 45-jährige Präsident des Landes, das 2001 zur Demokratischen Republik Kongo wurde, in seinem schwerbewachten Haus in Kinshasa zum Fenster hinausblickt, sieht er direkt gegenüber eine neu erbaute Brücke, die bei Nacht mit rosafarbenen und gelben Lichtbündeln angestrahlt wird. Es handelt sich um die Route de la Corniche, ein prestigeträchtiges Projekt, das einen kleineren Nebenfluss am nördlichen Ufer des Kongo überbrückt und zwei reiche Viertel von Brazzaville miteinander verbindet, wo Kabilas Gegenpart, der 73-jährige Denis Sassou-Nguesso, seit 1979 – unterbrochen nur von fünf Jahren Bürgerkrieg zwischen 1992 und 1997 – regiert. Es handle sich, sagt ein westlicher Diplomat, um eine „Brücke ins Nichts“ und versinnbildliche die Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Zweimal pro Woche verkehrt ein Flugzeug zwischen den beiden so eng beieinanderliegenden Hauptstädten. „Willkommen an Bord, unsere Flugzeit beträgt fünf Minuten“, melden sich die Stewardessen, bevor die Maschinen abheben. Den wichtigsten Transitweg stellt aber der Kongo dar, der täglich von Tausenden Pendlern mit rostigen Fähren und schnellen, aber beängstigend leichten, über die Wellen hüpfenden Booten überquert wird.

Professor Kambayi Bwatshia lebt in einer kleinen Villa im Zentrum von Kinshasa, er hat Regime auf beiden Seiten kommen und gehen sehen und miterlebt, wie beide Metropolen stetig wuchsen. Kinshasa zählt heute zwölf Millionen Einwohner, Brazzaville drei. Zuweilen hält Bwatshia in Brazzaville Lektionen über internationale Beziehungen, lehrt sonst aber an der Universität von Kinshasa. „Ich habe immer das Gefühl, nach Hause zu kommen, egal, wohin ich unterwegs bin. Die Menschen auf beiden Seiten haben den Kongo eigentlich nie als etwas Trennendes gesehen, sondern als eine Passage, über die man kommt und geht, um einen Freund oder einen Bruder zu treffen. Eigentlich sind die Bevölkerungen hier wie da wirtschaftlich, spirituell und religiös vereint.“ Wenn es Spannungen gäbe, dann seien sie ein Erbe des europäischen Imperialismus. „Die Kolonialmächte sorgten für Trennendes, das sich dann im Denken der Menschen niederschlug, wie dies auch andernorts in Afrika der Fall ist.“

Wie eine Mauer

Nach Jahrzehnten unsäglicher Misswirtschaft und Ausbeutung unter den belgischen Autoritäten wurde Kinshasa, damals noch Léopoldville, Ende Juni 1960 Hauptstadt eines unabhängigen Kongo. Brazzaville, das für die Franzosen im Zweiten Weltkrieg eine Art Refugium war, wurde zwei Monate später in die Souveränität entlassen. „Jede Kolonialmacht beutete die Kolonien derart aus, wie das ihren Zielen und ihrer Mentalität entsprach. Das hat beide Städte maßgeblich beeinflusst. Der Fluss, der einst eine Brücke war, wurde dadurch auch zu einer Mauer“, so Bwatshia.

Der Kalte Krieg verstärkte die vom Kolonialismus geschaffenen Gegensätze weiter. 1965 übernahm der Ex-Obrist Joseph Mobutu (der seinen Namen später in Mobutu Sese Seko änderte) die Macht in Belgisch-Kongo – drei Jahre später rief der ehemalige Fallschirmjäger Marien Ngouabi auf der anderen Flussseite eine sozialistische Volksrepublik aus. Trotz seiner Brutalität und Korruptheit wurde Mobutu vom Westen als Bollwerk gegen diesen Versuch gesellschaftlicher Erneuerung unterstützt. Ngouabis Staat brach die diplomatischen Beziehungen mit den USA ab und wandte sich der Sowjetunion wie China zu, auch wenn es von Frankreich als ehemaliger Kolonialmacht weiter umworben wurde.

Beide Städte sind bis heute von Zeugnissen jener Zeit geprägt. In Kinshasa findet man noch jede Menge zerfallender Monumente aus der Ära der 32 Jahre dauernden Herrschaft Mobutus, etwa den 1971 erbauten, 200 Meter hohen Turm von Limete, ein Denkmal für den kongolesischen Unabhängigkeitsführer Patrice Lumumba – während Brazzaville vom über 100 Meter hohen Tour Nabemba dominiert wird, einem Büroblock, der in den 80ern mit Geldern französischer Ölmultis errichtet wurde.

In der jüngeren Vergangenheit sorgte das Anschwellen krimineller Gewalt dafür, dass viele immer wieder das Flussufer wechselten. In ihrem Roman In the Footsteps of Mr. Kurtz über die letzten Jahre Mobutus schreibt die Schriftstellerin Michela Wrong: „Die Menschen strömen unaufhörlich von Brazzaville nach Kinshasa, von Kinshasa nach Brazzaville hin und her, je nachdem, welche Stadt gerade als die gefährlichere gilt.“ 2001 wurde Joseph Kabilas Vater Laurent, der 1997 Mobutu gestürzt hatte, in seinem Präsidentenpalast von einem jungen Soldaten erschossen. Dieser soll zusammen mit anderen Verschwörern über den Fluss aus Kinshasa geflohen und irgendwo in Brazzaville untergetaucht sein.

Ein mutmaßlicher Anschlagsversuch auf das Leben von Joseph Kabila im Jahr 2011, der dem Nachbarn angelastet wurde, führte zu einem Bruch in den diplomatischen Beziehungen, die seither gestört bleiben. Zehntausende Bürger der Demokratischen Republik Kongo, die Arbeit in Brazzaville gefunden haben, werden auch deshalb regelmäßig ausgewiesen und müssen danach in Kinshasa ein Dasein unter erbärmlichen Umständen fristen. Doch die schiere Ungleichheit, was die Größe beider Länder (Kongo-Kinshasa hat 80 Millionen, Kongo-Brazzaville fünf Millionen Einwohner) anbelangt, hat dafür gesorgt, dass es nie zu erbitterter Feindschaft kam.

Die politische Krise, von der die Demokratische Republik Kongo seit Monaten erfasst ist, wird natürlich auch auf der anderen Seite des Kongo mit Sorge verfolgt. Als Joseph Kabila mit dem Versuch scheiterte, die Verfassung zu ändern, um sich eine dritte Amtszeit zu verschaffen, kam es vielerorts zu Gewaltausbrüchen, bei denen Schätzungen zufolge 40 Menschen starben.

Keine 24 Stunden bevor Kabila Ende 2016 hätte abtreten müssen, waren die Fähren zwischen beiden Städten voller als sonst. An den Ständen der Geldwechsler mit ihren Stapeln ausgewaschener kongolesischer Francs und den Fotokopierern, mit denen wichtige Dokumente vervielfältigt werden können, standen an den rostigen Toren in der drückenden Hitze massenhaft Menschen um Tickets an. Gepäckträger schleppten Koffer, verschnürte Plastiktüten und Säcke. Mit Kalaschnikows bewaffnete Polizisten beobachteten das Chaos, griffen aber nicht ein. Manche der Reisenden wollten lediglich über Weihnachten zu ihren Verwandten fahren oder Zucker gegen Billigtextilien eintauschen.

Plötzlich hielt ein Luxus-Allradwagen vor den Rampen, die zu den Fähren führen. Eine große, schlanke Frau stieg aus, flankiert von einem korpulenten Mann mit einem Radio. Schnell wurden sechs Gepäckträger angeheuert und fünf gigantische Koffer sowie ein in Italien hergestellter Babysitz auf sie verteilt. Vier missmutige Teenager in Basecaps und Skinny Jeans folgten. Sie wollten weg, sagte einer, und der Gewalt entfliehen, die für die darauffolgende Woche vorhergesagt worden war, zunächst seien sie in Brazzaville am sichersten.

Angeblich werden Machbarkeitsstudien für eine vier Kilometer lange und 1,7 Milliarden Dollar teure Brücke erstellt, um die Zentren von Brazzaville und Kinshasa zu verbinden. Es gibt bereits ein halbes Dutzend solcher Studien, doch dürfte es einigermaßen unwahrscheinlich sein, dass jemand selbst in der fernen Zukunft ein Projekt von derart epischen Ausmaßen in die Hand nimmt. Bis dahin fahren weiter die Fähren mit Studenten, Lehrern, Händlern und Politikern, und die Gäste im Chez Tintin erfreuen sich am Anblick der Stromschnellen.

Jason Burke ist Afrika-Korrespondent des Guardian mit Sitz in Johannesburg

Übersetzung Holger Hutt

06:00 08.03.2017

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