Wenn das Eis schmilzt

Sparen Die Krise zieht weiter Kreise: Mittlerweile hat sie auch den Sport erreicht
Ab jetzt auch im Stadion: Licht aus!
Ab jetzt auch im Stadion: Licht aus!

Foto: David Ramos/ Getty Images

Die Weißblechdose fliegt auf die gelbe Tonne zu, doch da fährt die Torwartpranke von Manuel Neuer dazwischen, und er ermahnt die fröhlich mit der Dose kickenden Benders: „Da ist doch noch Pfand drauf.“ Aus dem Off ertönt die Anweisung von Joachim Löw: „Jungs, jetzt macht mal ’s Licht aus.“ Die Bender-Zwillinge Lars und Sven sind inzwischen fußballerisch invalidisiert, Löw ist Bundestrainer a. D. und Privatier und nur noch der ewige Manuel Neuer im Geschäft. Aus dem Jahr 2012 ist der Spot, mit dem der Deutsche Fußball-Bund für seinen Umweltcup warb. Tatsächlich hatte der Verband unter den ihm angehörenden 25.000 Vereinen mal einen Wettbewerb im sparsamen Umgang mit Energie und Ressourcen ausgerufen. Als wäre der DFB seiner Zeit voraus gewesen.

Das war damals vor allem eine Imagekampagne, die Nationalmannschaft sollte auf der Seite der guten, der nachhaltig denkenden Menschen stehen. Dass die Spieler die Ideale aus dem Film lebten, darf bezweifelt werden. Doch nun stellen sich viele dieser Fragen ernsthaft: Muss der große Fußball öfter mal auf üppige Beleuchtung verzichten, weil für ein Flutlichtspiel unverantwortlich viel Strom aufgewendet wird? Sollte man eine Saison nicht dem Kalenderjahr angleichen, die warmen Sommermonate für den Spielbetrieb nutzen und das Einschalten der Rasenheizung minimieren? Oder ist es notwendig, das Spielfeld die ganze Woche über mit einer Höhensonne zu bestrahlen, weil in die modern gebauten stimmungskesseligen Stadien zu wenig natürliches Licht eindringen kann?

Auch andere Sportarten werden unter neuen Gesichtspunkten betrachtet: Eissport – was für ein Energiefraß, das Eis kühl und die Sitzreihen darum herum behaglich warm zu halten. Schneesport – ohnehin ökologischer Wahnsinn. Ja, sogar eine aus der Natur stammende Disziplin wie der Kanuslalom erweist sich als zulasten anderer Interessen gehend: Der 1972er-Olympia-Standort Augsburg muss für die Weltmeisterschaft auf seinem legendären Eiskanal Wasser aus dem Fluss Lech abzweigen, das eigentlich den Wasserkraftwerken für die Versorgung der Haushalte zustünde. Und das durch Hitzewellen wie die derzeitige knapper wird.

Es war leicht für den professionellen und Publikumssport, sich als gewissenhaft darzustellen, solange es keinen Mangel gab. Doch ist er bereit, Einschränkungen in naher Zukunft nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben? Oder wird er darauf bestehen, eine Sonderrolle zu spielen? Wie in der ersten Phase der Corona-Pandemie 2020: Da gelang es vor allem dem Fußball, sich über die Einschränkungen der Infektionsschutzverordnungen hinwegzusetzen. Die Begründung lautete: Wir bieten die Ablenkung von der Tristesse der Pandemie und sind daher systemrelevant. Die Argumentation in der Energiekrise könnte eine ähnliche sein: Der Mensch braucht seine Show, die Show muss daher geschützt werden.

Unter dem Gesichtspunkt, dass der CO2-Fußabdruck des Riesen Fußball verkleinert werden muss, ist man ja versucht, der Weltmeisterschaft im Winter in Katar etwas abzugewinnen: Mannschaften und Fans müssen zwischen den Spielen nicht Tausende von Kilometern zurücklegen, alle WM-Stadien liegen zueinander in der Nachbarschaft, da wird theoretisch viel Reisebewegung eingespart.

Jedoch: Katar ist zu klein, um alle Besucher im Land unterzubringen, weswegen diese in anliegenden Staaten wohnen und täglich Shuttleflüge hin und zurück nehmen sollen. Pendeln in neuer, dreister Dimension. Der Umweltcup der FIFA wird in Katar definitiv nicht ausgespielt. Auch wenn Mahner Neuer da sein wird.

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